Skoliose bei Kindern zügig behandeln

Optisch fällt es oft kaum auf, wenn Kinder eine verkrümmte Wirbelsäule haben. Doch es ist wichtig, Skoliose rasch zu behandeln
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 23.11.2015

Mithilfe des Vorbeugetests lässt sich der Rücken des Kindes auf Skoliose überprüfen

Your Photo Today/Phanie/Voisin

Vor wenigen Jahrzehnten sah man sie noch viel häufiger: Menschen, die einen Buckel hatten oder deren Rücken so ­verformt war, dass sie nur gebückt gehen konnten. "Sie ­alle litten vermutlich unter einer schweren ­­Skoliose, einer Verkrümmung und Verdrehung der Wirbel­säule", erklärt Skoliose-Experte Dr. med. Jens Seifert, Chefarzt der Asklepios Orthopädische Klinik Hohwald im sächsischen Neustadt. "Heute lässt sich die Erkrankung effizient behandeln, deshalb sieht man solche Deformationen kaum mehr."

Skoliose: Behandlung selten nötig, dann aber zügig

Drei bis fünf Prozent der Deutschen leiden vermutlich an ­einer Skoliose. Meist werden leichte ­Fälle überhaupt nicht diagnostiziert – und machen oft auch nicht den gerings­ten ­Ärger. "Nur einer bis drei von tausend Menschen haben eine behandlungsbedürftige Skoliose", sagt Seifert. Dann wachsen die Wirbel vermutlich stärker und unregelmäßig und verkrümmen deshalb die ­­Wirbelsäule. In ­diesen Fällen drohen Verwachsungen und massive Rückenprobleme. In der Regel entsteht eine Skoliose während der Wachstumsschübe in der Kindheit ­(siehe Kas­ten unten). Eine ­milde Form kann in diesem Zeitraum binnen weniger Wochen dramatische Formen annehmen. "In diesem Fall müssen Ärzte schnell handeln, um Folgeschäden zu vermeiden", so Seifert.

OA Dr. med. Jens Seifert

Dr. med. Jens Seifert ist Chefarzt der Asklepios Orthopädische Klinik Hohwald in Neustadt (Sachsen)

W&B/Privat

Die weitaus meisten Fälle von Skoliose bezeichnen die Ärzte als "idiopathisch". Übersetzt: Sie wissen nicht, welche Ursachen sich dahinter verbergen. Vermutlich gibt es aber ein erblich bedingtes Risiko. "Moderne Gentests in den USA können dies bereits unter Studienbedingungen erkennen", sagt Oberarzt Jens Seifert. In nur etwa zehn Prozent stecken ­­hinter ­diagnostizierten ­Skoliosen Muskelerkrankungen, neurologische Krankheiten oder angeborene Missbildungen. Mit einem Vorurteil möchte der Mediziner dabei grundsätzlich aufräumen: "Viele Menschen befürchten, dass krummes Sitzen bei ihren Kindern zu einem Buckel führt", sagt er. "Das kann nicht passieren."

Verbreiteter Irrtum: Babys haben noch keine Skoliose

Ein weiteres Vorurteil kursiert: "Immer wieder wird die ­Theorie geäußert, dass unter anderem ein Schiefhals beim Baby ein ­ers­tes Anzeichen für Skoliose sein kann", sagt Seifert. "Dafür gibt es aber keinerlei Hinweise." Tatsächlich kommen manche ­Babys schon "wie ein krummes Bäumchen zur Welt", so Seifert. "Das sind aber in den ­meisten Fällen nur flüchtige Fehlstellungen, die mit der Lage im Mutterleib zu tun haben. Sie verschwinden in der Regel von selbst." Erst ab dem Kindergartenalter bildet sich ­eine Skoliose. Trifft es Kinder unter fünf Jahren, sprechen Experten von "Early-Onset"-Skoliose. Sie ist extrem selten. Nur einer von 1000 Erkrankten leidet darunter. Die frühe Skoliose geht aber oft mit ­einer sehr starken Krümmung einher und muss besonders intensiv behandelt werden.

"Eltern sollten immer mal wieder den Rücken ihrer Kinder kontrollieren", rät Seifert. Auch der Kinderarzt achtet bei den Vorsorgeuntersuchungen auf Anzeichen für Skoliose. Mit dem sogenannten Vorbeugetest können sogar Laien unkompliziert ­Skolio­sen erkennen: Dabei beugt sich das Kind nach vorne. Ein Erwachsener stellt sich vor das Kleine und überprüft, ob der Rücken auf beiden Seiten der Wirbel­säule ­einen Gleichstand hat. Zeichnet sich ­eine Auswölbung der Rippen auf einer Seite ab, sollten Eltern mit ihrem Kind zu einem spezialisierten Orthopäden gehen.

Gründlich vorsorgen

Die meisten Skoliosen entwickeln sich im Alter zwischen neun und zwölf Jahren. Mädchen sind mit einem Verhältnis von 5:1 viel häufiger davon betroffen als Jungen. Die Vorsorgeuntersuchungen U 11 mit neun bis zehn Jahren und J 1 mit zwölf bis 14 Jahren sind deshalb wichtige Termine beim Kinder- und Jugendarzt.

