IGe-Leistungen auf dem Prüfstand

Ultraschall der Eierstöcke, Hormonstatus, HPV-Test: Frauenärzte empfehlen häufig IGeL. Viele sind überflüssig. Was Sie wissen sollten

von Andrea Schmidt-Forth, aktualisiert am 13.03.2017
Frau in der Sprechstunde

Aufklärung: Individuellen Gesundheitsleis­tungen nicht gleich zustimmen!


Eine Studie des Wissenschaftlichen Ins­tituts der AOK zeigt: Etwa ­jeder dritte gesetzlich Krankenversicherte nimmt das Angebot seines Arztes an, zusätzlich "etwas für seine Gesundheit zu tun". Darunter überproportio­nal viele gebildete, gut verdienende Frauen. Sie haben die Wahl unter mindestens 360 individuellen Gesundheitsleis­tungen (IGeL) von Akupunktur bis Ultra­schall. Ständig kommen neue ­hinzu. Sie können von Arzt zu Arzt anders heißen und im Preis variieren. Verwirrend ist, dass auch gesetzliche Krankenkassen für ­manche IGe-Leistungen die Kosten freiwillig übernehmen, wie etwa homöopathische Behandlungen oder Osteopathie.

Dr. Christian Weymayr

Arzt oder Verkäufer?

"Das Verhältnis zum Arzt ist intim und sensibel. Es fällt schwer, jemandem zu vertrauen, der einem etwas verkaufen will", warnt Dr. Christian Weymayr, Projektleiter des IGeL-Monitors, angesichts dieser Entwicklung. Zudem ist es für Verbraucher schwierig herauszufinden, welche Angebote sinnvoll sind. Deshalb gründete der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen den IGeL-Monitor.

Seit mehreren Jahren nimmt sich ein ­Gremium aus Medizinern und Wissenschaftlern ärztliche Wahlleistungen einzeln vor und prüft alle dazu vorhandenen Studien. Die Mehrzahl der bisher bewerteten Leistungen schnitt nicht gut ab, einige sogar sehr schlecht. "Natürlich gibt es auch unstrittige IGeL", erklärt Weymayr. "Vor ­einer Fernreise kann eine Impfung sinnvoll sein. Wer einen Tauchkurs belegt, braucht ­eine Tauchtauglichkeits-Untersuchung." Aber wie sieht es bei den IGeL in der Frauen­arztpraxis aus? Die wichtigsten IGe-Leistungen im Überblick:

Christiane Lange

Ultraschall der Eierstöcke

Etwa zwei Millionen beschwerdefreie Frauen lassen jedes Jahr auf eigene Kos­­ten ihre Eierstöcke schallen, ergab ­eine Hochrechnung des Berliner Harding-Zentrums für Risikokompetenz auf Basis von AOK-Daten.

Dabei ist die Me­­thode zur Krebsfrüherkennung umstritten: Laut Studien vermindert sie das Risiko, an Eierstockkrebs zu sterben, nicht. Stattdessen werden laut Harding-Zentrum Eier­stöcke oft unnötig entfernt, da es zu Fehldiagnosen kommt.
IGeL-Monitor: kein Nutzen
Alternative: keine. "Bei Beschwerden und auffälligem Befund ist der Ultraschall sehr sinnvoll und selbstverständlich Kassenleistung", sagt die Gynäkologin Dr. Antje Huster-Sinemillioglu.

Dr. Antje Huster-Sinemillioglu

Ultraschall der Brust

Vor allem bei jüngeren Frauen und Frauen vor den Wechseljahren ist das Brustgewebe meist dicht. Hier kann ­eine Ultraschall-Untersuchung im individuel­len Fall besseren Aufschluss geben als ­eine Mammo­grafie. Stu­dien, die die Wirksamkeit belegen, gibt es jedoch nicht. Stellt der Arzt eine Indikation (zum  Beispiel Tastbefund, einseitiger Schmerz), ist sie Kassenleistung.
IGeL-Monitor: Nutzen unklar
Alternative: keine

HPV-Test

Einige humane Papillomaviren (HPV) können zu Gebärmutterhalskrebs führen, wenn sie im ­Körper bleiben. Mit einem Abstrich ­lassen sie sich nachweisen. "Allerdings heißt ein positives Ergebnis noch ­lange nicht, dass Krebs daraus entsteht", sagt Antje Huster-Sinemillioglu.
IGeL-Monitor: keine Bewertung. Die Gynäkologin sagt: "Bei Frauen ­unter 30 findet sich das Virus ­häufig, verschwindet aber meist wieder. Der Test ist nur bei Frauen über 30 sinnvoll. Bei einem positiven Befund muss weiter untersucht werden, ­etwa mit dem PAP-Test." Dieser Abstrich, der Zell-Veränderungen anzeigt, gehört zur jährlichen Krebsvorsorge. Hinweise auf ­­einen Nutzen des HPV-Tests sieht das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheits­wesen.

