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Impfpflicht für die Kita?

Impfungen retten Leben, und je mehr Menschen sich für den Piks entscheiden, desto besser können Infektionskrankheiten ausgerottet werden. Warum es in Deutschland trotzdem keine Impfpflicht gibt

von Beatrice Sobeck, 20.02.2019
Kinderbetreuung

Im Kindergarten, bei der Tagesmutter und in der Krippe können Infektionskrank­heiten schnell die Runde machen. Masern und Co. ver­breiten sich über Tröpfcheninfektion, etwa beim gemein­samen Essen


Als unser Kinderarzt bei der Vorsorgeuntersuchung U 3 unseres Sohnes fragte, wie wir zum Thema Impfen stehen, waren wir irritiert. Kann man Impfschutz infrage stellen? Offensichtlich. Auf die Suchmaschinen-Frage "Impfen ja oder nein?" liefert das Internet über 3,6 Millionen Einträge. Das Thema kam erneut auf, als unser Sohn mit zehn Monaten in die Krippe kam, da stand die Masern­impfung noch aus, er war also für ein paar Wochen ungeschützt. Zu wissen, dass es Eltern gibt, die ihre Kinder ungeimpft in die Kita geben und damit in Kauf nehmen, dass zum Teil tödlich endende Krankheiten die Runde machen könnten, hinterließ bei mir ein mulmiges Gefühl.

Diskussionen über eine Impfpflicht

Wäre eine Impfpflicht für die Kita nicht die Lösung? Über diese Frage diskutieren nicht nur Eltern, sondern auch Mediziner. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) fordert schon lange eine Impfpflicht. Auch Kinderarzt Steffen Büchner aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern, stellvertretender Vorsitzender seines BVKJ-Landesverbandes, spricht sich dafür aus. Immer wieder trifft er in seiner Sprechstunde auf impfkritische Eltern. Bisher kann er nur hoffen, dass seine Aufklärung wirkt. Er stellt aber fest, "die wenigsten Eltern verweigern Impfungen strikt, die meisten sind eher verunsichert und verlassen die Praxis sehr oft mit einem geimpften Kind", so Büchner.

Können Impfstoffe Krankheiten verursachen?

Doch woher rührt die Unsicherheit? "Eltern unterschätzen die Folgen der Infektionskrankheiten gnadenlos" sagt der Kinderarzt. Diphtherie, Polio oder Keuchhusten waren in den 50er-, 60er-Jahren gefürchtete Kinderkrankheiten. "Heute kennt die doch keiner mehr. Und es kursieren viele Thesen im Internet, die belegen wollen, wie schädlich Impfen sei", erklärt Büchner. Damit meint der Kinderarzt zum Beispiel Aussagen wie: Impfungen können Multiple Sklerose oder Autismus verursachen. "Es gibt keine einzige Studie, die das belegt. Würde ein Impfstoff eine Krankheit aus­­lösen, würde er vom Markt genommen. Impfstoffe unterliegen strengen Kontrollen", hält der Mediziner dagegen.

Oder der Vorwurf: Impfstoffe enthalten Quecksilber. "Das ist schon seit Jahren nicht mehr der Fall", sagt Büchner. Fast in Rage gerät der Kinderarzt, wenn Aluminium (Bestandteil vieler Totimpfstoffe) angeprangert wird. "Aluminiumsalze werden seit den 80er-Jahren als Wirkungsverstärker eingesetzt, ohne sie wäre eine effektive Impfung nicht möglich. Meine Gegenfrage: Haben Sie schon mal einen Joghurtdeckel abgeschleckt oder Milch aus Tetrapacks getrunken? Der Aluminium­anteil, der dabei in den Körper gelangt, ist zehnmal höher als der durch die Impfung", erklärt Büchner.

Immer noch regelmäßig größere Masernausbrüche

Auch Politiker diskutieren immer wieder über eine Zwangsimmunisie­rung – häufig nach größeren Masernausbrüchen wie etwa vor vier Jahren in Berlin. Laut Robert Koch-Institut (RKI) erkrankten zwischen Oktober 2014 und August 2015 mehr als 1300 Menschen an Masern, 100 von ihnen mussten mit schweren Komplikationen im Krankenhaus behandelt werden, ein Kleinkind starb.

