Was passiert bei einer Blutvergiftung?

Eine Sepsis trifft vor allem Menschen mit schwachem Immunsystem, wie Frühgeborene. Ärzte müssen schnell handeln

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 12.04.2016

Das Risiko für eine Sepsis ist bei Frühgeborenen erhöht


Das größte Problem ist, dass sie sich oft zu spät zu erkennen gibt. Die Krankheit schleicht sich an, der Körper wird mit Gift überflutet, häufig bricht binnen weniger Stunden der Kreislauf zusammen. Eine Sepsis – Blutvergiftung im Volksmund – ist laut der deutschen Sepsis-Gesellschaft die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. 150 000 Menschen erkranken hierzulande jährlich daran, darunter auch viele Frühgeborene. Etwa 60 000 Menschen sterben.

Sepsis: Entzündung breitet sich aus

Es kann mit einer Lungenentzündung beginnen. Oder ganz harmlos mit einem Husten. Mit Pech reicht auch schon ein entzündeter Zahn oder ein rostiger Nagel, an dem man sich aufreißt. Das Abwehrsystem schafft es nicht, die Keime an Ort und Stelle zu bekämpfen. Und deshalb breiten sie sich aus, greifen andere Organe an. Der Tod tritt manchmal binnen weniger Stunden ein – weil die Krankheitszeichen falsch interpretiert werden und deshalb ärztliche Hilfe zu spät kommt. Hohes Fieber, ein rasender Puls, leichte Benommenheit: Das könnte eben auch für ­eine schwere Erkältung sprechen.

"Normalerweise kann das Immunsystem eindringende Erreger gut an Ort und Stelle bekämpfen", erklärt Professor Ekkehard Schleußner, ­Direktor der Klinik für ­Frauenheilkunde und Geburtshilfe­ am Universitätsklinikum Jena. Dort­ arbeiten Experten wie er in einer Organisation namens "Center for Sepsis Control and ­Care" (grob übersetzt: Zentrum für ­Sepsiskontrolle). Manchmal jedoch versagt das körpereigene Schutzsystem. Die Erreger gelangen in den Blutkreislauf, führen an anderen Stellen zu weiteren Infek­tionen. Das Immunsystem arbeitet mit einer überschießenden Entzündungsreaktion dagegen an. Schließlich kommt es zu einem lebensgefährlichen septischen Schock.

Ursachen einer Blutvergiftung

Was bringt das Immunsystem dazu, so auszurasten? Manchmal liegt es daran, dass die Erreger – Bakterien, Viren oder andere Mikroorganismen – entweder besonders aggressiv oder bereits resistent gegen Antibiotika sind. Als gefährdet gelten vor allem Menschen, deren­ Immunsystem nicht optimal funktioniert oder durch schwere­ Operationen besonders belastet ist. "Kinder und Erwachsene, die eine Chemotherapie erhalten, haben­ beispielsweise ein dramatisch erhöhtes Risiko", erklärt Professor Hans Proquitté, Leiter der Sek­tion Neonatologie und Pädia­trische Intensiv­medizin am Universitätsklinikum Jena. Forscher vermuten in manchen Fällen aber auch seltene Genveränderungen, wie den Irak-4-Defekt, der die Wahrscheinlichkeit erhöht, innerhalb der ers­ten drei Lebensjahre eine Sepsis zu erleiden. Besonders häufig von dem Krankheitsbild betroffen sind neu- und frühgeborene Babys auf Neugeborenen-Intensivstationen.

Blutvergiftung: So überfluten die Keime den Körper

Vor allem Frühgeborene sind gefährdet

"Das Risiko, eine Sepsis zu bekommen, ist bei Kindern stark alters­­abhängig", sagt Experte Proquitté.­ Bei Frühgeborenen, die vor der vollendeten 26. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, beträgt dieses Risiko bis zu 20 Prozent. Danach nimmt es stetig ab. Bei Kindern, die zum Termin geboren werden, liegt es nur noch bei etwa­ einem Kind von zweitausend. Das Problem der zu früh geborenen Winzlinge: "Ihr Immunsys­­tem ist noch nicht ausgereift", erklärt der Arzt. Gegen Keime kann es sich ­­also noch nicht ausreichend wehren. Zeitgleich werden sehr kleine Frühchen mit Kathetern und Beatmungsschläuchen versorgt – Angriffsflächen für Bakterien, die sich dann ihren Weg in den Körper bahnen. "Wenn viel zu früh Geborene versterben, dann nicht selten wegen einer solchen Infektion", sagt Proquitté. Bei Frühgeborenen beträgt die Überlebensrate im Fall einer Sepsis nur etwa 60 Prozent.

Sollen Eltern jetzt in Alarmbereitschaft ihren Nachwuchs beobachten, sobald ein Infekt im Anflug ist? "Sepsis kommt unter normalen Umständen nicht sehr häufig vor", beruhigt Proquitté. "Beobachten Sie Ihr Kind. Wenn es Anzeichen zeigt wie sehr hohes Fieber oder erniedrigte Temperatur (siehe Kasten)­ oder wenn es sich anders verhält als sonst, auffällig ruhig, sehr aufgeregt oder krank wirkt, sollten Sie mit ihm zum Arzt oder in die Klinik gehen." Auch Persönlichkeitsveränderungen, extremes Überstrecken des Kopfes oder vermehrtes Erbrechen können ein Anzeichen sein. Eine Sepsis im Neugeborenenalter kann nämlich auch auf das Hirn übergreifen.

