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Impfpflicht für die Kita?

Impfungen retten Leben, und je mehr Menschen sich für den Piks entscheiden, desto besser können Infektionskrankheiten ausgerottet werden. Warum es in Deutschland jetzt zumindest eine Impfpflicht gegen Masern gibt

von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 15.11.2019

Als unser Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung U 3 unseres Sohnes fragte, wie wir zum Thema Impfen stehen, waren wir irritiert. Kann man Impfschutz infrage stellen? Offensichtlich. Auf die Suchmaschinen-Frage "Impfen ja oder nein?" liefert das Internet über 3,6 Millionen Einträge. Das Thema kam erneut auf, als unser Sohn mit zehn Monaten in die Krippe kam, da stand die Masern­impfung noch aus, er war also für ein paar Wochen ungeschützt. Zu wissen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder ungeimpft in die Kita geben und damit in Kauf nehmen, dass zum Teil tödlich endende Krankheiten die Runde machen könnten, hinterließ bei mir ein mulmiges Gefühl.

Langjährige Diskussionen über eine Impfpflicht

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) forderte schon lange eine Impfpflicht. Auch Kinderarzt Steffen Büchner aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern, stellvertretender Vorsitzender seines BVKJ-Landesverbandes, sprach sich dafür aus. Immer wieder trifft er in seiner Sprechstunde auf impfkritische Eltern. Bisher konnte er nur hoffen, dass seine Aufklärung wirkt. Er stellt aber fest, "die wenigsten Eltern verweigern Impfungen strikt, die meisten sind eher verunsichert und verlassen die Praxis sehr oft mit einem geimpften Kind", so Büchner.

Können Impfstoffe Krankheiten verursachen?

Doch woher rührt die Unsicherheit? "Eltern unterschätzen die Folgen der Infektionskrankheiten gnadenlos" sagt der Kinderarzt. Diphtherie, Polio oder Keuchhusten waren in den 50er-, 60er-Jahren gefürchtete Kinderkrankheiten. "Heute kennt die doch keiner mehr. Und es kursieren viele Thesen im Internet, die belegen wollen, wie schädlich Impfen sei", erklärt Büchner. Damit meint der Kinderarzt zum Beispiel Aussagen wie: Impfungen können Multiple Sklerose oder Autismus verursachen. "Es gibt keine einzige Studie, die das belegt. Würde ein Impfstoff eine Krankheit aus­­lösen, würde er vom Markt genommen. Impfstoffe unterliegen strengen Kontrollen", hält der Mediziner dagegen.

Oder der Vorwurf: Impfstoffe enthalten Quecksilber. "Das ist schon seit Jahren nicht mehr der Fall", sagt Büchner. Fast in Rage gerät der Kinderarzt, wenn Aluminium (Bestandteil vieler Totimpfstoffe) angeprangert wird. "Aluminiumsalze werden seit den 80er-Jahren als Wirkungsverstärker eingesetzt, ohne sie wäre eine effektive Impfung nicht möglich. Meine Gegenfrage: Haben Sie schon mal einen Joghurtdeckel abgeschleckt? Der Aluminium­anteil, der dabei in den Körper gelangt, ist zehnmal höher als der durch die Impfung", erklärt Büchner.

Immer noch regelmäßig größere Masernausbrüche

Vor allem nach größeren Masernausbrüchen wurden immer wieder Stimmen für die Einführung einer Impfpflicht laut. Laut Robert Koch-Institut (RKI) erkrankten 2017 zum Beispiel mehr als 900 Menschen an Masern, 41 Prozent davon mussten im Krankenhaus behandelt werden, eine Person starb.

Masernfälle werden in Deutschland jedes Jahr gemeldet, dabei schwanken die Zahlen stark. So erkrankten in der ersten Jahreshälfte 2019 bundesweit mehr als 300 Menschen an Masern, im Vergleichszeitraum 2017 waren es knapp 800 Betroffene. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angestrebte Ziel, weniger als 80 Masernfälle in Deutschland pro Jahr bis 2020, wird bisher weit verfehlt. 

Impfpflicht Gegen Masern ab März 2020

Deshalb hat der Bundestag eine Impfpflicht gegen Masern beschlossen: Ab März 2020 müssen alle Kinder vor der Aufnahme in Kita, Schule und der Kindertagespflege nachweisen, dass sie wirksam gegen Masern geimpft worden sind. Kinder, die bereits in einer Gemeinschaftseinrichtung untergebracht sind sowie Mitarbeiter dieser Einrichtungen müssen den Impfnachweis bis Ende Juli 2021 erbringen. Kinder ohne Masernimpfung können vom Besuch des Kindergartens ausgeschlossen werden. Gegen Eltern, die ihre dort betreuten Kinder nicht impfen lassen, kann ein Bußgeld in Höhe von bis zu 2.500 Euro verhängt werden. Auch Kindertagesstätten riskieren ein Bußgeld, wenn sie nicht geimpfte Kinder betreuen.

Auch auf Aufklärung setzen

Eine große Chance, die Impfquoten zu erhöhen, sieht Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Berlin, auch in der Aufklärungs­arbeit. "Krankenkassen, Gesundheitsämter, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und viele Kinderärzte leisten schon sehr gute Arbeit", so der Virologe. Dies zeichne sich bereits in den Impfquoten ab. "Die Impfbereitschaft bei Kleinkind-­Eltern hat nämlich zugenommen. Deutschlandweit haben wir bei Kleinkindern eine 80- bis nahe 100-prozentige Durchimpfungsrate erreicht", so Mertens.

Und für Krankheiten wie Diphtherie und Polio braucht es eine Impfquote von mindestens 80 bis 90 Prozent. Dann erst ist die sogenannte Herdenimmunität erreicht, die die Gemeinschaft schützt, indem sie verhindert, dass sich eine Krankheit ausbreitet. Bei Masern beträgt die Quote mindestens 95 Prozent. Dieses Ziel konnten 2016 laut RKI zwar erstmals alle Bundesländer bei der ersten Masern­impfung ver­buchen, "doch erst die zweite Masern­­impfung führt zur Vollimmunisierung. Und da liegt Deutschland bis­her erst bei knapp 93 Prozent. Hinzu kommen größere Impflücken bei älteren Kindern sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen", erklärt Mertens.

Zusätzlich ist eine Impfberatung Pflicht

Zu einem besseren Impfverhalten soll auch das 2015 eingeführte Präventionsgesetz führen. Es regelt, dass Eltern den Nachweis einer ärztlichen Impfberatung erbringen müssen, wenn sie ihr Kind in der Kita anmelden. Können sie das nicht, müssen sie mit einem Bußgeld rechnen. Seit 2017 sind die Kindertagesstätten verpflichtet, jene Eltern ohne Impfberatung dem Gesundheitsamt zu melden. "So können Behörden bei einem Ausbruch einer Kinderkrankheit schneller reagieren und ungeimpfte Kinder vorübergehend von der Betreuung ausschließen", klärt Mertens auf.  

Gut so, findet der Güstrower Kinderarzt Steffen Büchner: "Eltern tragen auch eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Kindern, die wegen ihres jungen Alters noch keinen vollständigen Impfschutz haben oder aufgrund von Krankheiten gar nicht geimpft werden können." Aus diesem Grund und zu seinem eigenen Schutz wurde unser Kind geimpft, so wie es die STIKO empfiehlt – und auch ich habe meine Impf­lücken schließen lassen.


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