Ständig Bauchweh: Woran kann das liegen?

Viele Kinder leiden unter häufig wiederkehrenden Bauchschmerzen. Die Ursachen für die Beschwerden können körperlich, aber auch psychisch sein
von Peggy Elfmann, Marian Schäfer, 25.04.2016

Kinder, die ständig Bauchschmerzen haben, sollten zum Arzt

Mauritius Images GmbH/Alamy

Oft rumort und blubbert es erst, dann zieht und krampft es: Bauchschmerzen plagen fast jedes Kind ab und zu. Bei den Drei- bis Zehnjährigen sind sie Schmerzursache Nummer eins, noch vor Kopf- und Halsschmerzen. Das zeigt die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert Koch-Instituts Berlin.

Ein großes Problem stellen häufig wiederkehrende Bauchschmerzen dar. In der KiGGS-Studie berichteten davon rund 20 Prozent der befragten Kinder. Selbst wenn man nach der strengen sogenannten ROM-III-Klassifikation für chronisch-wiederkehrende Bauchschmerzen geht, sind verschiedenen Studien zufolge noch bis zu zehn Prozent der Kindergartenkinder und Grundschüler betroffen­. Definitionsgemäß leiden sie über mindestens acht Wochen hinweg mindestens einmal wöchentlich unter Bauchschmerzen, die ihren Alltag stark beeinträchtigen.

Ursache für Bauchschmerzen bleibt oft unklar

"Die Gründe für die Beschwerden können sehr verschieden sein", sagt der Kindergastroenterologe Michael Zense. Er unterscheidet zwischen Schmerzen, für die es organische Ursachen gibt, und solchen, die nicht organisch begründet sind. "Tatsächlich finde ich nur bei etwa 30 Prozent der Kinder, die wegen wiederkehrender Bauchschmerzen zu mir kommen, eine konkrete Ursache. Bei den anderen spricht man von funktionellen Beschwerden", erklärt ­Zense. Auch Axel Enninger berichtet, dass die Ursache bei vielen Kindern unklar bliebe. "Ich denke, dass ­dies auf mehr als die Hälfte der Fälle zutrifft", sagt Enninger.

Ärzte stehen deshalb oft vor einem Dilemma. Einerseits ist in ­jedem Fall die Abklärung organischer Ursachen notwendig. Andererseits wissen Mediziner um die Gefahr ­einer Überdiagnostik, die betroffene Familien meist stark verunsichert. "Um das zu verhindern, ist auf internationaler Ebene eine­ Standardvorgehensweise ­entwickelt worden", erklärt Axel Enninger. "Es ist ganz wichtig, dass nicht geguckt wird, was man alles untersuchen könnte, sondern dass man nach klaren Warn­hinweisen auf organische Ursachen sucht."

Diagnose nach dem Ausschlussverfahren

Wenn betroffene Familien die Sprechstunden von Axel Enninger in Stuttgart und Michael Zense in Wolfenbüttel besuchen, durchlaufen sie ein mehrstufiges Verfahren: eine ausführliche ­Anamnese, in der es um die Beschwerden an sich geht (etwa Art und Häufigkeit) sowie um klare Warnsignale für organische Ursachen: Leidet das Kind etwa unter Gewichtsverlust? Treten Fieberschübe auf? Ist Blut im Stuhl? Hinzu kommt eine sogenannte Basisdiagnostik, bestehend aus einer körperlichen Untersuchung und einer Untersuchung von Blut, Stuhl und Urin. "Wenn wir dabei keinen Hinweis auf eine organische Ursache finden, gehen wir von funktionellen Beschwerden aus und erklären sie anhand eines biopsychosozialen Modells", so Enninger. "Wir gehen ­also nicht davon aus, dass es für die Beschwerden keinen Grund gibt, sondern dass es für sie eine Vielzahl von Ursachen geben kann."