Warnzeichen für eine Blutvergiftung

– Fieber ab 38,5 Grad, Temperatur­ unter 36 Grad
– Meist wird die Atmung schnell und flach, eventuell hört man ein verstärktes Atemgeräusch
– Der Puls liegt bei Erwachsenen bei mehr als 90 Schlägen pro Minute, bei Säuglingen und Kleinkindern bei 140
– Das Gehirn kann betroffen sein. Mögliche Folgen: Kopfschmerz, Brechreiz, Verwirrung

Wie behandelt der Arzt eine Sepsis?

Normalerweise lassen sich auch schwere Entzündungen mit Anti­biotika schnell eindämmen. Bei einer beginnenden Sepsis ist das die gängige Behandlungsmethode.­ Manchmal entfernen Ärzte den Entzündungsherd chirurgisch. Droht ein Schock, müssen Betroffene intensivmedizinisch versorgt werden. Je schneller die Behandlung einsetzt, umso höher die Chancen. Wie groß ist die Gefahr, sich einen resistenten Keim einzufangen? "Resistenzen spielen in der Kinderarztpraxis noch eine untergeordnete Rolle", sagt Proquitté. "Sie sind aber im Krankenhaus bedeutsam." Zwei Drittel der Sepsis-Fälle gehen auf im Krankenhaus erworbene Keime zurück.

Schnell zu handeln ist das Wichtigste bei einer Sepsis. Doch: Es fehlt an klaren Laborwerten für eine­ schnelle Diagnose. Manche­ Entzündungswerte sind erhöht, etwa­ das C-reaktive Protein­ (CRP) oder das Procalcitonin (PCT). Meist weicht die Zahl der weißen­ Blutkörperchen stark von der Norm ab. Aber all das sind keine­ Beweise für eine Sepsis. Umso wichtiger ist es, Patienten genau zu beobachten. Mithilfe von Abstrichen, Urin- und Blutkulturen sollte man versuchen, so schnell wie möglich die Entzündungsauslöser zu bestimmen. Dann kann man sie gezielt mit den passenden Antibiotika bekämpfen.

Impfungen können vorbeugen

Am besten natürlich, das Kind holt sich die gefährlichen Keime erst gar nicht. Und dafür können Eltern etwas tun. "Bis zu 40 Prozent der Sepsis-Fälle gehen auf eine­ Lungenentzündung zurück", erklärt Proquitté. Einige davon können durch eine Impfung gegen Pneumokokken oder Hämophilus, die im Impfplan vorgesehen sind, verhindert werden. Auch Masern können eine Mit-Ursache sein. "Ich kann nur appellieren, Kinder impfen zu lassen", sagt Proquitté.

Ein Phänomen, das viele fürchten, ist dagegen viel weniger gefährlich als gedacht: wenn sich eine Wunde entzündet und sich ein roter Strich abzeichnet. Ist es ein Zeichen einer Blutvergiftung, vor allem, wenn der Strich das Herz erreicht? Mediziner nennen dieses Phänomen eine Lymphangitis. Sie muss zwar mit Antibiotika behandelt werden, es handelt sich aber nicht um eine Sepsis, sondern allenfalls um eine Vorstufe.

Risiko für Blutvergiftung im Wochenbett erhöht?

Noch im 19. Jahrhundert war es das Schreckgespenst, das durch Wöchnerinnenstationen geisterte und scharenweise Mütter dahin­raffte: das Kindbettfieber. Dass sich Frauen im Wochenbett diese sehr schwere ­Infektion zuziehen, kommt heute dank guter hygienischer Verhältnisse nur äußerst selten vor.

"In Thüringen erkrankten im Jahr 2011 ­etwa acht von 16 000 jungen Müttern daran, keine verstarb", erklärt Professor Ekkehard Schleußner, Gynäkologe am Universitätsklinikum Jena. Vor allem Mütter mit Vorer­krankungen und einer schwachen Immunabwehr sind vom Kindbettfieber ­betroffen. Durch den Geburtskanal wandern dabei Keime nach oben und siedeln sich an der Wunde an, wo sich vorher die Plazenta befand. Von dort gelangen die Erreger ins Blut. "Symp­tome sind hohes Fieber, die Frauen fühlen sich sehr schlecht und haben oft einen übel riechenden Ausfluss", erklärt Schleußner.

Mit Antibiotika lässt sich die Gefahr bannen.­ "Allerdings muss man schnell und konsequent handeln", so der Arzt. An Kindbett­fieber kann eine Frau so lange­ erkranken,­ bis der Wochenfluss versiegt ist, also­ auch noch einige­ Wochen nach der Geburt.­ "Hohes Fieber mit einem starken Krankheitsgefühl sind in dieser Zeit ­also ­immer ein Grund, sofort medizinische ­Hilfe zu suchen", sagt Schleußner.

Die häufigste Infektion im Kindbett sind ­indes Brustentzündungen. Sie ­­führen ­üblicherweise zwar nicht zu einer Sepsis,­ sollten aber trotzdem ebenfalls rasch mit Antibio­tika behandelt werden, "sonst kann es zu Abszessen kommen", sagt Schleußner.


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