Tinnitus bei Kindern

Schon kleine Kinder können unter Tinnitus leiden. Heißt das, dass sie für immer mit dem lästigen Geräusch im Ohr leben müssen?
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 24.02.2016

Auch Kinder können schon einen Tinnitus haben

Getty Images/Tetra images, W&B/Swen Sallwey

Nie wäre Anne Wester* aus Köln auf die Idee gekommen, dass ihr Sohn Jakob (5) einen Tinnitus haben könnte. Immer mal wieder machte der Kleine ein Gesicht, als würde er lauschen. "Bei mir piept’s", sagte er schließlich. Seine Mutter wurde unruhig. Ohrensausen hat zwar jeder mal. Was aber, wenn das Piepen bleibt? Beim Kinderarzt stellte sich heraus: Jakob hat einen Tinnitus.

Es gibt wenige verlässliche Zahlen darüber, wie viele Kinder und Jugendliche ein Ohrgeräusch haben. Eine Erhebung ergab, dass etwa 15 Prozent betroffen sind – vorübergehend oder permanent, so Professor Frank Rosanowski, Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde aus Nürnberg und Experte für Tinnitus bei Kindern. Meist werden Eltern aufmerksam, weil das Kind darüber berichtet. In jedem Fall sollten die Kleinen zum HNO-Arzt, um etwa eine Schwerhörigkeit auszuschließen.

Prof. Dr. Frank Rosanowski ist Phoniater, Pädaudiologe und Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Nürnberg

W&B/Privat

Viele Kinder gewöhnen sich an Tinnitus

Beruhigend: Oft stört Kinder das Ohrensausen nicht. "Solange sie deswegen nicht unter Schlafstörungen oder Konzentrationsproblemen leiden, würde ich nichts weiter unternehmen", sagt Rosanowski. Während sich viele Erwachsene mit anhaltendem Tinnitus oft sehr gestört fühlen, "gewöhnen sich Kinder meist daran. Sie werden groß damit und integrieren das Geräusch in ihr Hören", erklärt der Arzt. Will heißen: Die Kleinen empfinden es nicht als lästig. So wie Jakob, der sich schnell an seinen Tinnitus gewöhnt hat und deshalb nicht weiter behandelt wird. "Eltern sollten nur nicht ständig nachfragen, das macht die Kinder auf das Problem erst recht aufmerksam", sagt Rosanowski. Die Großen machen sich aber oft Sorgen, dass ihr Kind lebenslang unter dem Geräusch leiden könnte. Studien an der Universität Erlangen-Nürnberg zeigen jedoch: Werden Eltern und Kinder über Tinnitus gut aufgeklärt, "sind die Prognosen für die Kinder sehr gut, weil die Eltern entspannter damit umgehen", so Rosanowski.

Ursachen für Ohrgeräusch vielfältig

Warum und wo entsteht das Piepen überhaupt? Oft tappen Ärzte bei der Suche nach den Ursachen im Dunkeln. So steht etwa fest, dass fast alle schwerhörigen Menschen einen Tinnitus haben. "Unter anderem liegt das daran, dass die Haarzellen im Ohr nicht richtig funktionieren", sagt Rosanowski. Bei Erwachsenen ist ein Tinnitus gelegentlich ein Begleitsymptom eines sogenannten Hörsturzes. Der aber kommt bei Kindern "so gut wie nicht vor", sagt der HNO-Arzt. Kinder erleiden einen Tinnitus eher nach Mittelohrentzündungen, durch einen lauten Knall, einen Fremdkörper im Ohr oder nach einer Chemotherapie. Bisweilen wird von Experten diskutiert, ob Probleme mit der Halswirbelsäule zu Ohrgeräuschen bei den Kleinen führen können. "Den Zusammenhang  halte ich für maßlos überschätzt", sagt der Arzt.

Sehr häufig finden Experten auch gar keine Erklärung. "Die Forschung", sagt Rosanowski, "weiß erschreckend wenig über Tinnitus bei Kindern." So ist zum Beispiel nicht geklärt, wie sich ein Tinnitus auf die Sprachentwicklung auswirkt. "Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass Ohrgeräusche einen Einfluss darauf haben. Auch die weitere Entwicklung stört der Tinnitus vermutlich nicht im Geringsten, solange das Kind gut damit leben kann", sagt Rosanowski.

Therapien für Erwachsene helfen Kindern nicht immer

Was aber, wenn ein Kind darunter leidet? Studien an der Universität Erlangen-Nürnberg zeigten: Therapien, die bei Erwachsenen zumindest manchmal anschlagen, nützen den Kleinen wenig. Bei älteren Patienten, die das Geräusch sehr nervt, werden etwa Tinnitus-Masker eingesetzt. Diese Geräte produzieren Geräusche, die den Tinnitus überdecken und das Gehirn auf eine andere Wahrnehmung trainieren sollen. Sie helfen bei Kindern nicht. "Noiser, die ein Hintergrundrauschen erzeugen, können dagegen auch bei ihnen eingesetzt werden", so Rosanowski. "Ein Nutzen von Medikamenten sowie Verhaltenstherapie bei Kindern und Jugendlichen ist wissenschaftlich nicht belegt. Sie sollten nur in kontrollierten Studien durchgeführt werden."

Gute Erfahrungen hat Frank Rosanowski mit autogenem Training, progressiver Muskelentspannung und Yoga gemacht. "Das entspannt die Kleinen und die Eltern. Oft bessern sich dann mögliche Schlaf- und Konzentrationsstörungen." Aber solche Probleme kommen bei Kindern mit Tinnitus kaum vor.

* Name von der Redaktion geändert


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