Kinderwunsch verschoben: Eizellen einfrieren?

Ein Kind, ja, aber bitte erst viel später. Junge Frauen können ihre Eizellen einfrieren ­lassen – und so die Familien­planung verschieben. Doch wie funktioniert Social Freezing? Und ist das ethisch vertretbar?

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 16.08.2018
Babywunsch

Heutzutage können Frauen ihren Kinderwunsch auf längere Zeit verschieben


Mutter werden gegen alle Widrigkeiten ­– heute keine Unmöglichkeit mehr: "Seit einigen Jahrzehnten vollzieht sich ein deutlicher lebensweltlicher Wandel, eine Entkoppelung von Sexualität und Zeugung", erklärt Professor Hartmut Kreß. Der Sozialethiker forscht und lehrt an der Universität Bonn mit dem Schwerpunkt medizinische Ethik.

Er ist der Überzeugung: "Neue Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin verstärken den heutigen Wandel von Familie und Partnerschaft." So sei es bereits heute möglich und akzeptiert, dass etwa lesbische Paare mittels Samenspende ein Kind bekämen. Denkbar ist auch, den Kinderwunsch weit über die normale Reproduktionsfähigkeit zu verschieben und notfalls ohne Partner schwanger zu werden.

Social Freezing - von Firmen finanziert

Ein Beispiel, das im Herbst 2014 durch die Schlagzeilen ging: Auf Firmenkosten können Mitarbeiterinnen von Facebook und Apple ihre Eizellen entnehmen und einfrieren lassen. Social Freezing heißt das Verfahren, übersetzt: soziales Einfrieren. Der Eizellvorrat soll sicherstellen, dass Frauen zu einem späteren Zeitpunkt Mutter werden können – dann also, wenn es in den Karriere- und Lebensplan passt, auch wenn sie schon jenseits der Wechseljahre sind.

Großes Interesse an Social Freezing

Ursprünglich wurde die Me­thode des Eizelleinfrierens für junge Krebspatientinnen entwickelt, bei denen zu befürchten war, dass durch die Behandlung die Eizellen geschädigt werden könnten. So sollte ihnen ermöglicht werden, nach der Behandlung trotzdem noch Kinder zu bekommen. Erst seit wenigen Jahren nutzen auch gesunde Frauen die Technik. In Deutschland ist Social Freezing noch nicht sehr verbreitet. "Schätzungsweise ein paar Hundert ­Fälle gibt es", sagt Professor Norbert Paul, Medizin­ethiker von der Universität Mainz.

Doch der Experte glaubt, dass es schnell mehr werden. "Umfragen zeigen, dass vor allem die ­­Generation der jetzt etwa 25-Jährigen, die sogenannte Generation Y, diesem Verfahren sehr ­offen gegenübersteht." Reproduktionsmedi­ziner Dr. Elmar Breitbach aus ­Hannover verzeichnet in seiner Kinderwunsch-Praxis zunehmend Anfragen für Social Freezing. Eine Umfrage aus dem Jahr 2014 des Meinungsforschungsinstituts YouGov unter­ mehr als 1000 Frauen ­­ergab: 27 Prozent der Befragten würden sich ihre Eizellen gern einfrieren lassen.

Sehr hohe Kosten

Das klingt nach einem Befreiungs­schlag vom Diktat der biologischen Uhr. Doch was machen die neuen Möglichkeiten mit unseren Vorstellungen von Kindern, Familie und Moral? Für Sozialethiker Kreß ist Social Freezing "grundsätzlich ethisch vertretbar". Er sagt: "Solche Methoden eröffnen neue Entscheidungsspielräume für Frauen. Das halte ich, geistesgeschichtlich betrachtet, zunächst einmal für positiv und für einen Fortschritt."

Schwierig wird es für den Sozial­ethiker allerdings zum Beispiel dann, wenn Firmen ihren Mitarbeiterinnen anböten, Social Freezing zu finanzieren. "Hier besteht die Gefahr, dass der Arbeitgeber versteckt Druck auf Frauen ausübt, den Kinderwunsch zu verschieben", warnt Kreß.

