So läuft der Neugeborenen-Hörtest ab

Kinder, die nichts hören, lernen auch nicht sprechen. Deshalb ist es wichtig, eine Hörstörung früh zu erkennen und zu behandeln. Wie das Hörscreening funktioniert

von Bastian Fersch, aktualisiert am 12.07.2017
Schlafendes Baby

Ein gutes Gehör ist wichtig für die Entwicklung – vor allem der Sprache


Wie häufig gibt es Hörstörungen und warum?

Von 1000 Neugeborenen haben etwa ein bis drei Hörstörungen, die behandelt werden sollten. Ein Teil davon ist genetisch bedingt, meist durch eine entsprechende Erbanlage der Eltern. Aber auch Infektionen wie Mumps, Masern oder Zytomegalie sowie Alkoholmissbrauch oder Durchblutungsstörungen während der Schwangerschaft können die Ursache sein. Außerdem kann Sauerstoffmangel während der Geburt eine Hörstörung zur Folge haben. Manchmal lässt sich auch keine Ursache ermitteln.

Warum ist ein gutes Gehör so wichtig?

Wissenschaftler sind sich einig: Für das Kommunizieren ist Hören noch wichtiger als Sehen oder Sprechen. "Ein Kind, das nicht richtig hören kann, hat es viel schwerer, sprechen zu lernen", so der Arzt und Physiker Professor Armin Giebel von der Fachhochschule München. "Bleibt eine schwere Hörstörung mehr als sechs Jahre unbehandelt, ist die Fähigkeit, Sprache zu erkennen, für immer verloren", so der Experte für frühkindliches Hören.

Wie lässt sich das erklären?

Das Ohr liefert nur die Roh-Information. Die Sinnes- beziehungsweise Haarzellen im Ohr leiten die akustischen Reize als elektrische Signale zum Gehirn weiter. Der eigentliche Hörprozess, und damit die spätere Spracherkennung, läuft erst im Gehirn ab: Synaptische Verbindungen entstehen, Spracherkennungszentren werden aktiviert. Das Gehirn muss das Hören also erst lernen. Kommen keine elektrischen Signale im Gehirn an, weil das Kind einen Hörschaden hat, bilden sich die Synapsen gar nicht erst aus. Und so kann der Nachwuchs auch keine Sprache lernen.

Wie kann man das Gehör testen?

Seit dem Jahr 2009 ist das Hörscreening eine Kasssenleistung in Deutschland. Damit wird das Gehör von Neugeborenen direkt in der Klinik oder beim Kinderarzt getestet. "Eltern machen auch gerne Tests in Eigenregie wie Händeklatschen, Rufen oder Papierrascheln. Das ist für eine Prüfung des Hörsinnes im Säuglingsalter aber vollkommen ungeeignet", so Armin Giebel. Übrigens sind auch Plappern und Lallen bei Säuglingen keine Zeichen für ein funktionierendes Gehör, sondern Begleiter der motorischen Entwicklung des Kindes. Gehörlose Babys geben zwar zunächst die gleichen Laute von sich, sie hören aber nach und nach wieder mit dem Plappern auf. Wenn die eigene Stimme nicht wahrgenommen werden kann, ist es schließlich uninteressant, damit zu experimentieren. Für Eltern sollte das Nachlassen dieser Experimente ein Warnsignal sein.

Wie funktioniert das Hörscreening?

Die Haarzellen erzeugen bei Anregung selber ein Tonsignal, das sich im Gehörgang messen lässt, erklärt Medizintechniker Giebel, der in den 1990er Jahren gemeinsam mit zwei Ingenieuren selbst ein Hörtestgerät entwickelte. Dieses sendet mittels einer winzigen Sonde ein Tonsignal ins Ohr und misst zugleich, was von den Haarzellen zurück kommt. Die Auswertung erfolgt automatisch, ohne dass ein Experte zu Rate gezogen werden muss. Im besten Fall dauert der Test nur wenige Sekunden.

Wie zuverlässig ist der Test?

Sehr zuverlässig. Ist eine Aktivität der Haarzellen mit dem Hörscreening-Gerät nachweisbar, besteht mit hoher Sicherheit keine Einschränkung für den Spracherwerb. Man spricht in diesem Fall von einem negativen Screening-Ergebnis. Misst das Gerät keine Aktivität, ist das Kind eventuell schwerhörig oder taub. Positive, also auffällige, Ergebnisse können aber auch auf ungünstige Messbedingungen zurückgehen. Daher beweist ein auffälliges Ergebnis noch keine Hörstörung. Wenn das Neugeborene beispielsweise sehr unruhig ist und dadurch Reibegeräusche entstehen oder sich kurz nach der Geburt noch Fruchtwasser im Gehörgang befindet, kann es zu einem falsch-positiven Ergebnis kommen. Das betrifft etwa zwei bis vier Prozent aller gesunden Neugeborenen. Ist das Ergebnis tatsächlich auffällig, wird die Messung kurze Zeit später wiederholt. In den meisten Fällen ist das Resultat dann negativ. Erst wenn auch der zweite Befund positiv ist, folgt die genauere Untersuchung mit aufwändigerer Diagnostik.

Was, wenn das Baby schlecht hört oder taub ist?

Wichtig ist, bei erkannter Hörstörung sofort richtig zu handeln. Der spezielle pädagogische Umgang mit dem Kind sollte so früh wie möglich beginnen und es gibt auch technische Hilfen. Dazu zählen Hörgeräte und Cochlea-Implantate. Hörgeräte können bereits ab den ersten Lebenswochen eingesetzt werden, sofern das Kind noch ein wenig hören kann. Das Cochlea-Implantat eignet sich hingegen in der Regel erst nach dem ersten Lebensjahr. Im Gegensatz zum Hörgerät kann es auch eingesetzt werden, wenn das Kind taub ist. Voraussetzung ist jedoch ein noch funktionierender Hörnerv, was bei den allermeisten Babys der Fall ist. Speziell geschulte Therapeuten geben Eltern die richtige Starthilfe für den Umgang mit einem hörgeschädigten Kind und begleiten Mütter und Väter auch über lange Zeit. So wird der Nachwuchs gut auf sein Leben in einer kommunikationsorientierten Welt vorbereitet.


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