Sexuellen Missbrauch von Kindern erkennen

Viele sexuelle Übergriffe an Kindern bleiben unentdeckt. Warum das so ist und wie Eltern vorbeugen können

von Franziska Draeger, aktualisiert am 29.06.2017

Schutzlos: Manche Kinder bleiben mit Missbrauchserfahrungen allein, weil niemand ihr Leiden bemerkt


"Katholische Kirche stoppt Missbrauchsstudie", "Viele Vorschläge, wenig Opferschutz" – die Liste der Negativ-Meldungen zum Thema Missbrauch könnte man beliebig fortsetzen. Dabei zeichnen einige Zahlen ein hoffnungsfrohes Bild: Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zeigte 2011, dass in den 20 Jahren zuvor die Zahl missbrauchter Kinder stetig zurückging.

Berichteten 1992 noch 9,6 Prozent der befragten Frauen von einer Missbrauchserfahrung, waren es 2011 nur 6,7. Bei den Männern waren es vor 20 Jahren 3,2 Prozent, heute sind es 1,4. Doch die Untersuchung ist umstritten, wie eine vom Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs in Auftrag gegebene Expertise zu Häufigkeitsangaben zeigt. Auch laut der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) ist zwar die Häufigkeit sexuellen Missbrauchs zwischen 1994 und 2014 zurückgegangen – allerdings nur um etwa zehn Prozent.

Viele Opfer warten sechs Jahre, bevor sie zur Polizei gehen

Der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, sieht anlässlich der immer noch hohen Fallzahlen bei Kindesmissbrauch in der PKS 2016 keinerlei Entwarnung für Deutschland: Es müsse von einem sehr großen – und durch die digitalen Medien ständig weiter wachsenden – Dunkelfeld ausgegangen werden, sagte er laut einer Pressemitteilung vom April 2017. Neueste Studien, so Rörig, verwiesen darauf, dass rund jede/r Siebte in Deutschland von sexueller Gewalt in Kindheit oder Jugend betroffen sei.

Und die Opfer, die zur Polizei gehen, warten im Durchschnitt sechs Jahre damit. Jedes Jahr, das vergeht, erschwert die Aufklärung der Tat. Nicht wenige Opfer gaben in der Studie des KFN an, dass sie ihr Schicksal noch niemandem anvertraut haben. Manche bleiben mit dem Erlebten allein, weil keiner ihr Leiden bemerkt. Doch wie können Eltern überhaupt erkennen, wenn ihr Kind betroffen ist?

Mögliche Anzeichen: Verhaltensänderungen

"Es gibt leider keine eindeutigen Signale für sexuellen Missbrauch", sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Jörg Fegert von der Universität Ulm. "Jedes Kind rea­giert anders darauf." Er rät Eltern dazu, auf deutliche Verhaltensänderungen ihres Kindes zu achten. "Selbst eine abrupte Verbesserung in der Schule kann darauf hindeuten, wenn die ­Schule der Ort ist, an dem sich das Kind noch sicher fühlt", meint er.

"­Einige Kinder können auch spezifischere Auffälligkeiten zeigen", sagt Nils Vogelsang von der Beratungs­stelle Wende­punkt in Freiburg. "Wenn ein Vierjähriger zum Beispiel mit Kuscheltieren ­einen Geschlechtsverkehr nachspielt, könnte man interessiert und vor allem vorurteilsfrei nachfragen: ,Was spielst du denn da?‘" So macht man dem Kind ein Angebot, etwas zu sagen, ohne gleich zu unterstellen, dass etwas passiert ist.

Bei bestimmten Äußerungen nachfragen

Die Sprache eines Kindes kann ebenfalls ein Hinweis sein, wie die Münchener Psychotherapeutin Carmen Osten vom Kinderschutzbund oft erfahren hat. "Wenn ein Vierjähriger ,geil‘ sagt, ist das nicht dramatisch. Wenn er fragt: ,Soll ich mal einen Knochen aus meinem Pimmel machen?‘, sollte man aufhorchen."

