Hörgeräte für Kinder: Ein Überblick

Schwerhörigkeit beeinträchtigt die Entwicklung von Kindern, vor allem das Sprechenlernen. Mit modernster Technik können Störungen aber immer besser erkannt und behandelt werden

von Marian Schäfer, 14.12.2016

Damit das Hörgerät gut passt, muss das Gehör regelmäßig untersucht werden


Spricht Professorin Katrin Neumann über das Neugeborenen-Hörscreening, wirkt sie wie die stolze Mutter eines erfolgreichen Kindes. In der Tat war das Screening, an dessen Einführung die Leiterin der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde in Bochum maßgeblich beteiligt war, ein Durchbruch: Vergingen vor 2009 durchschnittlich drei Jahre, bis angeborene Hörstörungen erkannt wurden, sind es heute im Schnitt etwa vier Monate. "Wir können dadurch betroffene Kinder frühzeitig behandeln und sie durch die sensibelste Phase der Hörreifung und Sprachentwicklung begleiten", sagt Neumann.

Schwerhörige Kinder möglichst früh behandeln

Sie spricht nicht ohne Grund von einem "Quantensprung": Werden Störungen innerhalb der ersten sechs Lebensmonate gut versorgt, können sich Studien zufolge selbst praktisch taub geborene Kinder altersgemäß entwickeln. Andererseits können auch geringgradige Hörstörungen, die zu spät behandelt werden, die sprachliche und soziale Entwicklung erheblich beeinträchtigen. Beide Gruppen profitieren aber nicht nur von einer besseren Diagnostik, sondern auch von Fortschritten in der Versorgung.

Es ist 13 Uhr an einem Donnerstag im August, als Neumann einen Besprechungsraum im Bochumer St.-Elisabeth-Hospital betritt. Einmal in der Woche leitet sie hier eine Runde, die für einen schon länger anhaltenden Trend steht: der übergreifenden Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen. Neben der Pädaudiologin sitzen Mikrochirurgen, Software- und Elektroingenieure, Hörgeräteakustiker, Heilpädagogen, Logopäden und Psychologen. Gemeinsam besprechen sie Fälle hörgeschädigter Kinder. Im Grunde verschmelzen hier Diagnostik, Versorgung und Rehabilitation zu einem großen Ganzen. "Auf all diesen Ebenen", sagt Neumann, "hat es Riesenfortschritte gegeben."

Individuelle Diagnose und Therapie

Mit objektiven, kindgerechten Messmethoden finden Ärzte heute sehr genau heraus, welche Frequenzbereiche des Gehörs gestört sind – und können es mit Technik gezielt versorgen. "Damit geht die Arbeit aber erst los", sagt Professor Stefan Dazert, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde. Die Kinder bekommen Hör- und Sprachtraining, und Ingenieure passen die Hörsysteme immer weiter an. Im Fall von Cochlea-Implantaten kann allein diese Rehaphase mehrere Jahre dauern. "Unsere Aufgabe ist es nicht, die Kinder einmal zu versorgen, sondern sie langfristig in ihrer Entwicklung zu begleiten", sagt Ärztin Neumann.

So wie Brandon Leroy (9), Ida (2) und Samira (2). Aufgrund einer erblich bedingten Gen-Mutation sind bei Ida und Samira die Hörzellen im Innenohr stark geschädigt. Normalerweise wandeln sie akustische in elektrische Signale um und reichen sie über den Hörnerv ans Gehirn weiter. Beide Mädchen fielen im Neugeborenen-Hörscreening auf. Brandon Leroy hingegen kam mit dem Goldenhar-Syndrom und damit einhergehenden Gesichtsfehlbildungen zur Welt: Ihm fehlen beide Gehörgänge und Teile des Mittelohrs. Ohne technische Unterstützung wäre eine Krankenwagensirene für die drei ein leises Flüstern. Dass sie heute weitgehend normal hören und sprechen, wäre ohne modernste Technik undenkbar.

Cochlea-Implantat oder natürliches Hören mit Hörgerät?

