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Osteopathie – heilende Hände?

Wenn Babys viel schreien oder den Kopf nur zu einer Seite drehen, ­­empfehlen manche Hebammen und Kinderärzte die Osteopathie. Was ist dran an dieser Methode, und ist sie auch wirksam?

von Nadja Katzenberger, 19.06.2019
Osteopathie

Osteopathie soll auch Babys in bestimmten Fällen helfen – aber stimmt das auch?


Linos Geburt ging schnell, nur vier Stunden und der Kleine war da. Doch diese Stunden waren ein Kraftakt. "Die Nabelschnur hatte sich um Linos Schultern geschlungen, er rutschte unter der Geburt immer wieder zurück", erzählt seine Mutter Andrea Schuster aus München. Noch im Krankenhaus habe man ihr empfohlen, Lino nach der Geburt beim Osteopathen behandeln zu lassen. Und so hatte Lino, gerade drei Wochen alt, seinen ersten Kontakt mit der Osteopathie. Diese sanfte Behandlung des Körpers wird immer beliebter. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag des Verbands der Osteopathen Deutschland e.V. hat sich jeder fünfte Deutsche schon einmal in osteopathische Therapie begeben; auch die Zahl der Osteopathen, die Säuglinge und Kinder behandeln, steigt.

Die Selbstheilung fördern

Entwickelt hat die Methode im 19. Jahrhundert der US-amerikanische Arzt Andrew Taylor Still. Er war ein akribischer Erforscher der menschlichen Anatomie und war überzeugt, es sei möglich, Blockaden im Gewebe mit den Händen aufzuspüren, zu lösen und so Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren. In Stills Heimat ist die Osteopathie eine gefragte Methode und als akademische Ausbildung anerkannt.

Der ganze Körper im Blick

In die Praxis von Dr. Christine Bauer in München-Schwabing kommen vor allem Eltern mit Neugeborenen, Babys und Kleinkindern. Die Atmosphäre ist gemütlich, von der Decke baumeln bunte Mobiles aus aller Welt. Bauer ist Kinderärztin, Kinderosteopathin und selbst Mutter. Sie sagt: "Wir sehen immer den ganzen Körper, bringen ihn in die Balance und regulieren da, wo es nötig ist."

Nach Meinung vieler Kinderosteopathen behalten Säuglinge oft ein Geburtstrauma zurück, sei es durch eine sehr intensive, schmerzhafte Geburt, den Einsatz einer Saug­glocke oder einen Kaiserschnitt. Die Folgen können demnach eine sehr angespannte Muskulatur sein, aber auch ausdauerndes Schreien, Fütterungsstörungen oder Schlafprobleme.

Mit ihren Händen fühlt Christine Bauer, ob Muskeln verspannt sind, Gewebe verhärtet ist oder die Lymphe richtig fließt. Und sie kann mit sanftem Druck etwa an Kopf und Becken eingreifen, Verspannungen lösen, Blockaden beseitigen. Die Behandlung wirke auch auf die Faszien, das Bindegewebe, das Muskeln und Organe umhüllt, und soll für eine Verbesserung der Durchblutung und des Stoffwechsels sorgen. "Gerade die Behandlung von Früh- und Neugeborenen ist sehr sanft", betont Torsten Liem, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderosteopathie in Hamburg.

Christine Bauer behandelt Babys nach schwierigen Geburten, mit Anpassungs- oder Fütterungsstörungen oder Asymmetrien – wenn das Kind eine Seite bevorzugt, den Kopf etwa immer nur nach links dreht. "Hier kann zum Beispiel ein blockierter Halswirbel die Ursache sein", sagt die Osteopathin. Solche Blockaden sind nicht ungewöhnlich und eine Folge sogenannter Kontrakturen: Bewegungseinschränkungen der Gelenke, weil das Baby am Ende der Schwangerschaft kaum noch Platz in Mamas Bauch hat und auch noch durch den engen Geburtskanal muss.

Abwarten oder behandeln?

Kritiker der Osteopathie bezweifeln, ob hier gleich eine Behandlung nötig ist. "Bei jedem Neugeborenen finden wir Bewegungseinschränkungen durch die Enge im Mutterleib", sagt Prof. Dr. Robert Rödl, Chef­arzt der Abteilung für Kinderorthopädie am Universitätsklinikum Münster und Vorsitzender der Vereinigung für Kinderorthopädie. "Das kann man behandeln – tut man es nicht, geben sich diese funktionellen Störungen von alleine."

Viele Störungen, die Osteopathen als behandlungsbedürftig einschätzen, sehen Kritiker als normale Einschränkung, die auch ohne Therapie wieder vergeht. So ist die "Kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung" (KISS) auch unter vielen Osteopathen umstritten. Schulmediziner bewerten sie schlicht als erfundenes Problem.