Das Problem dabei: Nur 43 Prozent der gesetzlich versicherten Jugendlichen nehmen die J 1-Untersuchung in Anspruch, so Wissen­schaftler der bundesweiten Studie "Versorgungsatlas Deutschland". Vor allem in Phasen starken Wachstums zwischen 10 und 14 Jahren kann es aber innerhalb weniger­ Wochen zu einer Ver­schlech­terung der Skoliose kommen.

Manche Ärzte diskutieren nun, ob es zwischen der U 11 und der J 1 noch eine zusätzliche Vorsorgeuntersuchung geben soll, um Skoliose rechtzeitig erkennen und dann weiter beob­achten zu können. Mediziner Seifert äußert sich skeptisch: "Nur eines von rund 1000 Kindern hat eine behandlungsbedürftige Skoliose. Das rechtfertigt keine Reihenuntersuchung."


Krumme Wirbelsäule: Früh erkannt gut behandelbar

Glücklicherweise lässt sich ­eine Skoliose in den meisten ­Fällen gut behandeln. "Je früher das Prob­lem erkannt wird, des­to ­weniger aufwendig und belas­tend ist die Behandlung und desto ­größer ist auch der Erfolg", erklärt ­Orthopäde Seifert.

Die Behandlung richtet sich danach, wie schwerwiegend die Verkrümmung ist. Sie wird mit einer Winkelberechnung, dem sogenannten Cobb-­Winkel, ermittelt. Dieser bezeichnet, grob gesagt, wie sehr die Wirbelsäule seitlich verbogen ist. Als ­Faustregel gilt: Beträgt die Skoliose zehn bis weniger als 20 Grad, reicht meist eine regelmäßige Krankengymnas­tik. Mehr als 15 bis 20 Grad bedeutet: Das Kind benötigt Krankengymnastik und ein Korsett. In schwereren Fällen lässt sich manchmal eine Wirbelsäulenoperation nicht vermeiden, sobald das Kind ausgewachsen ist. "Aber das ist nur bei insgesamt zehn Prozent unserer Patienten der Fall", sagt Seifert.

Drei Behandlungssäulen: Physiotherapie, Korsett, Operation

Behandlungssäule Physiotherapie: Die Übungen, etwa nach Bobath, Vojta (für kleinere Kinder) oder Schroth (für die älteren), stärken die Rumpfmuskulatur und geben der Wirbelsäule Halt. Dehn- und Kräftigungsübungen sowie spezielle Atemtechniken gehören ­dazu, welche die Kinder dann zu ­Hause täglich fortführen. Wichtig für Eltern: den Rücken zu streicheln, zu massieren, zu verwöhnen – die Zuwendung gibt dem Kind das Gefühl, auch mit krummem ­Rücken angenommen zu werden.

Behandlungssäule Korsett: Bei Verkrümmungen ab etwa 20 Grad verschreibt Seifert ein Korsett. Es ist individuell aus leichtem Kunststoff gefertigt und soll die Wirbelsäule passiv verbiegen und im Wachstum lenken oder zumindest verhindern, dass sich die Wirbel­säule weiter verbiegt. Für Kinder keine leichte Situation: "Es fällt ­ihnen ­verständlicherweise schwer, das Korsett zu tragen", erklärt Seifert. Das gilt besonders, wenn die Patienten in der Pubertät sind, wo das Thema Schönheit wichtiger wird. 23 Stunden pro Tag sollte das Korsett getragen werden, also auch nachts. Lediglich zum Sport dürfen Kinder es ablegen. Nur in leichteren Fällen reicht es, das Korsett kürzer zu verwenden. "Ein konsequentes Tragen bis zum Ende des Wachstums ist extrem wichtig für den Erfolg", erklärt Seifert. "Deshalb dürfen keine Ausnahmen gemacht werden, etwa während der Urlaubszeit." Ergänzend erhalten die Patienten Krankengymnastik.

Behandlungssäule Operation: Nur selten und in sehr schweren Fällen entscheidet sich der Arzt für eine Wirbelsäulenoperation. "Es ist einer der komplexesten Eingriffe in der Orthopädie", sagt Seifert. Dadurch verbessere sich die Lebensqualität aber dramatisch. Der Chirurg begradigt und versteift dabei die Wirbelsäule. Das hört sich schlimm an. "Aber nach wenigen Wochen kommen junge Patienten gut damit zurecht und merken von der Steifheit nichts mehr", so Seifert.

Je nachdem, in welche Richtung die Wirbelsäule verkrümmt ist, unterscheidet man zwischen einer rechts (Bilder 1 und 2) oder links (Bild 3) gebogenen Skoliose. Häufig sind auch doppelbogige Skoliosen, bei denen die Wirbelsäule in beide Richtungen verschoben ist (Bild 4).



Das neue Baby und Familie

BuF Heft Cover plan Oktober 2017

Neuer Look, mehr Lesespaß, mehr Infos »

Das Gesundheitsmagazin aus der Apotheke begleitet Schwangere und junge Eltern durch die wohl schönste und aufregendste Zeit ihres Lebens. Inklusive Kreativheft für Kinder! »

Mutter mit Kleinkind auf dem Schoß am Laptop

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Mutter mit Kind arbeitet vor dem Laptop

Entwicklungsnewsletter

Erhalten Sie alle zwei Wochen Infos zum ersten Lebensjahr Ihres Kindes »

Sind Sie empfindsamer, seit sie ein Kind bekommen haben?

Haben Sie Ihr Kind taufen lassen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages