PCOS: Häufiger Grund für Unfruchtbarkeit

Das Polyzystische Ovarialsyndrom, eine Hormonstörung, betrifft etwa acht Prozent der Frauen. Sie leiden unter Haarausfall, unreiner Haut – und tun sich schwer, schwanger zu werden

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 21.11.2016

Im Ultraschallbild kann der Arzt erkennen, ob ein PCOS vorliegt. Die Eierstöcke sind dann polyzystisch


Er beschrieb die Frauen als "übergewichtig und unfruchtbar, mit zwei Eierstöcken, größer als normal, pickelige und glänzende Haut, oft blass, wie ein Taubenei". Aus dem Jahr 1721 stammt die Diagnose des italienischen Wissenschaftlers Antonio Vallisneri. Es handelt sich dabei um die erste Beschreibung eines Krankheitsbildes, das der Wissenschaft heute noch viele Rätsel aufgibt: PCOS.

Hinter dem Begriff Polyzystisches Ovarialsyndrom verbergen sich zahlreiche Beschwerden und Veränderungen. Betroffene Frauen haben häufig keine oder nur selten Eisprünge. Sie weisen meist überdurchschnittlich viel männliche Hormone auf, leiden unter Haarausfall am Kopf, starker Behaarung im Gesicht oder am Körper. Die Regel kommt unregelmäßig oder gar nicht. PCOS ist deshalb einer der häufigsten Gründe für ungewollte Kinderlosigkeit. "Fünf bis acht Prozent der Frauen sind weltweit betroffen", schätzt Dr. Aida Hanjalic-Beck vom Centrum für gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin in Freiburg. Inzwischen hat die Forschung allerlei Waffen gegen PCOS im Köcher. Hier die wichtigsten Fragen.

Welche Ursachen hat PCOS?

Darüber sind sich die Experten nicht einig. Fest steht aber: "Veranlagung spielt eine wichtige Rolle", erklärt Han­jalic-Beck. Aber auch, wie sich die Mutter in der Schwangerschaft ernährt hat, kann entscheidend sein. Hat sie stark zugenommen, sich mit viel Weißmehl und Zucker ernährt, steigt offenbar auch das Risiko eines ungeborenen Mädchens, später das Syndrom zu entwickeln, zeigen Studien.

Überhaupt scheinen übergewichtige Frauen besonders oft an PCOS zu leiden. Die extra Kilos ziehen häufig eine Resis­tenz gegen Insulin nach sich. Und schon kommt ein Teufelskreis in Gang. Insulin ist ein Hormon im Körper, das dafür sorgt, Zucker aus dem Blut in die Zellen zu befördern. Bei einer Insulinresistenz ist dieser Mechanismus gestört, der Insulinpegel im Blut steigt an. Die Eierstöcke reagieren auf den erhöhten Insulinspiegel, sie sind eng mit diesem Kreislauf verzahnt.

Wie kann man die Erkrankung feststellen?

Zunächst untersucht der Arzt mittels Ultraschall die Eierstöcke. Bei Frauen mit PCO-Syndrom sind sie oft vergrößert und weisen zahlreiche kleine Erhebungen auf. "Polyfollikulär" nennen Ärzte solche Eierstöcke – weil sie voll mit Eizellen stecken. Der Grund: "Die innere Uhr der betroffenen Frauen funktioniert nicht", erklärt Hanjalic-Beck. Die Hormone spielen verrückt, das führt auch dazu, dass Eisprünge selten oder gar nicht stattfinden. Was genau aus dem Takt ist, zeigen Blutwerte. Bei Frauen mit PCO-Syndrom sind unter anderem die Konzentrationen der männlichen Hormone erhöht. Laut der jüngsten Definition dieses diffusen Krankheitsbildes müssen, zusammengefasst, mindes­tens zwei der drei Merkmale ­auftreten:

  • Zyklusstörungen, die durch seltene oder fehlende Eisprünge gekennzeichnet sind. Diese lassen sich etwa durch eine Temperaturkurve oder einen Bluttest ermitteln.
  • Ein erhöhter Spiegel an männlichen Sexualhormonen im Blut oder äußere Anzeichen eines Androgen-Überschusses, etwa stärkere Behaarung am Körper oder im Gesicht oder starke Akne. Ein Bluttest bringt Gewissheit.
  • Zahlreiche, kleinblasige Veränderungen an den Eierstöcken, die etwa im Ultraschallbild zu erkennen sind.

