Mein Kind hat WC-Gel probiert! Besuch beim Giftnotruf

Die ersten Fragen, die Eltern in so einer Situation durch den Kopf schießen: Ist das giftig? Was hilft jetzt? Beantworten können das die Experten in den Giftnotrufzentralen. Ein Besuch

von Andrea Schmidt-Forth, 16.04.2018
Dr. Dagmar Prasa

Dagmar Prasa (re.) bespricht sich beim Telefondienst mit einer Kollegin


7:38 Uhr. Die Sonne scheint, der Tag verspricht schön zu werden in Erfurt. Für Germaine Frimlovas erste Anruferin startet der Tag mit einem riesigen Schreck: "Mein Sohn hat vom Gel des WC-Steins gegessen – muss er jetzt zum Arzt? Kann er davon sterben?", fragt die Mutter panisch.

"Bleiben Sie ganz ruhig", sagt die Ärztin, für die gerade die Frühschicht im Giftnotruf begonnen hat. Mit ­fester, aber einfühlsamer Stimme versucht die Ärztin sich ein Bild zu machen, fragt Fakten ab: Was ist genau passiert? Wann hat das Kind das WC-Gel in den Mund gesteckt? Wie alt ist das Kind? Wie ist sein Zustand jetzt? Welche Maßnahmen wurden bisher ergriffen? Sie tele­­foniert mit Headset, um sich parallel Notizen machen und Informa­tionen heraussuchen zu können.

Giftnotrufzentralen: Beruhigung und Hilfestellung für Eltern

Ihre besonnene Art überträgt sich positiv auf die aufgeregte Mutter. Sie beruhigt sich, beantwortet jede Frage. Und erzählt, dass ihr ein­jähriger Sohn zu Hause in den Gel-WC-Stein gefasst und anschließend probiert hat, wie das Zeug schmeckt, das aussieht wie ein großes Gummibärchen. Er hat nur eine winzige Menge in den Mund genommen, und es geht ihm gut. Außerdem hat die Mutter sofort reagiert und ihm den Mund mit Wasser ausgespült. "Das haben Sie richtig gemacht", spricht die Ärztin in den Telefon­hörer. "Be­­obachten Sie Ihren Sohn ein paar Stunden. Geht es ihm weiterhin gut, ist der Zwischenfall schon über­standen."

Dieser Fall geht glimpflich aus, auch wenn die Mutter sich Vorwürfe macht, weil sie ihren Sohn einen Moment lang alleine gelassen hat. Germaine Frimlova legt auf und lehnt sich in ihrem Bürostuhl zurück. Mit Haushaltsreinigern kennen sie und ihre Kolleginnen sich gut aus. Sie sind jeden Tag Thema.

Dr. Dagmar Prasa

25 Vergiftungsfälle pro Tag

Kleinkinder sind die größte Risikogruppe für Giftunfälle im Haushalt. Mehr als ein Drittel der Vergiftungen betrifft Ein- bis Fünfjährige. Allein beim Giftnotruf Erfurt, der zuständig ist für Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen und damit für insgesamt zehn Millionen Menschen, gehen täglich etwa 25 Fälle von Kindern bis zu 13 Jahren ein. Tendenz leicht steigend.

Dr. Dagmar Prasa, Apothekerin und kommissarische Leiterin der Erfurter Giftnotrufzentrale, erklärt, warum das so ist: "Bunte Flüssigkeiten und Bilder auf Verpackungen ziehen die Kleinen magisch an. Sie kennen den Unterschied zwischen Genießbarem und Giftigem noch nicht. Da kleine Kinder ihre Umgebung häufig über Tasten und Schmecken erforschen, stecken sie vieles auch erst einmal in den Mund. Am häufigsten vergreifen sie sich an Putz-, Spül-, Wasch- und Desinfektionsmitteln oder Medikamenten, die Eltern oder Großeltern zum Einnehmen bereitgelegt haben."

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