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Milchbanken: Frühgeborene profitieren besonders

Immer mehr Kliniken gründen Frauenmilchbanken. Warum die Milch so wertvoll ist, viele Mütter spenden wollen, er aber trotzdem viele Anfragen ablehnen muss, erklärt Neonatologe Dr. Daniel Klotz

von Peggy Elfmann, 05.06.2019
Frühgeborenes

Gramm für Gramm – gerade Frühchen können von Milchbanken besonders profitieren


Herr Dr. Klotz, Sie haben vor zwei Jahren am Universitätsklinikum Freiburg eine Frauenmilchbank gegründet. Etliche Kliniken tun dies ebenso. Woher rührt der Trend?

Dass Muttermilch die beste Nahrung für reife Neugeborene ist, ist unbestritten. Hinsichtlich der Ernährung von Frühgeborenen waren die Geister lange geteilt. Die Erkenntnis, dass sie auch für sie geeignet ist, hat sich unter Ärzten in den letzten Jahren durchgesetzt und zu dem Aufbau vieler Frauenmilchbanken geführt.

Hängt dies auch mit der Zunahme der Frühgeburten zusammen?

Möglicherweise. Mediziner waren früher unsicher, ob Muttermilch für Frühgeborene die richtige Nahrung ist. Studien haben aber tatsächlich gezeigt, dass Frühgeborene sogar besonders von Muttermilch profitieren.

Frauenmilchdatenbank

Weshalb ist das so?

Gerade Kinder, die vor der 32. Woche zur Welt kommen, tragen ein hohes Risiko für Komplikationen. Wenn sie mit Muttermilch ernährt werden, erleiden sie deutlich seltener schwere Darmerkrankungen. Sie vertragen die Milch besser als künstlich hergestellte Nahrung. Und es gibt Hin­weise auf eine bessere neurologische Entwicklung. Besonders bei Frühgeborenen jedoch kommt bei der Mutter durch den Stress der zu frühen Geburt oder eine Erkrankung die Milchbildung nicht oder erst verzögert in Gang.

Wie können Sie dann helfen?

Unser erstes Ziel ist es, jede Mutter durch eine intensive Stillberatung zu unterstützen. Wir signalisieren aber auch, dass es im Rahmen der Frühgeburtlichkeit normal ist, nicht ausreichend Milch zu haben. In diesen Fällen können wir auf gespendete Milch zurückgreifen. Für Spenderinnen ist Spenden immer positiv besetzt, aber Empfängerinnen leiden häufig an Schuldgefühlen, erst wegen der Frühgeburtlichkeit, dann wegen der fehlenden eigenen Milch. Dies wollen wir durch Aufklärung vermeiden.

Weiß man, welche Stoffe in der Muttermilch wichtig sind?

Milch ist ein komplexes organisches System, vergleichbar mit Blut. Es wer­-
den ständig neue schützende Inhaltsstoffe charakterisiert, wie Oligo­saccha­­ride und S100-Alarmine. Aber es ist vermutlich nicht ein einzelner Stoff, sondern das komplexe Zusammenspiel verschiedener Bestandteile, die die guten Wirkungen hervorrufen. Wir stehen in der Forschung erst am Anfang, diese Zusammenhänge zu verstehen.

Warum braucht es eine ­Frauenmilchbank?

Falls keine eigene Muttermilch zur Verfügung steht, wird der Einsatz von gespendeter Muttermilch empfohlen. Mit einer Frauenmilchbank haben wir die Möglichkeit, gespendete Milch jederzeit vorzuhalten. Sie ist getestet, wärmebehandelt und kann je nach Bedarf noch mit Nährstoffen und Mineralien angereichert werden

Wie gewährleisten Sie, dass mit der Milch keine Krankheiten übertragen werden?