Kann man mit Abnehmen etwas erreichen?

Unbedingt! Am wichtigsten für übergewichtige Frauen ist, "ihren Stoffwechsel anders einzustellen", sagt Hanjalic-Beck. Am unkompliziertesten geht das mit Sport und mit gesünderen Essgewohnheiten. "Es gibt kleinere wissenschaftliche Studien, die einen günstigen Einfluss der Ernährung auf das PCOS bestätigen", sagt Kers­tin Futterer, Ernährungswissenschaftlerin aus Walzbachtal-Jöhlingen. Das funktioniert mit mehr Vollkornprodukten, Obst und ­Gemüse, einem weitgehenden Verzicht auf Zucker und Weißmehl. "Dies kann die Insulinsensibilität des Körpers verbessern", so die Expertin. Ganz auf Kohlenhydrate zu verzich­ten, wie es in manchen Internet-Foren zu PCOS empfohlen wird, hält die Ernährungswissenschaftlerin für Quatsch. "Es geht darum, vollwertige Kohlenhydrate über den Tag zu verteilen." Die Ernährungsgewohnheiten umzustellen lohnt sich: "Bereits eine Gewichtsabnahme von fünf Prozent wirkt sich auf den Stoffwechsel aus", sagt Futterer. Das Resultat: eine schönere Haut, weniger Haarwuchs im Gesicht, regelmäßigere Zyklen.

Was, wenn Abnehmen nichts hilft?

Je nachdem, worunter die Patientin leidet, kommen jetzt diverse Strategien zum Einsatz. Geht es vor allem darum, vermehrten Haarwuchs und schlechte Haut in den Griff zu bekommen, hilft eine bestimmte "Pille". Dann verschreibt der Arzt Präparate mit einem bestimmten Progesteronanteil, der gegen männliche Hormone wirkt. Etwa 60 Prozent der Frauen mit PCOS haben einen gestörten Zuckerstoffwechsel, sie haben eine Insulinresistenz. Das lässt sich durch einen oralen Glukosetoleranztest nachweisen. Ihnen hilft Metformin, ein Wirkstoff, den auch Menschen mit Typ-2-Diabetes erhalten.

Verborgenes Leiden

Erst der Einblick mittels Ultraschall bringt Gewissheit. Bei Frauen mit PCOS sind oft die Eierstöcke vergrößert, sie sind polyzystisch. Es handelt sich hierbei aber nicht um Zysten, sondern um zahlreiche Eibläschen, die nicht ­­heranreifen und verkümmern.

Die Ursache ist eine erhöhte Konzentration männlicher Hormone. Diese sorgen dafür, dass bei vielen Betroffenen die Regel ausbleibt und sie keinen Eisprung haben.

Wie wirkt Metformin?

Es verbessert die Insulinverwertung. Das wirkt sich günstig auf das PCOS aus. Sinkt die Insulinresis­tenz, wird bei den betroffenen Frauen unter anderem die Produktion der männlichen Hormone weniger angeregt. Außerdem verändert sich der Fettstoffwechsel.

Allerdings ist der Wirkstoff Metformin noch nicht für die Behandlung von PCOS zugelassen. "Betroffene Patientinnen müssen also beim Arzt unterschreiben, dass sie mit dieser Behandlung einverstanden sind", erklärt Professor Chris­toph Keck, Leiter des Fachbereichs Gynäkologie am Endokrinologikum Hamburg. Metformin wird dann im Rahmen eines sogenannten Heilversuches als Privatrezept verschrieben und muss oft selbst bezahlt werden. 30 Tabletten kos­ten etwa vier Euro. Manchmal übernehmen dies die Kassen. Nachfragen lohnt sich also.

