Stifte und Farben: Für Kinder giftig?

Kinder stecken beim Malen schon mal Stift oder Kreide in den Mund. Können sie sich an den Farben vergiften? So werden Grenzwerte für Stoffe festgelegt – zum Beispiel aktuell für Blei

von Saskia Kern, Daniela Frank, aktualisiert am 30.01.2017

Kinder malen nicht nur auf dem Blatt – oft auch in den Mund. Ist das giftig?


Gerade hat die Mama noch das Kunstwerk des Nachwuchs-Picassos bewundert, da dreht sie sich kurz um – schon ist der Kindermund farbverschmiert. Fingerfarben, Buntstifte oder Filzer landen nicht immer nur auf dem Blatt: Kleine Kinder stecken sie auch manchmal in den Mund. Ist das gefährlich?

Farben und Stifte, die für Kinder gedacht sind, fallen bei uns bezüglich ihrer Inhaltsstoffe unter die Bestimmungen für Spielzeug. Viele Grenzwerte sind daher niedriger als bei anderen Produkten. "Von ,giftig' kann man im Zusammenhang mit Farben für Kinder also nicht sprechen", sagt Dr. Bärbel Vieth von der Abteilung Sicherheit verbrauchernaher Produkte am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). "Unter einer Vergiftung versteht man einen zeitnahen, gesundheitlichen Effekt, der beispielsweise unmittelbar zum Erbrechen oder zu Organschäden führen kann." Doch Vorsicht: Nicht alle Malutensilien gelten als Spielzeug. "Zum Beispiel ist ein Radiergummi in Tierform ein Spielzeug, genau wie Filzstifte in einer Verpackung und Farbpalette, die für Kinder gestaltet sind", erläutert Vieth. "Ein normaler Büro-Radiergummi, Textmarker oder auch Filzstifte in feinen Farbabstufungen, die für Künstler vorgesehen sind, dagegen nicht."

Produktsicherheit: Hersteller ist verantwortlich

Problematisch könnten bei Malutensilien mögliche Langzeitwirkungen sein. Gesetzliche Vorgaben sollen Verbraucher davor schützen. "Weil die Substanzpalette sehr groß ist und immer wieder neue Stoffe verwendet werden, kann der Staat aber nicht für jeden Stoff Grenzwerte festlegen", sagt Vieth. "Weil zunächst nur der Hersteller weiß, was in seinen Produkten enthalten ist, lautet die Vorgabe: Er ist selbst dafür verantwortlich, dass diese sicher sind." Für bestimmte Stoffe, die als kritisch beurteilt werden, gibt der Staat zusätzlich Grenzwerte vor. Bei Spielzeug sind das unter anderem krebserzeugende Stoffe wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), primäre aromatische Amine, Schwermetalle und allergieauslösende Stoffe, wie Nickel oder auch Duftstoffe und einige Konservierungsmittel. Die Grenzwerte sind strenger als bei vielen anderen Produkten, um die Gesundheit der Kinder zu schützen.

Neue Erkenntnisse: Grenzwerte können sich ändern

Und wie kommen die Grenzwerte zustande? "Die Grenzwerte für die einzelnen Stoffe werden natürlich immer nach dem aktuellen Wissensstand festgelegt", so Vieth. Im Tierversuch wird die Menge eines Stoffes ermittelt, die schädlich ist. Davon wird eine unbedenkliche Menge abgeleitet, die ein Mensch über seine Lebenszeit aufnehmen kann. Anschließend muss geprüft werden, aus welchen Quellen der Mensch den Stoff aufnimmt. Und auf der Basis dessen wird abgeschätzt, wie viel Prozent er über das jeweilige Produkt maximal aufnehmen darf. "Gibt es neue Erkenntnisse über die Stoffe, werden die Grenzwerte angepasst", sagt Vieth.

