Wann ist das Wachstum gestört?

Ist mein Kind zu klein? Ist es zu groß? Eltern machen sich da schnell verrückt. Dabei sind Wachstumsstörungen relativ selten
von Barbara Weichs, aktualisiert am 21.06.2016

Schon so groß! Vierjährige Mädchen messen meist etwa zwischen 94 und 112 cm

W&B/Fotolia

"Du bist aber groß geworden." Ein Standardsatz, den Kinder oft zu hören bekommen – und der sie wie ihre Eltern mal nervt und mal mit Stolz erfüllt. Manchmal gibt er auch Anlass zur ­Sorge. Nämlich dann, wenn der Nachwuchs besonders schnell an Zentimetern zulegt und alle Altersgenossen überragt. Manchmal tritt auch das Gegenteil ein: Das Kind wächst einfach nicht mehr weiter.

Die meisten Eltern denken dann nicht sofort an ein ernsthaftes medizinisches Problem, weiß Professor Martin Wabitsch, der die Abteilung für Pädiatrische Kinder­endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm leitet. Sie machen sich viel mehr Gedanken, dass ihr Kind im Vergleich zu seinen gleichaltrigen Freunden auffällt. "Eltern von kleinen Jungen sorgen sich oft, dass er sich nicht durchsetzen kann. Eltern von großen Mädchen fürchten, dass es gehänselt wird", sagt der auf Wachstumsstörungen speziali­­sierte Kinderarzt.

Prof. Dr. med. Martin Wabitsch leitet die Abteilung für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum in Ulm

/Universiätsklinikum Ulm

Wann liegt Wachstumsstörung vor?

Doch wann ist ein Kind überhaupt zu groß, wann zu klein? Die ­Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. "Die Bandbreite ist ­immens", sagt Dr. Michael Mühlschlegel, Kinder- und Jugendarzt in Lauffen. Im gelben Checkheft, in das die Ergebnisse der Vorsorgeuntersuchungen notiert werden, finden sich in einer Übersicht die sogenannten Perzentilenkurven (siehe Infografik unten). Sie zeigen, wie sich das Größenwachstum eines Kindes entwickelt. Auf welcher Perzentile sich ein Kind bewegt, hängt nicht unwesentlich von seinen Genen ab. "Man wächst so, wie die Eltern es vorgeben", ­erklärt Martin Wabitsch.

Dr. Michael Mühlschlegel

Dr. med. Michael Mühlschlegel ist Kinder- und Jugendarzt. Er arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis in Lauffen

W&B/Privat

Große Eltern bekommen in der Regel große Kinder, kleine Eltern kleine. Und auch wenn Mama oder Papa Spätzünder waren und lange gebraucht haben, bis sie an Körpergröße zugelegt haben, kann sich das beim Nachwuchs wiederholen. "Eltern verdrängen das oft, wenn es um die Entwicklung ihres Kindes geht", sagt der Experte.

Fällt bei einer Vorsorgeuntersuchung aber auf, dass ein Kind plötzlich auf einer ganz anderen Perzentile liegt als zuvor, sieht der Arzt genauer hin. "Meist ­begegnen mir Ausreißer nach unten, das heißt, das Wachstum ist plötzlich zum Stillstand gekommen", sagt Michael ­Mühlschlegel.

Wachstumskurven: In der Übersicht besagt die untere Kurve (Perzentile), dass nur drei Prozent der Kinder kleiner sind, die obere, dass nur drei Prozent größer sind. Die 50er-Perzentile zeigt Folgendes an: 50 Prozent der gleichaltrigen Kinder sind größer beziehungsweise kleiner als dieses Maß. Ein vierjähriges Mädchen misst demnach üblicherweise zwischen 94 bis 112 Zentimeter. Bei den Jungen liegt die Spanne bei circa 96 bis 112 Zentimetern.

