Was hilft bei einer Sommergrippe?

Auch Hitze schützt uns nicht vor Erkältungen. Was es mit der Sommergrippe wirklich auf sich hat, erklären ein Virologe und eine Apothekerin
von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 06.06.2017

Eine verstopfte Nase ist eines der typischen Symptome einer Sommergrippe

istock/Imgorthand

So eine Gemeinheit! Nach dem vielen Regen endlich mal warme Temperaturen – und man liegt mit dickem Kopf und Schüttel­frost im Bett. Die Kinder niesen auch schon. Selbst ge­stellte Diagnose: Sommergrippe. Aber wie kann man sich eigentlich bei knapp 30 Grad Celsius erkälten? Und wo sollen jetzt Grippe­viren herkommen, die bekanntlich die nasskalte Jahreszeit bevorzugen?

Die Sommergrippe ist keine echte Grippe

"Was im Volksmund als Sommer­grippe bezeichnet wird, hat mit der Influenza, also ­einer ­echten ­Grippe, nichts zu tun", stellt Prof. Thomas Mertens, ärztlicher Direk­tor der Abteilung Viro­logie am Univer­sitätsklinikum Ulm und Altpräsident der Gesellschaft für Viro­logie e. V., klar. "Die Symp­tome ähneln zwar der ­einer grippalen Erkrankung. Ausgelöst werden sie im Sommer aber hauptsächlich von der Familie der so­genannten Picorna­viren." Dazu zählen ganz unterschiedliche Erreger, die unter anderem auch die Hand-Fuß-Mund-Krankheit hervorrufen können.

Prof. Dr. med. Thomas Mertens ist Direktor der Abteilung Virologie am Universitäts­klinikum Ulm

W&B/Privat

Viren sind sehr hitzebeständig

Picornaviren sind relativ unempfindlich gegenüber Hitze. Das bedeutet, dass sie sich lange in der Luft oder auf Oberflächen tummeln können, ohne abzusterben – etwa auf abgelutschten Bauklötzchen in der Kita, in schlecht gelüfteten Büros oder in der Umkleidekabine im Schwimmbad.

Als Laie lässt es sich kaum unter­scheiden, welche Art von Infekt ­einen erwischt hat. Denn sowohl Influenza- als auch Picorna­viren können Fieber, Abgeschlagenheit, Muskelschmerzen, Kopfdruck und Atemwegsinfektionen hervor­rufen. "Bei der Sommergrippe kommen häu­fig noch Magen-Darm-Beschwerden hinzu oder auch Hirnhautreizungen, die sich durch einen steifen Nacken zeigen", erklärt Thomas Mertens.

Cornelia Braun ist Apothekerin im Taunus

/Michael Schultz

Rezeptfreie Medikamente helfen meist gut

Zum Glück heilen aber sämtliche Symptome in der Regel innerhalb einer Woche vollständig aus. Da es sich um eine virale Erkrankung handelt, helfen Antibio­tika nicht weiter. Verläuft der Infekt unkompliziert, lassen sich die Beschwerden sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen mit rezeptfreien Mitteln aus der Apo­theke behandeln.

"Man kann die einzelnen Symptome gut lindern, ­also bei Schnupfen abschwellendes Nasen­spray nutzen oder bewährte Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen anwenden", sagt Cornelia Braun, Apothekerin aus Friedrichsdorf und Steinbach im Taunus.

Kinder brauchen andere Medikamente als Erwachsene

"Vorsicht geboten ist bei der Selbstmedikation mit kombinier­ten Erkältungspräparaten. Sie sind für Kinder oft grundsätzlich nicht geeignet. Daher dürfen sie keinesfalls ohne Rücksprache mit Arzt oder Apotheker dem Kind gegeben werden", sagt Cornelia Braun. Auch bei Schmerzmitteln warnt die Apothekerin davor, Medikamente für Erwachsene einfach zu halbieren oder niedriger zu dosieren. "Kinder sollten immer Präparate erhalten, die gemäß des Gewichts und des Alters des Kindes dosiert sind", so Cornelia Braun. So ist Acetylsalicylsäure für Kinder bei fiebrigen Infekten gar nicht geeignet.

Wann mit Sommergrippe zum Arzt?

Virologe Thomas Mertens rät zusätzlich vor allem zu Bett­ruhe, am besten im abgedunkelten Zimmer, da helles Licht von Patienten oft als unangenehm empfunden wird. Zum Arzt gehen Sie, wenn nach sechs Tagen keine Besserung eintritt, sich die Symptome verstärken oder weitere hinzukommen, sowie bei Fieber. Kinder sollten schon nach vier Tagen zum Arzt, Babys sofort bei den ersten Symptomen.

