Wann ist ein Paukenröhrchen nötig?

Haben Kinder einen Paukenerguss im Ohr, versuchen Ärzte zuerst eine Behandlung mit Medikamenten. Teilweise ist jedoch auch eine Operation nötig, bei der ein Paukenröhrchen eingesetzt wird
von Annett Zündorf, 17.07.2017

Gedämpfte Töne: Mit einem Paukenerguss hören Kinder wie durch Watte

Getty Images/iStockphoto, F1online digitale Bildagentur GmbH/Brigitte Sporrer/Cultura Images RF

Dass etwas nicht stimmt, fällt Eltern meist dann auf, wenn das Kind auffallend still bleibt. Während die anderen Zweijährigen drauflosplappern wie ein Wasserfall, sagt das eigene kaum etwas. Und wenn, dann nuschelt es. Man muss schon genau hinhören, um es zu verstehen.

Beim Kinderarzt wird klar, wo das Problem liegt. Ein Blick ins Ohr genügt. "Ich sehe zum Beispiel, ob das Trommelfell glatt ist oder ob es sich vorwölbt, weil sich dahinter Flüssigkeit gesammelt hat", sagt Steffen Büchner, Kinderarzt in Güs­trow bei Ros­tock. ­Diese ­Flüssigkeitsansammlung nennt man Paukenerguss. Die meis­ten Kleinen haben irgendwann einen. Schuld daran ist die Anatomie des kindlichen Kopfes.

Prof. Dr. Roland Laszig ist ärztlicher Direk­tor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheil­kunde am Univer­sitäts­klinikum Freiburg

W&B/Privat

Paukenerguß: Sekret fließt nicht ab

"Etwa 5000-mal am Tag schlucken wir", erklärt Professor Dr. Roland Laszig, Chef der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitäts­klinikum Freiburg. Dabei öffnet das Gaumensegel normalerweise die Ohrtrompete. Das ist die Verbindung zwischen Rachen und Mittelohr. Sie sorgt dafür, dass die Luft frei fließen kann. Bei kleinen Kindern ist das schwierig, da die Gaumenmuskulatur einen ungüns­tigen Winkel überbrücken muss. Haben Kinder eine vergrößerte Rachenmandel, funktio­niert die Belüftung nicht, und die Paukenhöhle wird nicht ausreichend belüftet.­ Statt­dessen sammelt sich hinter dem Trommel­­fell, in der Paukenhöhle des Mittelohrs, eine zähe Flüssigkeit. Das führt ­­dazu, dass die Kinder schlecht hören.

Steffen Büchner ist praktizierender Kinderarzt in Güstrow bei Rostock

W&B/Privat

Ursachen sind häufig Infekte der oberen Atemwege. Siedeln sich zusätzlich Bakterien an, wird aus der klaren Flüssigkeit Eiter – das Kind hat dann eine schmerzhafte Mittelohrentzündung. Normalerweise fließt das Sekret im Ohr nach einem Infekt wieder ab. Aber bei manchen Kindern bleibt es und verursacht einen Unterdruck, durch den das Trommelfell nach innen gezogen wird und nicht mehr schwingen kann.

Medikamente können helfen

Auch wenn der Arzt einen Pauken­erguss diagnostiziert, steht nicht sofort eine Operation auf dem Plan. Zunächst wird versucht, die Flüssigkeit mithilfe abschwellender Medikamente abfließen zu lassen. "Ich verordne Nasentropfen und Inhalationen, gleichzeitig schicke ich die Kinder zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt", erklärt ­Steffen Büchner. Der legt manchmal noch spezielle Einlagen in die Nase, um die Schleimhäute abschwellen zu lassen. Ältere Kinder dürfen sogenannte Nasenluftballons aufblasen, um im Ohr den Druck auszu­gleichen. Manchmal reicht diese Behandlung.

Manchmal ist eine Operation nötig

Besteht der Paukenerguss auch nach drei Monaten noch, empfiehlt der HNO-Arzt meist, Pauken­röhrchen einzusetzen. "Länger würde ich nicht warten. Die meisten betroffenen Kinder sind zwischen zwei und drei Jahre alt. In dieser Zeit explodiert die Sprachentwicklung", erklärt ­Roland Laszig.­ Würde eine Operation länger hinaus­gezögert, beeinträchtige das schlechte Hören die Entwicklung des Sprachvermögens.

Bei der Operation handelt es sich um einen kurzen ambulanten Eingriff. Unter Vollnarkose ritzt der Arzt einen kleinen Schnitt ins Trommelfell und saugt die Flüssig­keit aus der Paukenhöhle. Während der Operation entscheidet er, ob der Schnitt genügt oder ob ein Paukenröhrchen eingesetzt wird. Das nur drei Milli­meter kleine Röhrchen aus Gold oder Titan wird ins Trommelfell gesetzt. "Dadurch wird das Ohr belüftet, sodass sich keine Flüssigkeit mehr ansammeln kann", erklärt Laszig. Während der Operation begutachtet der Arzt zudem die Rachenmandel. Ist sie zu groß, wird sie abgetragen. Auch das hilft, die Paukenhöhle in Zukunft besser zu belüften.

Das Röhrchen im Ohr spüren die Kinder meist nicht. Nach einem Ruhetag dürfen die Kleinen sogar wieder in die Kita. Nach der Operation hören die Kinder spürbar ­besser. "Doch erst wenn das Röhrchen nach drei bis zwölf Monaten aus dem Ohr fällt, verfügen sie wieder über das vollständige Hörvermögen", so Laszig.

Mit Paukenröhrchen ist Tauchen tabu

Im Alltag müssen Kinder mit Pauken­röhrchen auf fast nichts verzichten. Lediglich im Wasser sollten Eltern ein wenig aufpassen. Denn solange die Röhrchen das Trommelfell offen halten, dürfen keine Keime ins Ohr dringen. Beim Baden – in der Bade­wanne, im See, im Meer oder im Pool – empfiehlt Laszig, einen in Öl getränkten Watte­bausch ins Ohr zu stecken und mit einer Badekappe zu fixieren. In der Badewanne genüge es auch, die Ohren mit einem Waschlappen abzudecken. Kinderarzt Büchner hat gute Erfahrungen mit Ohrstöpseln aus der Apotheke gemacht. Extra angefertigte Ohr­stöpsel vom Hörgeräteakustiker halten beide Mediziner für unnötig. "Laut Leitlinien dürfen Kinder gänzlich ohne Ohrschutz ins Wasser. Nur aufs Tauchen müssen sie verzichten", sagt Laszig.

Kann man einem Pauken­erguss vorbeugen? Büchner schüttelt den Kopf. "Das Einzige, was helfen ­würde, wäre, Infekte zu verhindern", so der Kinderarzt. Bei kleinen Kindern sei das aber unmöglich. Sie erwerben 90 Prozent ihrer Immunität bis zum fünften Lebens­jahr. Und zehn bis zwölf Infekte im Jahr gehören bis dahin zum Alltag.


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