Masernfälle werden in Deutschland jedes Jahr gemeldet, dabei schwanken die Zahlen stark. So erkrankten in der ersten Jahreshälfte 2018 bundesweit 387 Menschen an Masern, im Vergleichszeitraum 2017 waren es knapp 800 Betroffene. Das von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angestrebte Ziel, weniger als 80 Masernfälle in Deutschland pro Jahr bis 2020, wird bisher weit verfehlt. 

Gegen Impfpflicht sprechen Persönlichkeitsrechte

Eine Impfpflicht – allgemein oder nur für die Kita – sieht Prof. Dr. Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO) in Berlin, trotzdem nicht als Lösung. Auch wenn aus wissenschaftlich-­medizinischer Sicht nichts dagegen spreche. "Es gibt aber ethisch-rechtliche Gründe. Eine gesetzlich vorgeschriebene Immunisierung würde die Persönlichkeitsrechte einschränken. Hier gibt es hohe Hürden im Gesetz. Womöglich müssen wir uns dann mit einer Klagewelle auseinandersetzen, weil einzelne Bürger sich dagegen wehren. Mit Zwang würden wir konsequenten Verweigerern unnötig eine Plattform bieten", sagt Mertens. Außerdem ließe das Infektionsschutzgesetz (IfSG, § 20, Abs. 6) in Deutschland schon jetzt ein Hintertürchen für Impfunwillige offen. In diesem Gesetz heißt es, bei einer bestehenden Gefahr für Leib und Leben, darf selbst im Falle einer Zwangsimpfung, nicht geimpft werden. In der Praxis würde das bedeuten, ein Arzt bescheinigt dieses Risiko, und man kann die Impfung umgehen.

Deutschland setzt lieber auf Aufklärung

Die größte Chance, die Impfquoten zu erhöhen, sieht der ­STIKO-Vorsitzende in der Aufklärungs­arbeit. "Krankenkassen, Gesundheitsämter, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und viele Kinderärzte leisten schon sehr gute Arbeit", so der Virologe. Dies zeichne sich bereits in den Impfquoten ab. "Die Impfbereitschaft bei Kleinkind-­Eltern hat nämlich zugenommen. Deutschlandweit haben wir bei Kleinkindern eine 80- bis nahe 100-prozentige Durchimpfungsrate erreicht", so Mertens.

Und für Krankheiten wie Diphtherie und Polio braucht es eine Impfquote von mindestens 80 bis 90 Prozent. Dann erst ist die sogenannte Herdenimmunität erreicht, die die Gemeinschaft schützt, indem sie verhindert, dass sich eine Krankheit ausbreitet. Bei Masern beträgt die Quote mindestens 95 Prozent. Dieses Ziel konnten 2016 laut RKI zwar erstmals alle Bundesländer bei der ersten Masern­impfung ver­buchen, "doch erst die zweite Masern­­impfung führt zur Vollimmunisierung. Und da liegt Deutschland bis­her erst bei knapp 93 Prozent. Hinzu kommen größere Impflücken bei älteren Kindern sowie Jugendlichen und jungen Erwachsenen", erklärt Mertens.

Zumindest eine Impfberatung ist Pflicht

Zu einem besseren Impfverhalten soll auch das 2015 eingeführte Präventionsgesetz führen. Es regelt, dass Eltern den Nachweis einer ärztlichen Impfberatung (nicht Impfungen) erbringen müssen, wenn sie ihr Kind in der Kita anmelden. Können sie das nicht, müssen sie theoretisch mit einem Bußgeld in Höhe von bis zu 2500 Euro rechnen. Seit 2017 sind die Kindertagesstätten verpflichtet, jene Eltern ohne Impfberatung dem Gesundheitsamt zu melden. "So können Behörden etwa bei einem Masern­­ausbruch schneller reagieren und ungeimpfte Kinder vorübergehend von der Betreuung ausschließen", klärt Mertens auf.  

Ein Schritt in die richtige Richtung, findet der Güstrower Kinderarzt Steffen Büchner: "Eltern tragen auch eine gesellschaftliche Verantwortung gegenüber den Kindern, die wegen ihres jungen Alters noch keinen vollständigen Impfschutz haben oder aufgrund von Krankheiten gar nicht geimpft werden können." Aus diesem Grund und zu seinem eigenen Schutz wurde unser Kind geimpft, so wie es die STIKO empfiehlt – und auch ich habe meine Impf­lücken schließen lassen.


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