Leistenbruch bei Babys: Wann ist OP nötig?

Bis zu vier Prozent aller Kinder kommen mit einem Leistenbruch zur Welt. Manchmal kann die Schwellung gefährlich werden

von Julia Schulters, aktualisiert am 13.01.2017

Leistenbruch: Häufig entdecken Eltern die Wöbung in der Leiste beim Wickeln


Ein Klassiker unter den Männerleiden: der Leistenbruch. Er macht sich durch eine beulenförmige Schwellung in der Leisten- oder Schamgegend bemerkbar und trifft vor allem Menschen im fortgeschrittenen Alter. Doch auch bis zu vier Prozent aller Neugeborenen kommen mit einem Leistenbruch zur Welt. "Die kindliche Form unterscheidet sich allerdings von der im Erwachsenenalter", erklärt der Kinder- und Jugendarzt ­Michael Achenbach aus Plettenberg im Sauer­land. Streng genommen sei die Bezeichnung "Bruch" bei Kindern sogar falsch. "Es bricht nichts, vielmehr verschließen sich bestimmte Strukturen im Lauf der embryonalen Entwicklung nicht richtig", so Achenbach. Ärzte sprechen dann von einem indirekten oder angeborenen Leis­tenbruch.

Leistenbruch: Jungen sind viel häufiger betroffen

Jungen sind viermal häufiger betroffen als Mädchen. Das hat folgenden Grund: Während der Embryonalentwicklung wandern die Hoden aus dem Bauchraum durch den Leistenkanal weiter nach unten in den Hodensack. Dabei ziehen sie etwas vom Bauchfell, also der Innenauskleidung der Bauchhöhle, wie eine Art Schlauch mit sich. "Normalerweise verklebt das Bauchfell so, dass dieser Schlauch noch im Mutterleib verödet und die Bauchhöhle vom Hodensack abgetrennt ist", erklärt Dr. med. Claus Classen, ehemals leitender Oberarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Zentrum für Minimal­invasive Chirurgie des Herz-Jesu-Krankenhauses in Müns­ter. Passiert das nicht, kann ein Bruchsack entstehen, in den etwa ein Stück Darm rutschen kann.

Risiko bei Frühgeborenen hoch

Bei Mädchen kann ein Eierstock in die Ausstülpung schlüpfen. Auch bei ihnen bildet sich im Lauf der vorgeburtlichen Entwicklung ein Schlauch aus Bauchfell. Er verschließt sich jedoch in der Regel viel früher als bei Jungen. Frühchen haben ein besonders hohes Risiko, mit einem Leis­tenbruch geboren zu werden. "Bei ihnen ist die Reifung noch nicht abgeschlossen", erklärt Achenbach. Manchmal ist auch ein Wasserbruch, von Medizinern Hydrozele genannt, verantwortlich für eine Schwellung am Hodensack. Dabei rutschen keine Organe in den Leistenkanal, sondern es sammelt sich lediglich Flüssigkeit um den Hoden oder entlang des Samenstranges an.

Eltern entdecken den Leistenbruch oft beim Baden oder ­Wickeln ihres Sohnes: Sie bemerken eine Schwellung am Hodensack oder im Schambereich. Häufig verschwindet die Wölbung dann wieder.

Bei Schmerzen kann rasche OP nötig sein

"In Zeiten von Smartphones sollte man sicherheitshalber ein Foto von der Stelle machen", rät Achenbach. Beim Arztbesuch könne die Wölbung schon nicht mehr zu sehen sein. "Solange sich die ­Beule in den Bauch zurückdrücken lässt, ist ein Leistenbruch erst einmal kein Grund zur Panik", sagt ­Classen. Trotzdem sollte ein Arzt das Kind zeitnah untersuchen.

Wenn ein Baby außerdem Schmerzen hat, unruhig ist, erbricht und sich die Schwellung nicht wegmassieren lässt, sollten Eltern mit ­ihrem Kind sofort zum Arzt. Unter Umständen ist dann der Darm eingeklemmt. "In so einem Fall besteht die Gefahr, dass das Organ nicht mehr ausreichend durchblutet wird", sagt Classen. Ein Teil des Darms kann absterben. "Das ist ­eine lebensgefährliche Situation", erklärt der Chirurg. Ärzte müssen dann sofort operieren.

Der indirekte Leistenbruch

Leistenbruch-OP: Bei einem Wasserbruch kann man noch abwarten

Bei einem Wasserbruch verschließt sich der Schlauch aus Bauchfell innerhalb der ersten drei Lebensmonate oft noch von alleine. "Wenn sich aber nichts tut, sollte man spätestens nach dem ersten Geburtstag operieren", rät Mediziner Classen. Andere Leistenbrüche müssen sofort operiert werden. Denn auch wenn sich der Bruchinhalt in die Bauchhöhle zurückschieben lässt, kann es jederzeit passieren, dass etwas Bauchinhalt im Bruchsack eingeklemmt wird.

Bei der Operation ahmen Ärzte die nicht erfolgte Verödung des Bauchfellschlauchs künstlich nach, indem sie die Bauchfellausstülpung mit einer Naht verschließen. Früher war dazu meist ein Hautschnitt in der Leiste notwendig, heute operieren Chirurgen immer häufiger mithilfe einer Bauchspiegelung.

Bei der sogenannten Laparoskopie machen Ärzte einige winzige Schnitte in die Bauchdecke. Dann führen sie durch diese eine Kamera sowie Operationsbesteck in die Bauchhöhle ein. Ein Vorteil der Methode: Tritt der Leis­tenbruch beidseitig auf, können Ärzte beide Stellen in nur einem Eingriff operieren. In der Regel können die Kinder ein paar Stunden nach der Bauchspiegelung wieder nach Hause. Claus Classen sagt: "Am nächsten Tag sind die meisten wieder fit."


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