Bevor eine Frau spenden darf, muss sie einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen, vergleichbar mit dem bei der Blutspende. Wir nehmen auch Blutproben und testen sie auf Krankheiten wie HIV, Syphilis oder Cytomegalie. In der Regel spenden Mütter, deren Kinder hier auf Station liegen. Die abgepumpte Milch wird bakteriell getestet, wärmebehandelt, versiegelt und tiefgefroren.

Warum wird die Milch wärme­behandelt?

Jegliche Behandlung, selbst das Einfrieren, reduziert den Gehalt und die Aktivität der wertvollen Muttermilchinhaltsstoffe. Daher würden wir Frauenmilch am liebsten roh verfüttern. Je nach Keimgehalt der Frauenmilch und Cytomegalie-Status der Spenderin wird die Milch jedoch wärmebehandelt.

Was passiert dabei?

Wir verwenden zur Pasteurisierung die Holder-Methode. Dabei wird die Milch in einem entsprechenden Gerät 30 Minuten auf 62,5 Grad erhitzt. So werden Bakterien und Viren abgetötet.

Spenden auch Frauen, deren Kinder nicht in der Klinik sind?

Ich bekomme fast täglich Anfragen von Müttern, die spenden möchten. Leider können wir die nicht annehmen.

Warum nicht?

Vor allem aus organisatorischen und finanziellen Gründen. Das Testen und Aufbereiten von Spendermilch ist sehr teuer. Ein Liter Spendermilch kostet uns etwa 60 Euro. Krankenkassen erstatten diese Kosten nicht, sie werden von unserer Klinik alleine getragen. Formelnahrung als ebenfalls gute Alternative ist zwar günstiger, aber Frauenmilch ist ihr einfach überlegen, selbst nach Pasteurisierung. Eines der Ziele der von Ärzten, Wissenschaftlern, Pflegekräften und Eltern gegründeten Frauenmilchbank-Initiative ist, dass diese Kosten erstattet werden können. Manche Frauen spenden ja über informelle Wege oder das Internet. Davon rate ich ab. Trotz meist guter Absichten ist diese Form der Spende ­­hygienisch bedenklich. Wir haben Proben von Internet-Muttermilchtauschbörsen untersucht. Keine einzige Milch war zum Verzehr geeignet. Wir haben hohe Keimzahlen festgestellt, die Spenderinnen waren nicht getestet, und viele Proben waren zu warm. Selbst wenn beim Abpumpen und bei der Verarbeitung der Milch beste hygienische Bedingungen eingehalten werden, kann unter diesen Bedingungen niemand eine reibungslose Kühlkette gewährleisten.

Wie groß ist der Bedarf?

In Deutschland gibt es rund 200 Perinatalzentren. Bislang existieren nur an 22 davon Frauen­milchbanken. Da besteht eine große Diskrepanz. Es braucht nicht zwingend jede Klinik eine Frauenmilchbank, aber jedem Früh­­geborenen, das keine Milch der eigenen Mutter bekommen kann, sollte Frauenmilch zur Verfügung stehen.  

Wie kamen Sie zu dem Thema?

Als ich nach Freiburg kam, bin ich eher zufällig auf das Thema gestoßen. Aber ich habe gemerkt, wie groß das Potenzial ist, und mich für den Aufbau einer Frauenmilchbank eingesetzt.

Worin sehen Sie das Potenzial?

Muttermilch hat viele Vorteile, die wir im Rahmen einer modernen Ernährungs­medizin nutzen sollten. Ziel der gemeinnützigen Frauenmilchbank-Initiative ist es, die Einrichtung von weiteren Frauenmilchbanken zu fördern. Gleichzeitig brauchen wir mehr hochwertige Studien. Ich wünsche mir, dass wir in fünf Jahren eine flächendeckende Versorgung mit Frauenmilch erreichen und anhand von Studien entsprechende Leitlinien valide Empfehlungen geben können.

An welchen ­Kliniken gibt es Frauenmilchbanken in Deutschland? Die Adressliste der Frauenmilchbank-Initiative zeigt es Ihnen. Sie finden sie unter: www.frauenmilchbank.de/frauenmilchbanken


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