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So überstehen Kinder die Corona-Isolation

Eigentlich rücken wir in Krisen zusammen. Doch die Corona-Pandemie verlangt genau das Gegenteil: soziale Distanz. Wir sollen alle Kontakte einschränken. Was das mit unseren Kindern macht und was ihnen hilft

von Stephanie Arndt, 31.03.2020

Audio: Prof. Dr. Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut (DJI), spricht im Podcast „Klartext Corona“ mit Peter Glück über die Auswirkungen der Kitaschließung auf Kleinkinder und Familien

Audio-Interview mit Prof. Dr. Sabine Walper

Prof. Dr. Sabine Walper, Forschungsdirektorin am Deutschen Jugendinstitut (DJI), spricht im Podcast "Klartext Corona" mit Peter Glück über die Auswirkungen der Kitaschließung auf Kleinkinder und Familien.

Keine Verabredungen mehr mit Freunden auf dem Spielplatz. Der Besuch bei Oma und Opa: abgesagt. Als wären die Sorgen um die Gesundheit und die finanzielle Zukunft nicht schon genug, müssen wir nun auch noch auf Treffen mit lieben Menschen verzichten. "Das ist für uns alle eine Herausforderung", sagt Psychologe Prof. Dr. Nico Bunzeck von der Universität Lübeck, selbst Vater von drei Kindern und derzeit im Homeoffice tätig. "Als soziale Wesen leben wir in sozialen Gruppen. Plötzlich von allen getrennt zu sein, hat es so noch nie gegeben und kann für Verunsicherung sorgen."

Die Sehnsucht wächst mit dem Alter

Trotz allem gibt es auch gute Nachrichten: Kinder unter drei Jahren nehmen vom Social Distancing wenig wahr. "Für sie ist entscheidend, ihre wichtigste Bezugsperson, also Mama oder Papa, verlässlich um sich zu haben", erklärt der Psychologe. "Erst danach beginnen Kinder verstärkt mit anderen zu spielen. Dann kann die Sehnsucht nach den Spielkameraden oder den Großeltern wachsen." Entlastend wirkt, den Kleinen zu sagen, dass es im Moment allen so geht und sich keiner mit anderen treffen darf. "Erklären Sie die Lage kindgerecht, behutsam und unaufgeregt. Vor allem wenn das Kind sich fürchtet, etwa weil es draußen jemanden mit Mundschutz gesehen hat."

Viren sind ansteckend – Angst auch

Denn wie ein Virus kann sich auch Angst verbreiten. Erkennbar ist das derzeit an den zahllosen Fake-News im Internet. "Kinder sind sensibel. Deshalb sollten Eltern versuchen, ihre Unsicherheit nicht auf sie zu übertragen, auch wenn sie verständlicherweise welche empfinden. Ruhe und Zuversicht wirken sich dagegen positiv auf den Familienfrieden aus", weiß Bunzeck und räumt gleichzeitig ein: "Dennoch sollten wir uns zugestehen, dass diese Phase anstrengend ist – und zwar für alle." Tagelang rund um die Uhr, vielleicht sogar auf engem Raum zusammen zu sein, ist hart. Muss ein Elternteil oder sogar beide zuhause arbeiten, zerrt das an den Nerven. "Gut ist, konkret abzusprechen, wer sich wann und wie lange um die Kinder kümmert, damit der andere konzentriert arbeiten kann."

Energie tanken und Abstand gewinnen

Bunzeck plädiert dafür, sich als Paar nicht nur fürs Arbeiten den Rücken freizuhalten: "Gönnen Sie sich und dem anderen mal ein Mittagsschläfchen. Oder gehen Sie eine Runde alleine um den Block. So kann jeder neue Kraft tanken und etwas Abstand gewinnen." Schwieriger haben es Alleinerziehende, die niemanden zur Entlastung haben. "Gleichzeitig sind gerade sie oft echte Krisenmeister, da sie schon im normalen Alltag sehr gut alle möglichen Situationen eingestellt sind. Betroffene sollten sich trotzdem nicht scheuen, Hilfe anzunehmen oder darum zu bitten, wenn sie merken, sie stoßen an ihre Grenzen", ermuntert Bunzeck. Den Einkauf kann vielleicht die Nachbarin mit erledigen und vor die Tür stellen. Die Kleinen jetzt auch mal einen altersgerechten kurzen Film gucken zu lassen, findet der Experte vollkommen legitim. "Es geht nicht darum, Kinder stundenlang ruhig zu stellen, sondern sich kurz etwas Zeit freizuschaufeln. Seien Sie großzügig und gut zu sich selbst", sagt der Psychologe. Wichtig für alle – und besonders für Kinder – sind Strukturen. "Leben Sie Ihr Leben möglichst wie vor Corona. Halten Sie sich an die üblichen Essens- und Schlafenzeiten. Rituale sorgen für Verlässlichkeit und Sicherheit."

Von Sofakissen und Perspektivwechseln

Und was, wenn doch mal alles Kopf steht: das Neugeborene brüllt, der 3-Jährige tobt, der Mann meckert? "Dann müssen wir uns vor Augen halten, dass kleine Kinder ihre Gefühle und Bedürfnisse nur bedingt kontrollieren können – im Gegensatz zu uns Erwachsenen. Hier liegt die Verantwortung bei den Eltern, für Entlastung zu sorgen", erläutert Bunzeck. Häufig hilft Ablenkung oder eine liebevolle Umarmung. Wenn Mamas und Papas sich später fragen, warum auch sie dünnhäutiger als sonst reagiert haben, ist das ein guter Schritt: "Diese Selbstreflektion bringt uns nach vorn, sodass wir beim nächsten Mal entspannter sind. Auch ein veränderter Blick auf Schwierigkeiten ist prima. Wir sprechen beispielswiese nicht mehr von der Trotz-, sondern Autonomie-Phase. Kinder sind in dieser Zeit nicht dickköpfig oder starrsinnig. Sie wollen nur unabhängiger werden und mehr eigene Entscheidungen treffen. Wer das weiß, das Kind einbindet und ihm Alternativen bietet, wird Kooperation ernten." Aber auch Wut ist okay und darf mal rausgelassen werden: "Ideal dafür sind ein Boxsack oder ein Sofakissen", so Bunzeck.

Ich kriege die Krise und nun?

Das beste Mittel gegen Corona-Koller: raus an die frische Luft. Kinder brauchen Bewegung. Daher ist Bunzeck auch gegen eine Ausgangssperre: "Sie würde die Situation noch verschärfen. Zum Glück bewältigen die meisten Familien die Krise aber gut", so der Psychologe: "Entscheidend ist: Wir sind nicht isoliert, auch wenn wir derzeit keinen Kontakt zu anderen haben. Wir können Eltern, Großeltern und Freunde anrufen, mit ihnen skypen oder Briefe und E-Mails schreiben. Seien Sie zuversichtlich, diese Zeit wird vergehen. Schauen wir nach China, dort kehrt langsam wieder der Alltag zurück." Und nehmen Sie sich Ihren zauberhaften Nachwuchs immer wieder als Vorbild: Kinder leben unbeschwert im Hier und Jetzt und versinken in schönen Augenblicken. Das sollten auch wir Großen viel öfter tun.

Video-Interview mit Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort

Wie sehr leiden Kinder unter den Ausgangsbeschränkungen? Der Video-Podcast "Nachgefragt!" der Apotheken Umschau spricht mit Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort über die Auswirkungen des Shutdowns und des Physical Distancing auf Kinder und Jugendliche.

Nachgefragt! Folge 37: Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort

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