In Kürze tritt daher eine neue Richtlinie in Kraft, dass der HPV-Test ­alle drei ­Jahre Kassenleis­­tung für Frauen ab 35 werden soll. Ebenfalls nur noch alle drei Jahre soll bei ihnen ein Krebsabstrich gemacht werden. Weil Frauen in diesem Alter oft feste Partner haben und außerdem ein Gebärmutterhalskarzinom sehr langsam entsteht, reiche laut der Richtlinien-Autoren der Test alle drei Jahre. Die jährliche Vorsorgeuntersuchung bleibe trotzdem Kassenleistung – nur eben teils ohne Krebsabstrich.
Alternative:
PAP-Test

Dünnschichtzytologie-Test

Auch Thin-Prep-Test genannt. Vom Muttermund werden Zellen entnommen und technisch aufbereitet, bevor sie untersucht werden. So sollen Vorstufen von Gebärmutterhalskrebs vermehrt früher erkannt werden. Kri­tiker sagen, dass bei dem Verfahren etwa Leukozyten (Abwehrzellen) verloren gehen, die für die Beurteilung des Abstrichs aber wichtig sind.
IGeL-Monitor: Nutzen unklar
Alternative: PAP-Test (ohne spezielle Aufbereitung)

Chlamydien-Test

Chlamydia trachomatis gilt als die in Deutschland am häufigsten sexuell übertragene Infektion. Mangels Symptomen bleibt sie meist unentdeckt. Unbehandelt kann sie zu Verklebungen der Eileiter und so zu Unfruchtbarkeit führen. Wird eine Chlamydieninfektion entdeckt, lässt sich diese mit einem Anti­biotikum (auch für den ­Partner!) gut behandeln. Der Urintest gehört für Mädchen und Frauen bis 25 zur jährlichen Vor­sorge, ist also Kassenleis­tung. Außerhalb dieser Altersgruppe muss man den Test selbst zahlen.
IGeL-Monitor: keine Bewertung. Für Frauen über 25, die sexuell aktiv sind, keinen festen Partner, aber einen Kinderwunsch haben, eventuell eine sinnvolle Vorsorge.
Alternative: Auf Symptome wie Zwischenblutungen, diffuse Unterbauchbeschwerden, veränderten Ausfluss achten. Dann zahlt die Kasse.

Hormonstatus

"Kann ich noch schwanger werden?" Bleibt die Regel aus, fragen Frauen in den Vierzigern manchmal nach einem Hormonstatus. In einer Blutprobe wird der Hormonspiegel gemessen.
IGeL-Monitor: keine Bewertung. "Ein einzelner Test sagt wenig aus. Er ist nur eine Momentaufnahme. Der Zyklus kann sich ja auch nach ­einer Pause spontan wieder normalisieren", sagt die Gynäkologin.
Alternative: Auf sein Körpergefühl achten und beobachten, ob sich der Zyklus verändert.­ Eine Behandlung richtet sich nach dem Befinden der Frau, nicht nach dem Hormonspiegel im Blut.

 

Nachfragen und informieren

In der Regel ist es nicht der Arzt, sondern seine Mitarbeiterin, die Sie auf eine IGeL anspricht. Oft fallen dann Formulierungen wie "Sie möchten doch ­­sicher etwas für Ihre Gesundheit tun!" oder "Diese Leistung ist besser als das, was die Kasse bezahlt".

Manche Praxen wenden ausgefeilte Verkaufsstrategien an, weiß Juristin Christiane Lange, Leiterin des Projekts IGeL-Ärger bei der Verbraucher­­zentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Dort gingen allein in den ersten sechs Monaten seit Projektstart etwa tausend Beschwerden von Verbrauchern ein: weil sie sich nicht ausreichend aufgeklärt oder sich
unter Druck gesetzt fühlten oder sie mehr zahlen sollten als vereinbart. Krasses­tes Beispiel: Lehnten Patien­ten ab zu "igeln", wurden sie aufgefordert, dies auf einem Formular schriftlich zu bestätigen. "Damit bekommt der Patient unweigerlich das Gefühl, er handle unverantwortlich", prangert die Juristin solche Praktiken an.

Was Sie tun können

Es gehört zu den Pflichten Ihres Arztes, Sie ausreichend aufzuklären. Fragen Sie ihn:

  • Welchen Nutzen kann die vorgeschlagene Methode für Sie haben?
  • Diese Begründung können Sie vor der Behandlung bei Ihrer Krankenkasse einreichen. Eventuell übernimmt sie dann doch die Kosten.
  • Wie gut ist die Methode geprüft?
  • Aussagen wie "Die Leis­tung ist ­eine wissenschaftlich und schulmedizi­nisch abge­sicherte Behandlungsmethode" ­reichen nicht. Sonst wäre es möglicherweise Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung.
  • Warum reicht die von der gesetzlichen Kranken­kasse bezahlte Leistung nach Ansicht des Arztes nicht aus?
  • Gibt es Risiken bei der Unter­suchung? Keine Me­thode ist gänzlich frei von Risiken.
  • Wie geht es weiter, wenn der Arzt bei der Zusatz-Unter­suchung etwas findet.

Lassen Sie sich keine Angst machen. Formulare, auf denen Sie Ihr "Nein" zu einer Leistung schriftlich bestätigen sollen, dürfen Sie ignorieren und müssen Sie nicht unterschreiben.

Vor der Behandlung steht ­Ihnen ein schriftlicher Kostenvoranschlag und danach eine Rechnung zu. ­Ohne Vertrag müssen Sie nichts be­zahlen! Die Kosten richten sich nach der Ärztlichen Gebührenordnung und dem jeweiligen Aufwand. Immer gut ist es, sich auch woanders zu informieren. "Die Zeit haben Sie", so Chris­tian Weymayr, "denn IGeL sind nie so dringend, dass man nicht noch mal darüber schlafen könnte."
Infos gibt es zum Beispiel hier:

  • www.igel-monitor.de
  • www.igel-aerger.de
  • bei unabhängigen Patienten­beratungsstellen
  • bei Frauengesundheits­zentren und Gesundheitsläden
  • bei Krebsinformationsdienst und Krebshilfe
  • bei den gesetzlichen Kranken­kassen (Hotlines und Webseiten)

Haben Sie in der Stillzeit Alkohol getrunken?
Zum Ergebnis
Wie hat Ihr Kind schwimmen gelernt?
Zum Ergebnis