Migräne bei Kindern: Was dagegen hilft

Auch Kinder leiden unter Migräne-Anfällen: Stress kann ein Auslöser des Kopfschmerzes sein. Wie Eltern ihrem Kleinen helfen können. Plus: Ein Video, das Migräne erklärt
von Julia Jung, aktualisiert am 02.12.2016

Das Video erklärt Kindern, wie Migräne entsteht und was sie dagegen tun können

Quelle: Deutsches Kinderschmerzzentrum

Es beginnt mit Stress und es ­endet mit Stress. Kinder, die unter Migräne leiden, haben ­teilweise schon vor der ers­ten ­Attacke zu viel um die Ohren. "Das Kindergehirn wird doppelt angegriffen. Es darf sich immer seltener entspannen und muss immer häufiger Höchstleistung bringen", sagt Professor Boris Zernikow, Chefarzt am Deutschen Kinderschmerz­zentrum in Datteln. Derart überfordert, kann das Gehirn nur noch in eine Richtung reagieren: mit Schmerz.

Typischerweise pochend, meist in der Stirn, häufig beidseitig und meist sehr heftig. Viele Kinder, die Migräne haben, leiden bei ­einer ­Attacke auch unter Übelkeit und Erbrechen, sind licht- und geräuschempfindlich. Die Anfälle können zwei Mal im Jahr auftreten oder jede Woche, das ist bei jedem Patienten anders.

Prof. Dr. med. Boris Zernikow ist Chefarzt am Deutschen Kinderschmerzzentrum der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln

W&B/Markus J. Feger

Genveränderung verursacht Migräne

Migräne ist bei Kindern nicht so selten. Knapp zwölf Prozent der deutschen Schüler sind betroffen. Das ergab eine Studie mit 7000 Jungen und Mädchen. "Es ist das ganze Lebensumfeld, welches sich für die Kinder zunehmend zum Schlechten verändert", sagt Dr. Friedrich Ebinger, Chefarzt der Kinder- und Jugend­klinik am St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn.

Zu viel Schulstress, zu wenig Bewegung, Tage voller Termine – manche Kinder stecken das weg, andere bekommen Kopfschmerzen. Es trifft häufig Kinder, in deren Familien es bereits Migränefälle gibt. "Das ist die bio­logische Ursache: ein Gen­defekt, der aus einem Gehirn ein Migräne-­Gehirn macht", erklärt Zernikow. Und der verdeutlicht: Migräne lässt sich nicht heilen.

Umso wichtiger ist, dass Kinder lernen, mit ihr zu leben. Dass sie wissen, was sie bei einer ­Attacke zu tun haben und wie sie ihr zuvorkommen können. "Um heraus­zufinden, was einen Migräne-­Anfall auslöst, hilft zu Anfang ein Schmerztagebuch", so Ebinger. Es zeigt nach einigen Wochen, in welchem Zusammenhang die ­Attacken kamen und, fast noch entscheidender, in welchen Situa­tionen es dem Kind gut ging. Ein Kopfschmerztagebuch kann nach Auskunft des Deutschen Kinderschmerzzentrums schon bei Kindern ab vier Jahren sinnvoll sein – wenn es die Eltern mit ihnen zusammen ausfüllen. Im Anschluss sollten sie es mit dem behandelnden Arzt besprechen.

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PD Dr. Friedrich Ebinger ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Vincenz-Krankenhaus in Paderborn

W&B / Privat

Migräne-Auslöser erkennen und minimieren

"Einer der wichtigsten Punkte in der Migräne-Therapie ist das Schmerz-Verstehen", erläutert Zernikow. "Die Kinder müssen lernen, warum sie Schmerzen haben und wie diese im Kopf entstehen." Ein Reiz, wie Schulstress, aber auch Lärm oder zu viel Fernsehen wird vom Gehirn nicht in dem Maße verarbeitet, wie ein gesundes Kind ihn erlebt, sondern kann die Beschwerde begüns­tigen. 

Einmal erkannt, müssen die Auslöser minimiert werden. "Hier sind auch die Eltern in der Verantwortung", sagt Mediziner Zernikow. Wenn das Kind bereits sehr unter den Attacken litt, reagieren Eltern schnell überfürsorglich und wollen es häufig von allem fernhalten, was wehtun könnte – wieder Stress für das Kind.

Entspannungsübungen können helfen

"Migräne ist eine ­Krankheit, die viel mit Rhythmus zu tun hat", erklärt Zernikow. Regel­mäßiger Schlaf hilft oft, eine Attacke zu verhindern. Das heißt aber auch, dass zwei, drei Stunden mehr Schlaf am Sonntag­morgen zu viel sein können. Einfach, weil der Körper gewohnt ist, um sieben aufzustehen und nicht um zehn. "Früh aufstehen ist dann ein Muss, das Kind darf sich aber später wieder hinlegen. Nur der Nachtschlaf sollte unterbrochen sein", so ­Zernikow.

Um im Alltag mit der Mi­gräne klarzukommen, lernen die ­kleinen Patienten Entspannungs­übungen, zum Beispiel Muskelrela­xation nach Jacobson oder Yoga. Erfolgversprechend, aber leider in den Materialkosten sehr teuer und deshalb wenig verbreitet ist auch das sogenannte Biofeedback. Dabei ist das Kind über Elektroden mit einem Computer verbunden, der ihm zeigt, wie angespannt oder gestresst es gerade ist. Dadurch lernt es, seine Gedanken so zu steuern, dass sich sein Körper entspannen kann. Und die drohende Attacke abgeschwächt oder ganz verhindert wird.

Bei Migräne geht es nicht ohne Medikamente

Vorkommen können die Anfälle trotzdem weiterhin. Abgesehen von leichten Attacken, geht es bei einer diagnostizierten ­Migräne nicht mehr ohne Medikamente. "Ibuprofen ist das Mittel der Wahl und sollte gleich in ausreichend hoher Dosierung genommen werden", rät Ebinger. Bis die Symp­­tome wieder abklingen, sollte das Kind so wenig Reizen wie möglich ausgesetzt sein.

Manchen Patienten gelingt es, ihre ­Migräne so zu beeinflussen, dass die zuvor extrem starken Schmerzattacken so abgeschwächt werden, dass sie diese sogar im Klassenzimmer aushalten können. Weil sie genau wissen, was speziell ­ihnen in dieser Situa­tion hilft.


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