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Per Video zum Kinderarzt?

Seit der Corona-Krise bieten immer mehr Ärzte digitale Sprechstunden an. Wird der Untersuchungstermin übers Internet die neue Routine? Und wie profitieren die kleinen Patienten davon?

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 10.12.2020

Seit Jahren setzt sich Dr. Franz Bartmann für digitale Sprechstunden ein – lange mit wenig Erfolg. "Auch nach Lockerungen des Fernbehandlungs-verbots blieb die Videosprechstunde eine Randerscheinung im deutschen Gesundheitswesen", sagt Bartmann. Der Chirurg aus Flensburg hat als Vorsitzender des Telematikausschusses der Bundesärztekammer über ein Jahrzehnt lang die Umsetzung der Telemedizin in Deutschland begleitet.

Plötzlich große Nachfrage

Auch eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015 stellte fest: "Was vor allem fehlt, ist die Akzeptanz bei den Ärzten." Ein Grund: Sie sahen keinen Nutzen für die Patientenversorgung. Die Nachfrage der Patienten war ebenfalls überschaubar. Zwar sagte in der Studie fast jeder Zweite, er ­würde Videosprechstunden nutzen, aber die meisten "eher selten".

Im Frühjahr 2020 änderte sich das plötzlich. Innerhalb weniger Wochen meldeten fast 20 000 Arztpraxen eine Videosprechstunde neu an. Davor lag die Zahl bei knapp 5000. Bartmann spricht von einem "Riesen-Boom", und der hat seine Ursachen: die Angst der Patienten und Ärzte vor Ansteckung mit dem Coronavirus in der Praxis. Dazu kamen gesetz­liche Erleichterungen: Ärzte dürfen seither mehr als 20 Prozent ihrer Patienten ausschließlich per Video beraten. Diese Regelung gilt bis zum 30. September 2020. Zudem gibt es diverse finanzielle Anreize wie Zuschläge.

Auch der Augsburger Kinder- und Jugendarzt Dr. Martin Lang hört seit dem Frühling von seinen Patienten­familien häufig: "Geht das auch per ­Video?". Der Mediziner entwickelte bereits vor Jahren für den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte das System PädExpert, ein telemedizinisches Konsil für niedergelassene Kinderärzte sowie die App "Mein Kinder- und Jugendarzt." Von 6000 Kinderarztpraxen nehmen 1500 an diesem Angebot teil. "Regional ist die Verteilung noch unterschiedlich", erklärt Martin Lang. "Aber aktuell haben sehr viele Praxen aufgerüstet."

Beraten wie in der Praxis

Lang verfügt über viel Erfahrung mit der Videosprechstunde. Er sagt: "40 Prozent der üblichen Fälle in der Praxis kann ich per Videosprech­stunde wunderbar behandeln." Eine digitale Sprechstunde eigne sich in allen Beratungsfällen, auch bei vielen Akut-Erkrankungen. "Ich befrage die Eltern wie in einer normalen Sprechstunde in der Praxis. Ein Großteil meiner Arbeit besteht ja in der Beratung der Eltern, und der geringere Teil in der Untersuchung des Kindes", sagt Lang. Diese sei ebenfalls möglich. "Ich kann über Video relativ gut den Gesamtzustand und die Vitalität des Kindes beurteilen. Über die Haut kann ich die Durchblutung und den Sauerstoffgehalt abschätzen. Ich ­sehe, wenn das Kind einen Ausschlag hat. Bei Atemwegsinfekten höre ich den Klang des Hustens, gegebenenfalls ein Rasseln in der Brust, ich kann die Atemtiefe und Atemfrequenz einschätzen", berichtet er. Abgerechnet wird wie eine normale Sprechstunde.

Der Berliner Kinderarzt Dr. Jan Falkenberg erlebte als Arzt in Australien, wie gut die digitale Sprechstunde funktionieren kann. "Für viele Eltern ist die Videosprech­stunde ­eine große Entlastung, weil sie durch eine kompetente medizinische Beratung häufig nicht mehr mit ihrem Kind in die Praxis oder Not­aufnahme müssen", sagt er. "Das schont auch wertvolle Ressourcen." Falkenberg hat sich mit dem Projekt "kinderarztNOW.de" selbstständig ­­gemacht und bietet mit anderen Kinderärzten Termine auch abends und am Wochenende an, die Kosten müssen privat gezahlt werden. "Ein Schwerpunkt in der Kinderheilkunde liegt in der Beratung der Eltern, und in vielen Fällen kann ich telemedizinisch sehr gut helfen." Etwa bei Hautausschlägen. "Da kann ich oft ­eine ­Diagnose stellen, den Eltern Behandlungsvorschläge mitgeben, ein Rezept ausstellen oder sie an einen Spezialisten verweisen", sagt Falkenberg.

Eine gute Beziehung

Ärzte wie Patienten sorgten sich in der Bertelsmann-Studie, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis bei der digitalen Sprechstunde leiden ­könne. "Dank der Videosprechstunde kann ich gezielter und persönlicher beraten", entgegnet Dr. Simone von Sengbusch. Die Kinderdiabetologin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck leitete die dreijährige Innovationsstudie "Virtuelle Dia­betes-Ambulanz für Kinder und Jugendliche" und nun die Folgestudie. Im Rahmen der Studie können die Familien eine monatliche Videosprechstunde zusätzlich zur Regelversorgung nutzen.

Die Auswertung der ersten Studie läuft noch, aber die Ärztin ist sehr zufrieden. "Im Normalfall haben die Kinder pro Quartal einen Termin in der Diabetes-Ambulanz. Bei kleinen Kindern oder jenen, die die Diagnose frisch erhalten haben, besteht höherer Beratungsbedarf", sagt von Sengbusch. "Das Geheimnis einer guten Einstellung ist eine gute Beratung." Jeder Weg zum Arzt sei aber ein Aufwand. Dank der Videosprechstunde könnten sich Ärzte und Patienten unmittelbarer austauschen. Sie hoffe, dass die Online-Sprechstunde Teil der Regelversorgung werde. "Sie ist kein Ersatz für den Arztbesuch, aber sinnvolle Ergänzung."

Ähnlich bewertet dies Martin Lang: "Natürlich kommt die Videosprechstunde an Grenzen, etwa wenn ich ein Kind impfen oder ihm ins Ohr schauen muss. Das geht nur im ­direkten Kontakt. Aber sie sind in vielen Situationen geeignet, um Kinder zu behandeln." Franz Bartmann setzt auf die guten Erfahrungen seit ­der Corona-Krise. "Es hat sich gezeigt, dass ­digitale Beratung gleichwertig mit der Beratung in der Praxis ist, für die Patienten ein klarer Nutzen."


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