Dass sich aus der Asymmetrie – das Kind dreht den Kopf nur zu einer Seite – tatsächlich Trink- und Schlafprobleme, später sogar Konzentrationsstörungen oder Hyper­ak­tivität ergeben, ist nicht bewiesen. "Viele Säuglinge bevorzugen eine Seite, weil es im Geburtskanal nicht anders geht oder weil sie nach der Geburt hauptsächlich auf dem Rücken liegen", sagt Robert Rödl.

Bei einem echten (und seltenen) Schiefhals – bei dem ein Halsmuskel stark verkürzt ist – können auch Osteopathen wenig ausrichten. In diesen Fällen braucht es intensive Krankengymnastik oder sogar eine Operation. Die normale Asym­metrie vergeht generell bis zum 18. Lebensmonat.

Freiwillige Leistung

Osteopathen behandeln oft trotzdem. "Symmetrie ist wichtig für die motorische Entwicklung, und das können wir unterstützen, indem wir dem Körper in die Balance verhelfen – anstatt dass er jahrelang Dysbalancen ausgleichen muss", sagt Osteopathin Bauer. Nicht alle Schulmediziner sind skeptisch, viele empfehlen die Osteopathie sogar. "Wir kooperieren sehr gut mit der Schulmedizin", sagt Torsten Liem. Einige gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Behandlung freiwillig. Gesetzlich verpflichtet zu zahlen sind sie nur dann, wenn Qualität und Wirksamkeit der Leistung allgemein wissenschaftlich anerkannt sind. Das ist bei der Osteopathie nicht der Fall, überzeugende Nachweise zur Wirksamkeit fehlen.

Fehlende Belege

"Die Datenlage zur Effektivität bei Kindern ist zu schwach", schreibt zum Beispiel die Gesellschaft für Neuropädiatrie in einer Stellungnahme. "Wir sehen die Methode kritisch und empfehlen sie nicht", sagt Dr. Hermann Josef Kahl, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.

Um die Wirksamkeit einer Therapie zu belegen, braucht es zahl­reiche Studien mit sehr vielen Teilnehmern und klare Nachweise, ob die Methode zum Beispiel besser wirkt als eine Scheinbehandlung. Und so gibt es viele Studien zur Osteopathie, doch die Daten reichen nicht aus, um zu überzeugen.

Neue Studien

Unterdessen bemühen sich Osteopathen, mehr Daten vorzulegen, wie zum Beispiel die aktuelle OSTINF-Studie der Akademie für Osteopathie mit mehr als 1000 Säuglingen. Dabei handelt es sich jedoch lediglich um eine Beobachtungsstudie, bei der Eltern nach der Behandlung um ihre Einschätzung gebeten wurden. Die Arbeit verzeichnete demnach Verbesserungen etwa bei Schrei­babys und Fütterungsstörungen um mehr als 70 Prozent. Belastbar sind diese Ergebnisse allerdings nicht.

Eine italienische Arbeit stellte fest, dass Osteopathie bei Frühgeborenen den Klinikaufenthalt verkürzen kann. Orthopäde Robert Rödl bewertet dies skeptisch: "Der Klinikaufenthalt hängt bei Frühchen von sehr vielen Faktoren ab, und es ist schwer nachzuvollziehen, ob die Osteopathie da tatsächlich so großen Einfluss hat."

Er gesteht der Osteopathie aber auch zu, dass sie Eltern Ängste nehmen und die Bindung zum Kind fördern kann. Hier sind sich Befürworter und Skeptiker einig: Für junge Eltern, denen die Großfamilie und die Erfahrung mit Kindern fehlt, ist die Stunde beim Osteopathen oft immens wichtig. Während das Kind unter den sanften Berührungen entspannt, können sie ihre Sorgen loswerden und sich beruhigen lassen, dass alles, was sie gerade erleben, ganz normal ist.

Lino ist heute acht Monate alt und quietschfidel. Die Behandlung habe ihm sehr gut getan, sagt seine Mutter. "Ob es etwas gebracht hat, kann ich allerdings nicht einschätzen", sagt Andrea Schuster.

Gut zu wissen

Berufsbild: Die Osteopathie zählt zu den Heilberufen und darf nur von Ärzten und Heilpraktikern ausgeübt werden. Die Berufsbezeichnung Osteopath ist in Deutschland nicht geschützt – jeder darf sich so nennen.

Ausbildung: "Eine fundierte Ausbildung dauert mindestens fünf Jahre", sagt Georg Schöner, Vorsitzender des Bundesverbandes Osteo­pathie (BVO). Die hat aber nicht jeder Kinderosteopath; manche Be­handler können nur einen Wochenendkurs vorweisen. Am besten nachfragen, welche Ausbildung der Osteopath hat.

Qualität: Wer sichergehen will, dass der Osteopath mehr als nur einen Wochenendkurs absolviert hat, achtet auf das Siegel "Kinderosteopathie" des BVO. Es bekommen nur Osteopathen verliehen, die mindestens 100 Ausbildungs­stunden in Kinderosteopathie
vor­weisen können. Auf der Internetseite des Verbandes können Eltern ­­Adressen entsprechend ausgebildeter Osteopathen finden.


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