Welche Rolle spielen Großeltern heute?

Sie verwöhnen, erziehen mit – und lieben bedingungslos. Noch nie waren sich Großeltern und Enkel so nah wie heute. Das Geheimnis einer innigen Beziehung

von Beatrice Sobeck und Barbara Weichs, aktualisiert am 13.03.2018

Eine Familie, viele Persönlichkeiten: Schön, wenn alle miteinander verbunden sind


Ein Opa reitet durch die halbe Republik, um seine Enkel von der Schule abzuholen. Diese Meldung ging im Herbst 2017 durch die Medien. 550 Kilometer brachte der 62-jährige Hans Watzl aus Bayern hinter sich, um ein Versprechen einzulösen, das er seinen Enkelkindern gegeben hatte.

"Da geht einem das Herz auf, wenn man das liest", sagt Dr. Roswitha Sommer-Himmel, Professorin für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Kindheit an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Ist die Geschichte doch ein wunderschönes Beispiel dafür, wie eng die Beziehung zwischen Großeltern und Enkeln sein kann.

Solidarität zwischen den Generationen

Tatsächlich stehen sich die beiden Generationen heute näher als jemals zuvor. Obwohl es kaum noch Drei-Generationen-Haushalte gibt, verbindet Großeltern, Kinder und Enkelkinder eine große Solidarität: Die Generationen sind füreinander da, wenn sie sich brauchen. Oma und Opa reisen etwa an, wenn das Kind krank ist oder die Kita mal zu hat. Sie kommen übers Wochenende, wenn Mama und Papa mal wieder ausgehen (und am nächsten Morgen ausschlafen) möchten. Sie helfen, dass Eltern dauerhaft Job und Familie unter einen Hut bringen können: Im Jahr 2014 betreuten gut 30 Prozent der Großeltern ihre Enkelkinder regelmäßig, zeigte der Deutsche Alterssurvey.

Darum hat sich die Rolle der Großeltern geändert

Intimität auf Distanz nennt das der Familiensoziologe François Höpflinger von der Universität Zürich. Wie es dazu kommt? Zum einen haben Familienbeziehungen in den letzten zehn Jahren eine Aufwertung erfahren. Nicht nur Vater, Mutter und Kind bilden die Kernfamilie, Verwandte wie die Großeltern gehören dazu. Zudem haben sich die Beziehungen zwischen der älteren und der jüngeren Generation verändert. "Früher waren sie autoritärer, formaler und dadurch oft konfliktreicher. Heute stehen sich die Generationen toleranter, liberaler und offener gegenüber. Sie teilen oft dieselben Werte", sagt François Höpflinger.

So haben Großeltern häufig bereits ein besseres Verhältnis zu den eigenen Kindern – eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Oma und Opa einen guten Kontakt zu ihren Enkeln aufbauen können. "Eine Großeltern-Enkel-Beziehung ist immer eine Drei-Generationen-Beziehung", erklärt der Soziologe. Nur wer mit seinen eigenen Eltern gut auskommt, wird dafür sorgen, dass diese eine wichtige Rolle für den Nachwuchs spielen.

Eine Win-Win-Situation

Und wenn Oma und Opa dürfen, dann tun sie das mit Hingabe und Leidenschaft. Sie lieben ohne Wenn und Aber, schenken den Kleinen uneingeschränkt ihre Aufmerksamkeit – und vor allem ganz viel Zeit, an der es Eltern oft mangelt. Bauklötze müssen auf Autos ver­laden und dann durch die gesamte Wohnung geschoben werden? Oma ist dabei! Die Puppe braucht selbst gekochten Brei und anschließend einen sauberen Strampler? Keiner hilft so geduldig wie Opa! "Die positiven Emo­tionen und das liebevolle Umsorgen bilden für Kinder ein Nest mit absoluter Geborgenheit", sagt Roswitha Sommer-Himmel. "Und für die Großeltern wirkt es wie ein sozialer Jungbrunnen. Die Älteren sehen den Umgang mit den Jungen zunehmend als Chance, Neues dazuzulernen", sagt François Höpflinger.

Sind die Großeltern bei den Kleinen zunächst vor allem beliebte Spielpartner, werden sie später zum wichtigen Gesprächs- und Diskussionspartner. Das funktioniert, weil Großeltern keine direkte Erziehungsverantwortung haben. Da, wo Eltern vielleicht ängstlich reagieren, fällt es Großeltern oft leichter, die Kleinen auch schon mal loszulassen und gelassen zu bleiben. "Das schafft einen wunderbaren Ausgleich, der Kindern guttut", erklärt die Pädagogin.

Zeit, Zeit und noch mal Zeit

Damit Großeltern und Enkel eine gute Beziehung aufbauen können, braucht es viel gemeinsame Zeit – von Anfang an und vor allem immer wieder alleine ohne Eltern. "So exklusiv lernen sich Großeltern und Enkel richtig gut kennen und fassen Vertrauen zueinander", sagt Roswitha Sommer-Himmel. Und das ist die Basis dafür, dass die Beziehung weiter hält, wenn die Kinder älter werden.

Doch wie können Familien das schaffen, wenn sie viele Kilometer auseinander wohnen und die Oma nicht nur schnell durch den Garten gehen muss, um mit der Enkelin Memory zu spielen? Indem sie häufige Besuche planen. "Anders wird es nicht funktionieren", so die Expertin. Sind die Großeltern technikaffin, ist Skypen eine prima Möglichkeit, um in Kontakt zu bleiben. Gemeinsame Reisen bieten eine gute Chance, die Beziehung zu vertiefen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Kleinen schon Vertrauen aufgebaut haben.

Die Alternative zu klassischen Großeltern-Modellen

Und was können Familien tun, in denen es keine Großeltern mehr gibt? "Offen sein für zufällige Begegnungen mit älteren Menschen", rät Roswitha Sommer-Himmel. Vielleicht entwickelt sich zu jemandem in der Nachbarschaft spontan eine Beziehung? Vielleicht vermittelt am Wohnort eine Organisation Leihgroßeltern? Vielleicht bietet aber auch das nächstgelegene Familienzentrum Begegnungen zwischen den Generationen an? "Wenn sich die Möglichkeit ergibt, dass ein Kind Kontakt zu älteren Menschen hat, sollte man den nutzen", sagt die Pädagogin.

Das Leben in einer Patchworkfamilie wiederum führt nicht automatisch zu vielen neuen Großeltern-Beziehungen. Es bietet zwar die Chance dazu, forcieren lässt es sich aber nicht. "Ich rate zu beobachten, ob ein Kind aktiv den Kontakt zu jemandem sucht, und diesen, wenn das für einen selbst in Ordnung ist, zu fördern", so Roswitha Sommer-Himmel.

Wer kein gutes Verhältnis zu seinen Eltern (oder Schwiegereltern) hat, tut sich oft schwer, Kontakt zwischen den Generationen zuzulassen. "Oft hilft das Wissen, dass Kinder von Oma und Opa profitieren", erklärt die Expertin. Sie rät zu einer vorsichtigen Annäherung, um zu spüren, wie es einem damit geht. Vielleicht führt die neue Konstellation aus Jung und Alt dazu, dass die Familie zusammenwächst. Zumindest ein Stückchen.

Opa Hans Watzl, der 550 Kilometer durchs Land ritt, um seine Enkel von der Schule abzuholen, wurde übrigens mit einem Ständchen der Schüler, einer Rede der Rektorin und Karotten für die Pferde empfangen. Wahrscheinlich werden die Kinder noch ihren Enkeln davon erzählen.


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