So senkt die EU-Kommission Anfang 2017 zum Beispiel die Grenzwerte für das Schwermetall Blei in Spielzeug. Laut der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit sollte ein Kind nicht mehr als 0,5 Mikrogramm Blei pro Kilogramm Körpergewicht und Tag aufnehmen. Somit dürfen Buntstifte nur noch zwei statt 13,5 Milligramm Blei pro Kilogramm Spielzeug enthalten, Wasserfarben nur noch 0,5 statt 3,4 Milligramm. Blei sei laut Ökotest-Redakteur Kai Thomas zum Teil natürlicher Bestandteil mancher Farbpigmente. Da die deutsche Verordnung ohnehin bisher strenger war als die europäische, sei laut Vieth nicht zu erwarten, dass deutsche Produkte vom Markt genommen werden müssen.

Bei schweren Mängeln Rückruf oder EU-weite Warnung

Generell gilt die Qualität in Deutschland verkaufter Produkte als gut. Doch wie bei allen anderen Produktgruppen gibt es Ausreißer. Der Hersteller muss zwar für seine Produkte eine Risikobewertung durchführen – entweder in der eigenen Firma oder durch eine externe Prüfgesellschaft. Doch bei den regelmäßigen Stichproben, die staatliche Kontrollinstanzen durchführen, werden immer wieder Mängel festgestellt. "Die Konsequenz kann zum Beispiel ein Rückruf des Produkts sein oder auch eine EU-weite Warnung über die eigens dafür vorgesehene Datenbank Rapex", sagt Vieth. In der jährlichen Rapex-Auswertung sei zu sehen, dass Spielzeug relativ häufig gemeldet wird – allerdings aus verschiedensten Gründen.

Tipp: Produkte mit GS-Siegel bevorzugen

Ihr Tipp an Eltern: Beim Kauf die Nase benutzen. "Ein unangenehmer Geruch kann ein Signal dafür sein, dass die Qualität nicht so gut ist", meint sie. Mittlerweile gebe es auch immer mehr beduftetes Spielzeug. Das sei unnötig und erwecke den Eindruck, als möchte der Hersteller einen unangenehmen Geruch überdecken. Sie empfiehlt außerdem, Produkte mit dem GS-Prüfsiegel zu bevorzugen. "Das ist eine zusätzliche freiwillige Prüfung, die der Hersteller bei einem unabhängigen Labor in Auftrag gibt", sagt sie. "Da werden dann sogar Stoffe getestet, für die es noch keine Grenzwerte gibt."

Was gilt für einzelne Farben und Stifte? Hier einige Tipps:

Fingerfarben

Fingermalfarben sind schon für Kleinkinder geeignet. Ein eigener Abschnitt in der europäischen Norm für Spielzeug, DIN EN 71 Teil 7, regelt ihre Inhaltsstoffe. "Sie legt fest, welche Farb- und Konservierungsstoffe in Fingerfarben enthalten sein dürfen und in welchen Mengen", erklärt Martina Junk, stellvertretende Pressesprecherin des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Die Norm schreibt auch vor, dass in den Farben Bitterstoffe wie Naringin zugesetzt werden müssen. Dieser kommt zum Beispiel in Grapefruits vor. Er soll verhindern, dass Kinder die Malfarben in größeren Mengen verschlucken.

Eine Alternative für Vorsichtige: Fingerfarben selbst herstellen.

Anleitung zur Herstellung von Fingerfarben

Man braucht je Farbtöpfchen:

  • 100 ml Wasser
  • 4 gehäufte EL Mehl
  • Lebensmittelfarben, alternativ dazu das Wasser durch 100 ml Kirsch-, Karotten- oder Blaubeersaft ersetzen
  • Schraubverschlussgläser

Herstellung: L
ebensmittelfarbe mit Wasser mischen, Mehl hinzugeben, kräftig zu einer klumpenfreien Mischung verrühren. Fertig! Im Schraubglas hält sich die Farbe in der Regel einige Tage im Kühlschrank. Aus Hygienegründen sollte sie aber rasch verbraucht werden. Noch besser: Nach Bedarf frisch herstellen.

