Asthma bei Kindern

Etwa zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen leiden an Asthma. Doch dank guter Behandlung und Schulungen leben heute viele beschwerdefrei
von Marian Schäfer, Larissa Gaub, aktualisiert am 18.09.2017

Kampf dem Asthma: Moderne Kortisonsprays wirken gezielt in der Lunge

Image Source/ RYF

Als seine Eltern gerade versuchen,­ zwei Minuten lang durch einen­ Strohhalm zu atmen, verwandelt sich Manuel einen Raum weiter in Luft. Der Junge verschwindet in einem engen­ Kriechtunnel, in dem gelbe Kissen liegen, die sich vor ihm stauen und ihn am Durchkommen hindern. Während Mutter Nicole und Vater ­Tobias erleben, wie sich ein Asthma-Anfall bei ­ihrem Sohn anfühlt, lernt der, was hinter der gelegentlichen Enge­ in seinem Brustkorb steckt. Der Kriechtunnel­ stellt eine Bronchie dar, verengt durch eine krampfende Muskelschicht, eine geschwollene Schleimhaut – und viel zähen Schleim.

Peter Mayr spricht von den "drei Dicken",­ die zuschlagen und Asthma­tikern den Atem rauben. Er arbeitet als niedergelassener Kinder- und Jugend­arzt in Memmingen und ist an diesem Samstag im Klinikum der Stadt, um mit Kinderkrankenschwes­ter Gabriele Rauh, Physiotherapeutin ­Melanie Endres und Diplom-Pädagogin Susanne Quartz eine viertägige Asthma­­schulung zu leiten. Sechs ­Familien nehmen mit ihren Kleinen teil, die meisten sind im Kindergartenalter.

Oft ist Bronchitis der Vorbote von Asthma

So wie Manuel. Er ist sechs Jahre alt und hat Asthma bronchiale. Wie er leiden etwa zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen hierzulande an ­der chronischen Entzündung der Bronchien, deren Ursache letztlich nicht geklärt ist. Sie führt zu einer Überempfindlichkeit auf bestimmte Auslöser. Je nach Patient können das etwa PollenMilben, Infekte, kalte und schlechte Luft oder Anstrengung sein.

In wenigstens 70 Prozent der Fälle­ bricht die Krankheit vor dem fünften­ Lebensjahr aus, bei etwa 30 Prozent bereits vor dem ersten Geburtstag. Bei etwa der Hälfte der Kinder zeigen sich die ersten Symp­tome (trockener Husten, Atemnot, pfeifende Atmung) infolge von Infekten. Ärzte sprechen dann häufig von "rezidivierenden Bronchitiden" oder "chronisch obstruktiver Bronchitis". Sie kann, muss aber nicht zwingend ein Vorbote von Asthma sein. Eine definitive Diagnose folgt oft erst mit vier, fünf Jahren. Davor können Ärzte sie kaum objektiv­ mittels Lungenfunktionstests stellen. Sie müssten allein anhand ­etwa der Häufigkeit und dem Verlauf von Beschwerden entscheiden.

Diagnose "Asthma" für Eltern oft ein Schock

So gesehen ist Manuels Fall ­typisch: Erste Beschwerden ­hatte er, als er gerade­ vier Wochen alt war. "Vor allem nachts bekam er kaum Luft und hustete,­ manchmal so stark, dass er erbrach. Eine obs­truktive Bronchitis reihte sich an die nächste", erzählen seine Eltern. Die Diagnose Asthma kam mit viereinhalb Jahren. Zu dem Zeitpunkt war aus dem "Infektasthma" auch ein allergisches geworden – das ist nicht ungewöhnlich. ­Infekte gehen nach wie vor schnell auf ­Manuels Lunge, vor allem aber setzen ihm Katzen- und Hundehaare, Hausstaubmilben sowie die Pollen von Gräsern und Frühblühern zu.

Im Grunde ändert sich für viele Kinder durch die Diagnose dann nichts. Ob "chronisch obstruktive Bronchitis" oder "Asthma bronchiale" – Symptome und Therapie bleiben meist gleich. Auch Manuel inhalierte bronchienerweiternde und antientzündliche Wirkstoffe, lange bevor von Asthma die Rede­ war. Trotzdem ist die Diagnose für viele Eltern ein Schock. Asthma, das klingt nach lebenslangem Leiden, nach täglicher Bedrohung. "Dabei lässt es sich heute sehr gut kontrollieren", sagt Peter Mayr. 