Social Freezing ist zudem sehr teuer: "Meist braucht es zwei Behandlungszyklen, um genug ­Eizellen zusammenzubringen", sagt Breitbach. Je nach Alter sollten es schon bis zu 30 sein, um später ­eine realistische ­Chance auf ein Kind zu haben. Da kommen schnell 10 000 Euro zusammen – plus Lagerkosten für die Tiefkühl-Eizellen. Das können sich die wenigsten aus eigener Tasche leisten.

Risiken des Social Freezing

Die Vision des absolut Machbaren: Sie birgt für Frauen auch Gefahren. "Um genug Eizellen gewinnen zu können, muss die Frau mit Hormonen behandelt werden", sagt Breitbach. Anschließend werden die Ei­zellen unter Kurznarkose über die ­Scheide entnommen und in flüssigem Stickstoff tiefgefroren. "Die Hormonbehandlung kann bei Frauen zu einem sogenannten Überstimulationssyndrom führen", warnt der Reproduktionsmediziner. Dann vergrößern sich die Eierstöcke, im Bauchraum sammelt sich Flüssigkeit. Die Folge sind unter anderem Schmerzen und Übelkeit.

Dazu kommt: "Frauen entscheiden sich oft erst mit Ende 30, ­ihre Eizellen entnehmen zu lassen. Dann ist es häufig zu spät für eine ausreichend hohe Erfolgswahrscheinlichkeit, die den Aufwand der Behandlung rechtfertigt", erklärt Breitbach. Die Qualität der Eizellen nimmt nämlich im Laufe eines Lebens ab – und damit die Chance auf ein Baby. "Am besten sind Eizellen von ganz jungen Frauen, bei etwa 35 Jahren ist die Grenze." Doch wer denkt schon mit Anfang 20 an Familien­planung? "Wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, ein Baby aus gefrorenen Eizellen mittels künstlicher Befruchtung zu bekommen: Darüber gibt es noch keine aussagekräftigen Studien", so Breitbach.

Das Kindeswohl im Auge behalten

Theoretisch wäre eine Schwangerschaft unbegrenzt lange möglich. Es gibt kein Verfallsdatum von tiefgekühlten Eizellen. Das ist für Medizinethiker Nobert Paul ein Problem. "Natürlich haben Frauen ein Recht auf Entscheidungsfreiheit und reproduktive Selbstbestimmung. Aber es geht auch um das Kindeswohl", sagt er. "Man sollte sich schon ehrlich fragen: Kann ich das Kind überhaupt noch begleiten, bis es sein eigenes Leben in die Hände nehmen kann?" Für ihn bedeuten die neuen Möglichkeiten vor allem: "Künftige Eltern brauchen auch mehr Verantwortungsbewusstsein nicht nur für die Aspekte der biologischen, sondern auch für die soziale Elternschaft." Er plädiert daher für eine Alters­grenze bei allen Formen der künstlichen Befruchtung von 45 bis maximal 50 Jahren. Die solle im Übrigen für Frauen wie Männer gelten.

Sozial­ethiker Hartmut Kreß betont die gesundheitlichen Risiken einer späten Schwangerschaft: "Die Gefahr von Schwangerschaftsdiabetes und von Blut­­hochdruck steigt." Auch bestünde die Möglichkeit, dass solche Schwangerschaften die erhofften Kinder gesundheitlich schädigen können.

Verändern tiefgekühlte Eizellen die Partnerschaft?

Den Blick auf die Partnerschaft könne Social Freezing ebenfalls verändern, so Medizinethiker Paul. "Es besteht keine Notwendigkeit mehr, mit einem andersgeschlechtlichen Partner zusammen zu sein oder zusammenzubleiben, nur um mit ihm ein Kind zu bekommen." Vielleicht verschiebt sich sogar der Blick auf Kinder: Sie werden künftig eher als Resultat eines Herstellungsprozesses betrachtet, nicht mehr als zufälliges Geschenk. "Wir geraten", sagt Paul, "auch hier immer mehr in einen Planbarkeits-Hype." Nur sei "nicht alles, was möglich ist, auch immer sinnvoll".


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