Auch dann kann immer noch etwas anderes dahinterstecken. Vielleicht hat der fast erwachsene Bruder ­einen Porno angesehen, und der Kleine stand unbemerkt in der Tür.

Andere Anzeichen sind noch vager. Viele Kinder werden stiller, andere aggressiv, oder sie kehren zu Kleinkind-Verhaltensweisen zurück. "Ein zwölfjähriges Mädchen hat auf einmal ständig seinen kleinen Bruder geschlagen", schildert Osten. Sie berät Eltern und andere Bezugspersonen zu Erziehungsfragen, auch zum Thema Missbrauch.

Beste Prävention: Zuwendung der Eltern

Oft erzählen die Kleinen nichts oder machen nur Andeutungen, denn die Täter setzen an ­ihren empfindlichen Stellen an: der Sehnsucht nach Zuwendung oder dem Drang, Verbotenes zu tun. Erfährt ein Kind in seinem Elternhaus kaum Liebe, kann schon die bloße Zuwendung des Täters genügen. "Das Kind lässt den Missbrauch dann über sich ergehen. Deshalb ist elterliche Liebe und Zuwendung die wichtigste Prävention", sagt Nils Vogelsang.

Anders, wenn ein Kind sich zwar von den Eltern geliebt fühlt, es aber viele Verbote gibt. Der Täter unternimmt mit dem Kind Dinge, die es sonst nicht darf. "Das darfst du aber nicht zu Hause erzählen", warnt er dann. Irgendwann werden die Geheimnisse düs­terer, das Kind wird erpresst. "Deshalb muss ein Kind immer wissen, dass es ein schlechtes Geheimnis weitersagen darf", betont Vogelsang.

Wenn Kinder nicht reden möchten, Experten aufsuchen

Kinder unter vier Jahren können noch nicht absichtlich ­etwas verheimlichen; allerdings fehlen ­ihnen die Worte, um sich mitzuteilen. "Es kann gut sein, dass ­eine frühe Aufklärung Kindern hilft, über solche Erlebnisse zu sprechen", sagt Jörg Fegert. "Kinder sagen oft schlicht: Der Nachbar ist komisch." Das kann ­alles heißen oder nichts.

Wenn ein Kind aber jemanden partout nicht besuchen will, den es früher mochte, sollte man nachfragen: Warum? Fragen sollten möglichst offen sein, und nicht die Antwort vorwegnehmen. Dann findet man am ehesten den Grund für das Verhalten, der in der Regel harmlos ist.

Bleibt nach dem Gespräch ein Verdacht, sollten Eltern Expertenrat einholen. Freie Beratungsstellen wie die vom Kinderschutzbund sind eine gute erste Anlaufstelle. Anders als bei Jugendamt und Polizei dürfen die Kinder hier sprechen, müssen aber nicht. "Man darf sie nicht zwingen zu erzählen", sagt Osten.

Sie erinnert sich besonders an ­einen achtjährigen Jungen. "Er wirkte sehr still, man merkte aber, dass er eigentlich etwas erzählen wollte." Carmen Osten fragte ihn, ob er ein Kuscheltier aus der Spielkiste nehmen wolle. Er wählte ­einen zotteligen, grimmigen Wolf.

"Ich wunderte mich zuerst. Dann habe ich verstanden, dass er sein Schutz war." Mit dem Wolf zog sich der Junge in ein Häuschen aus Pappe zurück, das im Therapieraum steht. "Willst du dem Wolf ins Ohr flüstern, was dich traurig macht?", fragte Osten. Er tat es. "Meinst du, der Wolf will mir auch etwas ins Ohr flüstern?" Da sagte der Junge, wie ihn sein Stiefvater angefasst hatte.

Hier finden Sie Hilfe

Bei Missbrauchsverdacht können sich Eltern an die Erziehungsberatungsstelle vor Ort wenden oder an Missbrauchsberatungsstellen. Der Kinderarzt oder ein Rechtsmediziner können Kinder körperlich untersuchen. Wer nicht weiß, wo sich die nächs­te Anlaufstelle befindet, erhält bundesweit beim Unabhängigen ­Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs Auskunft. Die Telefonnummer lautet 0800/225 55 30 und ist kostenfrei.