So sei erwiesen, sagt Enninger, dass in manchen Familien genetische Veranlagungen für funktionelle Beschwerden bestehen. Auch könnten vorherige, insbesondere­ bakterielle Infekte ein Auslöser sein sowie eine ganze Reihe von psychosozialen Faktoren. Um diese herauszufiltern, füllen Eltern auch einen mehrseitigen Fragebogen aus. "Meiner Erfahrung nach", sagt Michael Zense, "nehmen seelische oder psychosomatische Ursachen bei Kindern ab drei Jahren zu." Bedingt seien sie zum Beispiel durch den Wechsel von der Krippe in den Kindergarten, durch die Geburt eines Geschwisterkindes oder die Trennung der Eltern. "Der Bauch ist eben ein Empfindungsorgan."

Bei psychischen Ursachen ist Stressabbau wichtig

"Wichtig ist, die Sorgen und Probleme der Familien ernst zu nehmen und ihnen Empfehlungen zu geben", sagt Axel Enninger. "Die Beschwerden sind ja da, und wir wissen, dass sie die Lebensqualität der Betroffenen stark verschlechtern." Als am vielversprechendsten haben sich verhaltenstherapeutische Maßnahmen erwiesen, die etwa auf Ablenkung und Stress­ab­bau zielen und darauf, betroffene Kinder wieder normal am Kita- und Schulalltag teilnehmen zu lassen. "Viele der Kinder fallen durch beträchtliche Fehlzeiten auf", sagt Enninger. "Da geht es uns dann darum, Strategien zu finden, mit der Erkrankung anders umzugehen – und die Kinder wieder zu aktivieren."

Konkrete Ursachen sind oft Unverträglichkeiten

Finden sich hingegen konkrete Ur­sachen, handelt es sich oft um folgende Unverträglichkeiten:

Fruktose- und Laktoseunverträglichkeit

"Der Fruktosekonsum der Kinder hat sich in den vergangenen 15 Jahren gut verzehnfacht", sagt Axel Enninger. Die Folge ist häufig ­eine Überfrachtung des Transporters, der im Dünndarm für die Aufnahme der Fruktose zuständig ist. Sie steckt vor allem in Obst, Obstsäften, Süßigkeiten und Fertigprodukten. "Die Fruktose wandert dann in den Dickdarm, wo sich Bakterien auf sie stürzen und Gase bilden – der Grund für die oft starken Bauchschmerzen", erklärt Michael Zense. Das Problem tritt schätzungsweise bei rund 30 Prozent der deutschen Bevölkerung auf, bei kleinen Kindern etwas häufiger. Meist beginnt es mit etwa eineinhalb Jahren.

"Der Klassiker ist der Apfelsafttrinker", sagt Axel Enninger, der eine Fruktoseunverträglichkeit meist durch gezielte Nachfragen zum Ernährungsverhalten feststellen kann. "Eine strenge ­Diät ist meist nicht erforderlich", sagt er, "in der Regel reicht eine einfache Reduzierung." Das gelte ­genauso für die Laktoseunverträglichkeit, bei der ein Mangel oder eine ­verminderte Aktivität des Enzyms Laktase im Dünndarm besteht. Geschätzt leiden etwa 15 Prozent der Deutschen an diesem Defizit.

Glutenunverträglichkeit

Bei der sogenannten Zöliakie ­reagiert der Körper überempfindlich auf Bestandteile des Kleber­eiweißes Gluten. "Weil es zurzeit ‚in‘ scheint, eine irgendwie geartete Weizenunverträglichkeit zu haben, rollen viele mit den Augen, wenn sie nur das Wort Zöliakie hören", sagt Michael Zense. "Den wirklich Betroffenen tut man damit aber unrecht." Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von Zöliakie und damit von einer Entzündung im Dünndarm betroffen. Diese führt zu einer Zerstörung der dortigen Darmzotten. Die Symp­tome können daher manchmal denen einer Rotavirus-Infektion gleichen: heftige Durchfälle, manchmal auch Erbrechen. Diagnostiziert wird die Zöliakie über ein Blutbild und ­eine Dünndarmbiopsie im Rahmen ­einer Magenspiegelung. "Die Therapie besteht dann in einem lebenslangen Verzicht auf Gluten", sagt Axel Enninger.


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