Kann man trotz PCOS schwanger werden?

Ja, aber PCOS-Patientinnen brauchen dazu oft Medikamente, da sie selten oder nie Eisprünge haben. "Ein Eisprung kann mit Medikamenten, etwa mit dem Wirkstoff Clomifen, ausgelöst werden", erklärt Keck. Bei 70 Prozent der Frauen funktioniert das. Allerdings muss man das Mittel sehr vorsichtig dosieren, weil sonst zu viele Eizellen auf einmal reifen. Manchmal helfen auch chirurgische Methoden. Bei der sogenannten Laser-Stichelung werden die Bläschen, die sich außerhalb des Eierstocks befinden, angestochen und so entfernt. "Die Maßnahme unterbricht den hormonellen Teufelskreis und reguliert die Hormonproduktion. Anschließend kann man dann den bislang unerfüllten Kinderwunsch besser behandeln", erklärt Hanjalic-Beck. Klappt eine Behandlung mit Clomifen nicht, setzen Ärzte das Hormon FSH ein – die Methode ist aber viel teurer und erheblich aufwendiger, weil Frauen dafür regelmäßig Spritzen erhalten müssen.

Brauchen werdende Mütter mit PCOS eine besondere Betreuung?

Sogar dringend. So scheint die Fehlgeburtsrate etwas erhöht zu sein, unter Umständen liegt das am erhöhten Insulinspiegel. Frauen mit PCOS haben außerdem ein größeres Risiko, an Schwangerschafts­diabetes zu erkranken. Sie sollten also regelmäßig darauf untersucht werden. Beobachtungsstudien zeigen, dass Metformin die Rate der Fehl- und Frühgeburten deutlich senkt. "Deshalb geben wir es den Frauen, die es benötigen, auch während der ganzen Schwangerschaft", erklärt Keck. Zugelassen ist diese Behandlung aber in Deutschland nicht, weil größere Untersuchungen fehlen und noch nicht eindeutig bewiesen werden konnte, ob es nicht doch zu Fehlbildungen kommt. Manche Kliniken setzen Metformin deshalb während der Schwangerschaft nicht ein. "Ich würde aber jeder werdenden Mutter mit Insulinresistenz dazu raten", so Keck. "Wir haben seit vielen Jahren bei werdenden Müttern mit einer Insulinresistenz nur positive Erfahrungen damit gemacht."

Muss man PCOS immer ­behandeln?

Nicht zwingend. Wenn eine Frau schlank ist, keine Beschwerden hat und keine Insulinresistenz aufweist, kann man abwarten. Bei übergewichtigen Frauen besteht aber immer das Risiko, dass sich aufgrund der Insulinresistenz und der Gewichtszunahme Folgeerkrankungen entwickeln, etwa Bluthochdruck oder Diabetes. Frauen – egal ob schlank oder übergewichtig – sollten zudem mindestens einmal im Jahr eine Blutung haben. Nur so wird die Gebärmutterschleimhaut, die sich im Laufe der Zeit aufbaut, abgestoßen. Verbleibt sie zu lange im Körper, steigt das Krebs-Risiko. Eine solche Blutung kann mit Hormonen ausgelöst werden.

Ist PCOS heilbar?

Leider nein. Aber den meisten Patientinnen kann mit Medikamenten oder mit einer Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten geholfen werden. Manchmal bessert sich das Leiden nach einer Schwangerschaft von selbst. Und: Auch bei Frauen nach den Wechseljahren werden manche Beschwerden besser. Das liegt daran, dass der Körper dann die Produktion vieler Geschlechtshormone zurückfährt.


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