Fruchtbarkeitstest: Wie viele Eizellen übrig?

Viele Frauen fragen sich, wie viel Zeit ihnen bleibt, um schwanger zu werden. Antwort erhoffen sie sich von Tests zur ovariellen Reserve. Aber sind diese verlässlich?

von Daniela Frank, aktualisiert am 21.11.2016
Frau legt ihre Hand auf ihren Bauch

Wie lange bin ich noch fruchtbar? Sehr viele Frauen wollen das wissen


"Ist noch Zeit für eine weitere Stufe auf der Karriereleiter? Oder läuft die biologische Uhr für die Familienplanung langsam ab?" Mit diesen Fragen beginnt eine Powerpoint-Präsentation zu einem Test, einer "Momentaufnahme der individuellen ovariellen Reserve". Er soll voraussagen, wie lange eine Frau noch fruchtbar ist. Aber lässt sich das überhaupt vorhersagen?

Wir haben Professor Dr. med. Frank Nawroth gefragt, Reproduktionsmediziner aus Hamburg. Er hat an einer Stellungnahme zur ovariellen Reserve und Fertilität mit steigendem Lebensalter mitgewirkt, die von drei medizinischen Fachgesellschaften herausgegeben wurde.

Herr Professor Nawroth, man sagt, Frauen gehen die Eizellen irgendwann aus. Stimmt das?

Ja, der Eizellvorrat ist endlich. Obwohl es vor einigen Jahren Studien gab, die das Gegenteil vermuten ließen, produziert der Körper Eizellen nach heutiger Kenntnis nicht nach. Sie werden beim weiblichen Fetus in großer Menge angelegt. Schon vor der Geburt stirbt ein Teil wieder ab, nach der Geburt geht das weiter. Ab der Pubertät hat die Frau eine bestimmte Anzahl von Zyklen, bis die Eizellen aufgebraucht sind. Das kann unterschiedlich schnell gehen.

Kann ein Arzt feststellen, wie viele Eizellen eine Frau noch übrig hat?

Die aktuelle Eierstockreserve lässt sich am genauesten durch das Zählen der Follikel im Ultraschall und die Bestimmung des Anti-Müller-Hormons (AMH) im Blut ermitteln. Die zwei Werte zeigen, ob eine Patientin eine ihrem Alter entsprechende Eizellreserve aufweist. Das sagt ganz grob etwas über die Zeitspanne aus, in der die Frau noch fruchtbar ist.

Allerdings muss man die Werte in Kombination betrachten, denn die Follikelzahl und der AMH-Wert sind nur zusammen mit dem Alter aussagekräftig. Hat zum Beispiel eine 30-Jährige kein nachweisbares AMH mehr, reicht die Eizellreserve bei ihr noch rund zehn Jahre. Dann tritt die letzte Regelblutung auf, die Menopause. Bei einer 35-Jährigen ohne feststellbares AMH reicht sie nur noch rund sechs Jahre.

Diese Zeitspanne ist aber nicht zu verwechseln mit ihrer aktuellen Fruchtbarkeit – diese zwei Dinge werden sehr häufig miteinander vermischt.

Wo liegt der Unterschied? Was versteht man unter der Fruchtbarkeit?

Die Fruchtbarkeit ist die Chance, aktuell schwanger zu werden. Sie hat nichts mit der Anzahl der verbleibenden Eizellen zu tun, sondern mehr mit deren Qualität, und die hängt vor allem vom Alter ab. Wenn eine Frau nur wenige Eizellen übrig hat, eine andere dagegen sehr viele, kann es trotzdem sein, dass beide gleich schnell schwanger werden.

Was halten Sie von Fruchtbarkeitstests wie dem FertiCheck, die die ovarielle Reserve bestimmen?

Viele Labore und Ärzte bieten solche Tests an, sie sind inhaltlich aber nicht sinnvoll. Sie versuchen, unabhängig von der Fragestellung eine Angabe zur Fruchtbarkeit zu machen. Das geht aber nicht. Wenn eine 40-Jährige einen tollen AMH-Wert hat, ist sie deswegen nicht automatisch besonders fruchtbar oder hat noch lange Zeit zum Kinderkriegen. Denn: Wegen des Alters weisen bei der 40-Jährigen wahrscheinlich etwa 60 Prozent der zum Eisprung kommenden Eizellen Abnormitäten im Erbmaterial auf. Das verringert die Schwangerschaftschancen und steigert die Fehlgeburtsraten.

Bei niedrigem AMH-Wert steht dagegen in der Testauswertung oft ein Textbaustein wie "Wenn der AMH-Wert kleiner 0,1 ng/ml ist, dann ist eine Schwangerschaft nicht mehr möglich.". Das ist falsch und führt nur zu Verunsicherung. Ein niedriger AMH-Wert allein schließt eine Schwangerschaft nicht aus.

Wozu ist die Bestimmung der Eizellreserve dann gut?

Sie ist zum Beispiel bei einer Kinderwunschbehandlung wichtig: Die Hormone, die den Eisprung anregen sollen, dosiert man unter anderem nach der Höhe des AMH-Wertes. Außerdem helfen die Werte, die zu erwartende Zahl der Eizellen bei einer künstlichen Befruchtung oder beim Social Freezing einzuschätzen. Bei niedrigem AMH wird man weniger Eizellen gewinnen. Auch vor einer Chemotherapie, wenn die Frau zum Beispiel überlegt, Eizellen oder Eierstockgewebe einfrieren zu lassen, bestimmt man die ovarielle Reserve, um den Funktionszustand der Eierstöcke einschätzen zu können. Zur Fruchtbarkeit beraten wir dagegen hauptsächlich aufgrund des Alters: Davon hängt die Eizellqualität ab.

Müssen Frauen die Untersuchung selbst bezahlen?

Bei einer Kinderwunschbehandlung zahlt die Kasse in der Regel. Geschieht die Untersuchung auf eigenen Wunsch ohne nachvollziehbaren medizinischen Grund, muss sie die Frau selbst zahlen. Sie wird zum Beispiel auch in Anspruch genommen, um zu erfahren, ob die Wechseljahre schon eingesetzt haben und die Frau nicht mehr zu verhüten braucht. Aber auch da machen diese Tests keinen Sinn: Wenn ohne hormonhaltige Medikamente noch Blutungen auftreten, besteht auch grundsätzlich noch die Chance auf eine Schwangerschaft, deren Höhe sich in Abhängigkeit vom Alter auch ohne Hormontests vorhersagen lässt. Wenn die Frau aktuell die Pille nimmt, ist der AMH-Wert ohnehin schwer zu interpretieren, weil er dadurch um bis zu 30 Prozent abfällt.

Können Frauen ihre Fruchtbarkeit länger erhalten?

Ein gesunder Lebensstil kann helfen, die Fertilität länger zu erhalten. Sie kann zwar nicht wieder steigen, aber der Lebensstil beeinflusst, wie schnell sie sinkt. Nur nach einer Chemotherapie kann es sein, dass sich die Fruchtbarkeit wieder erholt – das ist aber eine Ausnahmesituation.


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