Kinder nicht am Ellbogen ziehen!

Das Radiusköpfchen im Ellbogen renkt bei Kindern im Alter von zwei bis vier Jahren leicht aus. Deswegen sollten Eltern den Nachwuchs nicht ruckartig an der Hand hochheben
von Dr. med. Roland Mühlbauer, aktualisiert am 14.09.2017

Ein schneller Zug am Ellbogen kann bei Kleinkindern das Radiusköpfchen ausrenken

Masterfile/Raoul Minsart

Ein Albtraum für Eltern: Das Kind will partout nicht aufstehen. Die Mutter greift den Nachwuchs am Arm und zieht ihn hoch. Das Kind schreit, sein Arm wirkt gelähmt. Der Ellbogen ist zum Teil ausgerenkt.

Das Ellbogengelenk setzt sich aus der Knochenrolle des Oberarmknochens und den oberen Enden der beiden Unterarmknochen Elle (Ulna) und Speiche (Radius) zusammen. Letzteres heißt auch Radiusköpfchen. Das Gelenk ermöglicht zum einen die Beugung des Arms, zum anderen aber auch das Wenden des Unterarms, sodass man entweder die eigene Handfläche oder den Handrücken sehen kann.

Das Ellenbogengelenk: Am Ende der Speiche befindet sich das Radiusköpfchen. Es wird vom Ringband gehalten

Getty Images/Creative, ddp Images

Radiusköpfchen-Subluxation bei Zwei- bis Vierjährigen häufig

Bei Kleinkindern ist das Ringband, welches das Radiusköpfchen umgibt und an seinem Platz hält, noch schwach und dehnbar. Wenn am Unterarm gezogen wird, kann sich das Radiusköpfchen deshalb relativ leicht aus seiner Verankerung lösen. Mediziner sprechen dann von einer Radiusköpfchen-Subluxation, also einer unvollständigen Ausrenkung des Gelenks. "In unserer Klinik sehen wir jede Woche mehrere Kinder im Alter von zwei bis vier Jahren mit dieser Verletzung", erzählt Prof. Dr. med. Lucas M. Wessel, Direktor der Kinderchirurgischen Klinik des Universitätsklinikums Mannheim. Wenn die Kinder älter sind, kommt die Verrenkung kaum mehr vor.


Prof. Lucas M. Wessel

W&B/Privat

Ursache meist unerwarteter Zug am Arm

Prinzipiell könne das bei jedem Kleinkind passieren, wenn es in einem unerwarteten Moment an einem Arm hochgezogen wird, so Wessel, der auch Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) ist. Typische Situation: Vater oder Mutter halten das Kind im Straßenverkehr an der Hand. Weil ein Auto kommt, ziehen sie das Kind schnell am Arm hinterher. Das Kind rechnet nicht damit, hat deshalb die Armmuskeln für einen Moment nicht angespannt, und schon ist es passiert: das Radiusköpfchen ist ausgerenkt. "Das Spiel ,Engelchen flieg' ist hingegen weniger problematisch, wenn das Kind weiß, was es erwartet. Dann spannt es seine Muskeln an", beruhigt Wessel. Manchmal könne die Verletzung aber auch nach einem Sturz auftreten.

Typischerweise hält das Kind nach den ersten Schmerzensschreien den betroffenen Arm ganz still in einer Schonhaltung: Halb gebeugt, mit dem Handrücken nach oben, während der gesunde Arm den verletzten unterstützt. Nach einem französischen Chirurgen aus dem 19. Jahrhundert heißt diese Haltung "Chassaignac-Lähmung". Krankheitsbild und Unfallhergang sind oft so charakteristisch, dass Ärzte die Diagnose ohne Röntgenbild stellen. "Nur, wenn ein Sturz vorausgegangen ist, kann ein Röntgenbild nötig sein, um Knochenbrüche auszuschließen", sagt Wessel. Wenn es aber keinen Sturz gab, und der Arm weder geschwollen noch blau angelaufen ist, behandelt der Arzt sofort. "Leider erfinden manche Eltern aus Scham lieber einen Sturz, als zuzugeben, dass sie selbst das Kind am Arm gezogen haben. Das hat dann unnötige Röntgenaufnahmen zur Folge", sagt Wessel.

Ärzte können Radiusköpfchen am Ellenbogen einrenken

Um die Verrenkung zu beheben, kennen Ärzte mehrere Techniken. Zum Beispiel folgendes Manöver: Zunächst zieht der Arzt am Arm, dann dreht er ihn so weit wie möglich nach innen. Bei Erfolg springt das Radiusköpfchen mit einem kurzen Knacken oder Ploppen zurück an seine angestammte Lage. "Dann schreit das Kind erst kurz auf, aber es erholt sich binnen weniger Minuten und bewegt sich wieder normal, als sei nichts gewesen", so Wessel.

Im Internet kursieren sogar Videos, wie Eltern selbst solche Manöver an ihrem Kind vornehmen können. "Das sollten Eltern aber wirklich nur dann tun, wenn das Kind nicht gestürzt ist und sie sich sicher sind, dass keine weiteren Begleitverletzungen vorliegen", wägt Wessel ab. Auch, falls nicht sofort ein Arzt an Ort und Stelle ist, brauchen laut Experte die Eltern nicht in Panik zu geraten: Zwar würden dann die Beschwerden des Kindes nicht so schnell behoben, aber Folgeschäden seien bei der Radiusköpfchen-Subluxation trotzdem nicht zu befürchten. Tritt die Verletzung wiederholt auf, bespricht der Arzt behutsam mit den Angehörigen, wie sie das Kind schonender behandeln. "Zum Beispiel, indem sie es beim Hochheben unter den Achseln nehmen", erklärt Wessel.


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