Straßenkreiden

Laut BfR ist gewöhnliche Straßenkreide für Kinder ungiftig. Allerdings warnt das Institut, dass bei kleinen Kindern Kreide in die Luftwege gelangen kann. Lassen Sie ihr Kind also nicht unbeaufsichtigt spielen und rufen Sie den Notarzt, falls es nach dem Verschlucken von Kreide Atembeschwerden hat. Und Vorsicht: Professionelle Künstlerkreiden können laut BfR giftige Pigmente enthalten. Sind Eltern unsicher, ob ihr Kind etwas Giftiges gegessen hat, sollten sie sich an den Giftnotruf wenden oder im Zweifel den Notarzt rufen. "Wenn Sie das Produkt nennen, können wir meist schnell Auskunft geben", sagt Dr. Rachel Bortnick, Beratungsärztin bei der Vergiftungs-Informations-Zentrale der Uniklinik Freiburg.

Blei- und Buntstifte

Blei- und Buntstifte müssen in Deutschland ebenfalls gesetzliche Anforderungen erfüllen. "Bleistifte enthalten heute kein Blei mehr", sagt Bortnick. "Auch der Lacküberzug solcher Stifte ist in der Regel ungefährlich, wenn Kinder daran lutschen." Wer ganz sicher gehen will, kauft unlackierte Buntstifte mit Holzverkleidung. Daran herumknabbern sollten Kinder in beiden Fällen möglichst nicht: Es besteht Splitter- und Verletzungsgefahr.

Vor dem Farbstoff einer Stiftart warnt die Expertin explizit: "Kopierstifte – vor allem blaue – enthalten manchmal Methylviolett, das die Schleimhäute reizen kann." Sie gehörten nicht in Kinderhände.

Filzstifte

Filzstifte zaubern leuchtende Farben aufs Papier. Und sehen interessant aus: Wie fließt bloß die Farbe aus der filzigen Spitze? "Wenn ein Kind die Filzstiftspitze kurz in den Mund nimmt, ist das meistens unproblematisch", sagt Bortnick. Lutscht es sehr lange daran oder beißt ihn auf, sollten die Eltern sich vorsichtshalber an den Giftnotruf wenden und das Produkt nennen. Für die Inhaltsstoffe von Filzstiften gibt es in Deutschland zwar genaue Regelungen. Trotzdem gilt: Filzstifte sind nicht zum Essen gedacht. Auch Stiftkappen gehören nicht in den Mund, die Kinder könnten sich daran verschlucken.

Wachsmalkreiden

Wachsmalstifte und -kreiden enthalten je nach Produkt unterschiedliche Stoffe. "Wurde das Produkt in Deutschland gekauft, ist es nicht gefährlich, wenn ein Kind es mal in den Mund steckt", erklärt Bortnick. Isst das Kleine jedoch von ölhaltiger Kreide, sollten es die Eltern anschließend für einige Zeit beobachten. "Es könnte mit Magen-Darm-Beschwerden reagieren", sagt Bortnick. "Wenn es nichts essen will, kann es sein, dass ein Stück in Darm oder Speiseröhre stecken geblieben ist. Wenn das Kind anfängt zu husten, muss ausgeschlossen werden, dass etwas in die Luftwege gelangt ist." In diesen Fällen sollten die Eltern mit ihm zum Arzt.

Was tun im Notfall?

Wie sollten Eltern reagieren, wenn Ihr Kind Farbe zu sich genommen hat? "Wichtig ist: Nie Erbrechen auslösen", sagt Dr. Rachel Bortnick. "Das hat man früher empfohlen, aber heute weiß man, dass es oft gefährlich ist." Stattdessen gelte: Wassermischbare und -lösliche Farben sind meist unproblematisch. Dann sollte das Kind viel Wasser trinken, sofern die Giftinformationszentrale nichts anderes rät. "Das schützt vor Verklumpungen", erläutert Bortnick. Vor allem Farben auf Lösemittelbasis können dagegen schädlich oder giftig sein. Dann unbedingt mit der Verpackung oder dem Stift in der Hand den Giftnotruf anrufen oder sofort den Notarzt verständigen. Tipp: In unserer Serie Erste Hilfe bei Kindern können Sie Ihre Kenntnisse auffrischen.


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