Schulungen beugen Asthmaanfällen vor

Asthmaschulungen schaffen dafür eine gute Basis. Entwickelt wurde ihr Konzept vor bald 20 Jahren. Damals wendete sich die Medizin von der reinen Behandlung der Asthmasymptome ab und mehr der Prävention zu, etwa dem Vermeiden von Auslösern und der vorbeugenden antientzündlichen Dauertherapie. Dieser­ Ansatz erfordert die Mitarbeit der Kinder und ihrer Eltern und funktioniert am besten, wenn die Familien über Wissen und daraus gewonnene Sicherheit verfügen. So passiert es geschulten Patienten etwa kaum noch, dass ein Anfall in der Klinik endet.

Deshalb ist auch Manuel mit seiner­ Familie hier. Mutter­ Nicole­ hatte bisher am meisten mit seinem Asthma zu tun. Sie will ihr Wissen auffrischen. Ihr Mann kennt sich zwar aus, war aber zum Beispiel noch nie in der Situation, Manuel­ bei einem Anfall helfen zu müssen. Er will darin sicherer werden. Und dann ist da natürlich Manuel selbst, der bald in die Schule kommt. "Er wird mehr auf sich gestellt sein als jetzt und sollte einschätzen können, wie es ihm geht, und sich zu helfen wissen", sagt seine Mutter.

Kinder lernen, ihre Symptome einzuschätzen

Selbsteinschätzung steht bei der Schulung gleich am Anfang auf dem Programm. Nachdem Gabriele Rauh mit den Kindern geklärt hat, wo sich die Lunge im Körper befindet, zeigt sie vier Scheiben mit dem Querschnitt einer Bronchie. Diese bestehen jeweils aus drei Ringen: einem gelben für Schleim, einem rosaroten für die Schleimhaut und einem roten für die Muskelschicht. Von Scheibe zu Scheibe werden sie dicker, bis in der Mitte kaum mehr Platz ist für die Luft. Scheibe eins heißt: Es geht mir gut. Scheibe vier: ganz schlecht.

Dann sollen die Kinder sich anhand von drei Fragen selbst einschätzen: Hörst du beim ­Atmen ein Brummen oder Pfeifen? Musstest du heute schon husten oder dich räuspern? Und wie beweglich sind deine Rippen? Dann stehen die Kinder da, beide Hände­ auf ihrem Brustkorb, und atmen bedächtig ein und aus. Anschließend dürfen sie auch eimmal zu echten Stethoskopen greifen, um sich gegenseitig abzuhören. Oder die Eltern, wie es Manuel probiert.

Viele Infos und konkretes Üben bei Asthma extrem wichtig

Die Schulung, die bundesweit nach einem einheitlichen Konzept abläuft, soll Spaß machen. Sie besteht vor allem aus spielerischen Elementen, weshalb sie schon für Kinder ab fünf Jahren geeignet ist. Zwar ziehen Kinder ab dem Schulalter erfahrungsgemäß mehr Wissen aus ihr, aber auch die Kleinsten profitieren davon. Und natürlich die Eltern, die ihnen bei den meis­ten Einheiten zuschauen und nur manchmal, etwa in der Medikamentenstunde, getrennt geschult werden. "Weil vielen Ärzten im Praxisalltag die Zeit fehlt, bekommen die Familien bei den Schulungen selbst elementarste Dinge oft zum ersten Mal richtig erklärt", sagt ­Peter Mayr.

Für Asthmapatienten ist das wichtig. Atmen Kinder etwa bei einem Dosierspray nicht korrekt ein oder halten sie einen Pulver­inhalator schief, nehmen sie vielleicht nur einen Bruchteil des Wirkstoffs auf. Das kann sich direkt auf ihre­ Lungenfunktion auswirken. Bei der Schulung wird das Inhalieren deshalb ordentlich geübt – und auch das Messen des maximalen Luftdurchflusses in den Bronchien mit einem sogenannten "Peakflow Meter"­. Wer über die Werte gut Protokoll führt, bekommt schnell mit, wenn etwas nicht stimmt, und auch, wie bestimmte Auslöser ­wirken. Bei Manuel etwa rutschte der Peakflow während der letzten Erkältung um bis zu 40 Prozent ab.