Experten lernen aus der Vergangenheit

Keine vorschnellen ­Schlüsse ziehen, sondern überlegt handeln, ist Carmen Ostens Rat an Eltern. So schwer ­dies fällt, so wichtig ist es auch. Das haben die 1990er-­Jahre gezeigt. Damals wurde Missbrauch fast paranoid verfolgt. Väter, die ­ihre Töchter umarmten, gerieten quasi unter Generalverdacht.

Die Definition von sexuellem Missbrauch ­wurde überinterpretiert. Dabei ist sexueller Missbrauch rechtlich ­eine sexuelle Handlung, die ein Täter mit, vor oder an einem Kind vollzieht. Die ­1990er-Jahre waren auch die Zeit der Wormser Prozesse, ­einer Jagd auf einen Kinderpornoring, den es nie gab.

Am Anfang ­bezichtigte ­eine Frau ihre Schwiegertochter des Kindesmissbrauchs. Ein Kinderarzt interpretierte Verletzungen einseitig, eine Opferberaterin verhörte die Kinder suggestiv, bis sie von Missbrauch sprachen. Immer mehr Menschen wurden in den Prozess hineingezogen.

16 Kinder kamen als vermeintliche Opfer in Heime, ihre Verwandten in Untersuchungshaft. Familien zerbrachen, auch die später erfolgten Freisprüche konnten sie nicht kitten. Die ursprüngliche Klägerin starb im Gefängnis an einem Schlaganfall. "Aus diesem Fall haben die Experten gelernt", sagt Therapeutin Osten.

Lieber früher eine Beratungsstelle aufsuchen, als zu spät

Es sei nach wie vor wichtig, dass Eltern ihrem Bauchgefühl folgen und lieber zu früh als zu spät bei einer Beratungsstelle anrufen. "Wenn Kinder von sich aus ­einen Missbrauch schildern, lügen sie nicht", sagt Osten. Dann sei es geboten, dem Kind das Gefühl zu geben, dass man ihm glaubt.

"Am bes­ten notieren sich Eltern oder Erzieher gleich, was das Kind genau gesagt hat, damit man es vor Schreck nicht vergisst", rät Fegert. Erhärtet sich ein Verdacht, überlegt Carmen Osten mit den Eltern die nächs­­ten Schritte. Entscheidend dabei sind zwei Dinge: dem Kind das Gefühl zu geben, dass man es versteht und schützt, und den Kontakt des Verdächtigten zum Kind zu unterbinden.

Wie Sie Kinder stärken und schützen können

  • Eltern können einiges tun, um das Risiko zu senken, dass ihr Kind zum Missbrauchs­opfer wird: Kinder sollten wissen, dass sie ­eine Grenze haben, die jeder respek­tieren muss. Dass sie Berührungen ab­lehnen dürfen, die ihnen unangenehm sind. Auch wenn es der gut gemeinte Kuss der Großtante ist.
  • Bewährte Mahnungen wie ‚Nimm keine Süßigkeiten von Fremden an’ und ‚Lass dich von keinem mitnehmen, den du nicht kennst’ gelten noch immer. Doch auch zu Bekannten sollten ­Kinder nicht ins Auto steigen. Außer, die ­­Eltern haben das morgens so ausgemacht und dem Kind gesagt.
  • Damit Kinder er­zählen, wenn ihnen etwas passiert, sollte man eng mit ihnen im Gespräch bleiben. Gut, wenn sie eine weitere Vertrauensperson haben, falls sie sich vielleicht nicht trauen, der Mutter über den Vater etwas zu sagen. Selbstbewusste Kinder sind besser vor Missbrauch geschützt als andere. Auch deshalb lohnt es sich, Kindern zu zeigen, dass sie sehr wertvoll sind.

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