W&B/Dr. Ulrike Möhle, bearb. Ibelherr

Wachstum gestört? So geht der Arzt vor

Um ­­herauszufinden, was der Grund dafür sein kann, befragt der Kinderarzt zunächst die Eltern: War der Nachwuchs in letzter Zeit viel krank? Ist er ständig müde? Isst er viel und nimmt doch nicht zu? Zieht er sich zurück? Denn zeigt sich in der Gesamtentwicklung des Kindes ein Knick, kann das auf ­eine Störung hindeuten. Lassen sich alle Fragen jedoch mit Nein beantworten, wartet der Arzt ab und misst seinen kleinen Patienten noch einmal in drei bis sechs Monaten. "Nicht die Größe an sich ist für uns der Gradmesser, um eine Auffälligkeit oder gar Störung zu diagnostizieren, sondern die Geschwindigkeit des Wachstums", erklärt Martin Wabitsch. Ist diese zu hoch beziehungsweise zu niedrig, liegt meist eine ernst zu nehmende Störung vor.

Verschiedene Ursachen ­können hierfür der Grund sein: chronische Erkrankungen wie eine Zöliakie, genetische ­Störungen wie das Turner-Syndrom oder ­eine Mangelversorgung während der Schwanger­schaft. Oft stecken jedoch Hormonprobleme dahinter. ­Eine Unterfunktion der Schilddrüse zum Beispiel. Oder die Hirnanhangsdrüse produziert zu wenig Wachstumshormone. Bei einem Mangel braucht das Kind eine Hormonersatztherapie. "Da dem Körper das zugeführt wird, woran es ihm mangelt, kommt es nicht zu Nebenwirkungen", so Wabitsch.

Ärzte sind mit Wachstumshormonen zurückhaltend

Eine im Jahr 2008 ­aufgestellte Leitlinie legt sehr strenge Kriterien für die Dia­­gnose von Wachstumsstörungen fest. Wurden früher ver­meintlich zu kleine Kinder sehr unkritisch und freizügig mit Wachstumshormonen behandelt, sollte das jetzt nicht mehr so einfach möglich sein. "Seither sind die Fälle deutlich zurückgegangen", sagt Wabitsch. Wie viele Kinder tatsächlich eine Wachstumsstörung haben, wisse man nicht. "Bei uns werden circa 1500 Patienten im Jahr vorgestellt, bei zehn Prozent stellen wir eine echte Störung fest."

Zu klein? Zu groß? Bei Gesunden kein Grund zur Therapie

Bei einem Großteil der Fälle sind die Kinder jedoch einfach sehr groß oder sehr klein. Ohne dass es dafür eine Ursache gibt und obwohl die Größe der Eltern eine andere Körperlänge erwarten ließe. Ein Grund für eine Hormontherapie ist das nicht. "Wir würden niemals in einen gesunden Organismus eingreifen. Gesundheit geht vor Körpergröße", sagt Martin ­­Wabitsch. Der Experte sieht dann vielmehr die Eltern in der Pflicht: Sie müssen ihrem Nachwuchs helfen, mit seiner Andersartigkeit zurechtzukommen. Denn ein Kind, das einen Kopf größer oder kleiner als seine Freunde ist, fällt auf. "Gerade die Peergroup schaut auf ­äußere Merkmale und packt den anderen in eine Schublade", erklärt der Mediziner.

Kinder versuchen meist von sich aus, ihre Größe zu kompensieren, indem sie anstreben, in etwas sehr gut zu sein. "Kleinen Kindern hilft vor allem Sportlichkeit oder Intelligenz, ­ihren Stand innerhalb der Gruppe zu wahren", beobachtet Martin Wabitsch. Ist ein Kind für sein Alter sehr groß, müssen ­­Eltern besonders aufpassen. "Es wird wegen seiner ­Größe älter eingeschätzt und dadurch leicht überfordert", sagt ­Michael Mühlschlegel. Beide Experten ­­raten, die Körpergröße des Kindes zu Hause nicht ständig zu thematisieren. "Das macht es dem Kind leichter, seine von der Norm abweichende Körperlänge zu akzeptieren", so Kinderarzt Mühlschlegel.


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