Das beugt einer Ansteckung vor

Vielleicht sind Sie bisher verschont geblieben, aber im Bekanntenkreis häufen sich gerade die Fälle von Sommergrippe? Damit es Sie und Ihre Familie auch weiterhin nicht erwischt, können Sie tatsächlich einiges tun. "Entscheidend ist, die möglichen Über­tragungswege zu mini­mieren", erklärt der Mediziner. Zum Beispiel auf diese Weise:

  • Wenn es möglich ist, die Kinder bei einem Ausbruch von Infekten im Kindergarten ein paar Tage zu Hause behalten oder von den Großeltern betreuen lassen.
  • Falls der Nachwuchs bereits erkrankt ist, seine Spielsachen zwischendurch gründlich säubern. 
  • Regelmäßig die Hände mit warmem Wasser und ­Seife waschen, gerade nach dem Toilettengang. "Wer sich mit der Sommergrippe infiziert, scheidet die Viren bis zu drei Wochen lang über den Stuhl aus. Das bedeutet natürlich für die Familienmitglieder ­eine ­Ansteckungsgefahr", erklärt Thomas Mertens. Deshalb sollte man die Hände in der "heißen ­Phase" ruhig zusätzlich zum Waschen mehrmals täglich desinfizieren, auch bei den Kindern. 
  • "Jeden Tag ausreichend ­Wasser trinken, vitaminreiche, frische Mahlzeiten zu sich nehmen – all das hilft dabei, die Abwehr zu verbessern", sagt Cornelia Braun. Denn warum der eine erkrankt und der andere nicht, hängt immer auch mit der generellen Immun­situation zusammen.

Ist die Sommergrippe eine Erkältung?

Nasse Badesachen, verschwitzte Kleidung bei offenem Autofenster – da kühlt der Körper schnell aus. Inwiefern dies allerdings anfälliger für Infekte macht, darüber sind sich die Experten nicht ganz ­einig (­siehe auch Kasten unten). Zumindest gibt es Hinweise darauf, dass ­eine Abkühlung die Immunreaktion des Körpers herunter­fahren kann. In ­einer Studie der Universität Yale aus dem Jahr 2015 in­fizierten Wissen­schaftler Schleimhautzellen der Atemwege von Mäusen mit Rhino­viren, also Schnupfenerregern. Es zeigte sich: Bei einer Temperatur von 37 Grad, unserer Körpertempe­ratur, funktionierte die Infekt­­abwehr besser als bei niedrigeren Werten um 33 Grad. Ob sich allerdings dieses Ergebnis ohne Weiteres auf andere Erreger und vor allem vom Tier­­versuch auf den Menschen übertragen lässt, muss aber noch untersucht werden.

"Ausgedehnte Sonnenbäder können das Immunsys­tem ­übrigens auch schwächen", sagt Cornelia Braun. Ähnliches bewirken starke Temperatur­­schwan­kungen, ­daher sollte man Extreme meiden. In die eiskalte Bade­wanne steigen bei ­Saharahitze – keine ­gute Idee, da es den Kreislauf unnötig belas­­tet. Regelmäßige Kneipp­güsse und Saunagänge unter­stützen hingegen die Immunabwehr.

Macht Zugluft wirklich krank?

Cabrio fahren, bei offenem Fenster schlafen, den Ven­tilator anwerfen: Im Sommer lechzen wir nach einem erfrischenden Lüftchen. Doch schon die Großeltern warnten vorm Verkühlen durch Zugluft. Was ist dran an diesem Mythos? Nicht viel. Virologe ­Thomas Mertens bezeichnet die Zugluft-Theorie als hartnäckigen Aberglauben. "Kalte Luft alleine kann ­keinen Infekt hervorrufen, dazu braucht es immer einen Erreger."

Zwar sei es möglich, dass eine starke Unterkühlung über einen langen Zeitraum hinweg das Immunsys­tem schwäche, doch konnte bisher keine Studie nach­weisen, dass Zugluft allein Erkältungskrankheiten oder Grippe begünstigt. Allerdings: "Beschwerden wie ­etwa eine Binde­hautreizung oder Muskelverspan­nungen (,steifer Hals‘) können durch einen anhal­ten­den Luftzug ausgelöst werden", so der Experte.



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