Asthmaschulungen in Ihrer Nähe finden Sie unter www.asthmaschulung.de. Die Kosten werden von den meis­ten Krankenkassen ganz oder teilweise  übernommen. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach den Voraussetzungen.

Wirkung der Medikamente verstehen lernen

Zentral ist aber auch, die Krankheit zu verstehen – und damit die Therapie. Wenn Manuel­ durch einen ­engen Kriechtunnel­ krabbelt und sich schließlich mit Boxhandschuhen einen Weg bahnt, dann verdeutlicht das, wozu die sogenannten Bedarfsmedikamente dienen: die Lunge­ im Notfall innerhalb weniger Minuten freizuboxen. Die Mittel wirken vor allem auf die Muskelschicht in den Bronchien und entkrampfen.

Streift Manuel hingegen einen grünen Schutzanzug über, der nach und nach mit Kissen gefüllt wird, verdeutlicht dies den Sinn der anti­entzündlichen Dauertherapie: einen Schutzschild zu schaffen, der Auslöser abwehrt oder zumindest abschwächt. Der Schutz, das sollen die Kissen zeigen, baut sich nur langsam auf – und verschwindet wieder, wenn die meist kortisonhaltigen Medikamente nicht mehr genommen werden. Gerade Eltern neigen dazu, die Medikamente abzusetzen, sobald es ihren Kleinen wieder gut geht, weil sie die Mittel entweder selbst kritisch sehen oder von ihrem Umfeld verunsichert werden.

Peter Mayr geht darauf in der Medikamentenstunde ein, es ist ihm ein Anliegen. "Die Angst vor Kortison hält sich hartnäckig. Sie ist aber weit­­gehend unbegründet, vor allem weil der Wirkstoff nur lokal in der Lunge­ angewendet und sehr niedrig dosiert eingesetzt wird", sagt er. Zudem macht er klar, dass es immer darum gehe,­ die beste Wirkung mit der niedrigsten Dosierung zu erzielen. Auch das lässt sich an Manuels Beispiel gut erklären: Weil die niedrig dosierte­ Kortisontherapie ihn nicht ausreichend schützte­, versuchte sein Arzt es mit einer Kombination des Dauer- und des Bedarfsmedikaments, statt sofort das Kortison zu erhöhen. Mit Erfolg.

Boxhandschuh und Schutzanzug­ umreißen gut die klassische Therapie: die Entzündung durch Dauer­therapie möglichst eindämmen, Auslöser meiden – und wenn nötig das Bedarfsmedikament zücken, um die ­Lunge freizuboxen.

Sport tut Kindern mit Asthma sehr gut

Manchmal hilft der Boxhandschuh auch vorbeugend. Etwa­ beim Sport, einem weiteren­ ­großen Thema­ der Schulung. Auch an diesem Wochenende nimmt ein Kind teil, das nicht in den Fußballverein darf. "Noch immer gibt es viele Familien, die aus Angst ihr Kind keinen Sport treiben lassen, obwohl gerade ihm das guttut", sagt Physiotherapeutin Melanie Endres. In der Schulung bringt sie den Eltern bei, worauf es ankommt:

  • den passenden Sport (so bietet­ sich etwa bei Kindern, die auf kalte Luft mit Anfällen reagieren, Draußen-Fußball im Winter weniger an)
  • ausreichende Aufwärmphasen und Pausen
  • ein Bedarfsspray, das die Kinder präventiv nehmen
  • Übungen bei Atemnot. So lernen die Kinder in einer ­Sportstunde etwa den "Kutschersitz" oder die "Torwartstellung" kennen, also Körperstellungen, die das Atmen erleichtern.

Am Ende geht es bei allen­ Einheiten um eines: das Selbst­ver­trauen­ der Kinder und Familien zu stärken, ihnen einen selbstbewussten Umgang mit dem ­­Asthma zu ermöglichen und damit ein ganz normales Leben. Wer sein Asthma­ kennt und es richtig einschätzen kann, vermeidet Not­lagen. Und wer weiß, wie er reagiert, wenn er dann doch einen Anfall hat, wird sicherer. Es ermöglicht auch ein selbstbewusstes Auftreten: dem rauchenden Onkel sagen, das er das bitte sein lässt. Oder gegenüber der kortisonkritischen Tante standhaft bleiben.

Die gibt es bei Manuel nicht. Womöglich aber bald Mitschüler, die ihn schief angucken, wenn er zu seinem Spray greift. Denen wird er das dann genau erklären.


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