Bei Ida und Samira schien die Sache für die Ärzte klar: Beide würden sehr bald Cochlea-Implantate (eine Übersicht über die Techniken finden Sie am Ende des Texts) bekommen müssen, sagten sie den Eltern. Bis dahin versorgten sie die Mädchen mit Hochleistungshörgeräten, um zu schauen, ob sich ihre Hörreste vielleicht doch ausreichend verstärken ließen. "Das natürliche Hören zu erhalten ist immer besser, als es durch elektrisches Hören zu ersetzen", sagt Neumann. Bei Ida gelang das, bei Samira nicht. Sie bekam noch als Säugling auf beiden Seiten Cochlea-Implantate eingesetzt. Bei Ida ergab erst kürzlich ein Hörtest, dass ein Implantat auf der linken Seite nötig ist. Für Expertin Neumann ist dies das Ergebnis eines genauen "Monitorings". Ohne dieses wäre der Leistungsabfall vielleicht zu spät aufgefallen.

Bei Kindern wie Brandon Leroy müssen der Gehörgang und das Mittelohr umgangen werden, damit er hören kann. Eingesetzt werden dafür meist Knochenleitungshörgeräte. Bei Säuglingen und Kleinkindern sitzen sie üblicherweise in Stirnbändern und werden fest an den Kopf gedrückt. Heute befindet sich bei Brandon Leroy eine kleine Titanplatte im Schädelknochen, die per Magnet mit einem Sender auf der Kopfhaut verbunden ist. Der wandelt Schall in Vibrationen um, die wiederum über die Platte und den Knochen direkt zum Innenohr gelangen.

Hörsysteme werden kleiner, leistungsfähiger und intelligenter

Hörgeräte gibt es seit gut 100 Jahren, Cochlea-Implantate seit mehr als drei Jahrzehnten, ebenso Knochenleitungshörgeräte. Stets ist die Technik kleiner und leistungsfähiger geworden, und auch die Operationsmöglichkeiten haben sich im Zusammenspiel damit immer weiter verbessert. Dass Samira so früh Implantate bekommen und Ida so lange mit Hörgeräten leben konnte, wäre ohne diese Entwicklung nicht denkbar gewesen. Auch Brandon Leroys Hörgerät wäre vor wenigen Jahren noch nicht über einen Magneten, sondern über eine Titanschraube mit seinem Schädelknochen verbunden worden.

Am erstaunlichsten – und für die Funktionalität und letztlich Akzeptanz der Hörtechnik wohl am wichtigsten – ist aber, was in jenen Teilen der Hörgeräte und Hörimplantate passiert, die den Sprach- und Geräuschschall aufnehmen und verarbeiten: den Prozessoren. In ihnen steckt eine immer bessere, individuell programmierbare – und intelligentere Software: "Sie scannt gewissermaßen die akustische Landschaft, unterdrückt zum Beispiel Störschall und erkennt und verstärkt erwünschten Sprachschall. Diese Analyse hat sich vor allem in den vergangenen fünf Jahren stark verbessert", sagt Dirk Kampmann.

Moderne Hörgeräte sorgen für ein natürliches Klangbild

Der Hörgeräteakustiker aus Bochum, der mit dem Universitätsklinikum zusammenarbeitet, beschreibt die Geräte als digitale Mikrocomputer, die – bei beidseitiger Versorgung – untereinander kommunzieren, Schallwellen in einzelne Frequenzbereiche zerlegen, sie analysieren und wieder zusammenfügen. Und zwar so, dass für jeden Patienten ein möglichst angenehmes, also natürliches und störungsfreies Klangbild entsteht, egal ob er im Klassenraum, im Restaurant oder in der Sporthalle sitzt. "Die Geräte machen immer mehr das, was normalerweise das Gehirn macht: filtern", sagt Kampmann.

Der Hörgeräteakustiker nennt noch andere Fortschritte: Die meisten Geräte sind heute wasserdicht und rückkopplungsfrei (pfeifen also nicht ständig wie zu Großmutters Zeiten) und sind dank Digitaltechnik ankoppelbar. Der Ton vom Fernseher oder der Musikanlage kann übertragen werden, der Lehrer via Funk direkt zum hörgeschädigten Schüler sprechen.

Diese Entwicklung wird weitergehen: Die Geräte werden noch kleiner, leistungsfähiger, intelligenter, die Tonqualität besser. "Aber Kinder mit einer Hörstörung werden nicht normalhörend werden", sagt Wissenschaftlerin Neumann. Auch in Zukunft werde es neben der Technik gute Therapien brauchen – und Kitas und Schulen, die etwa bei der Raumakustik auf die Bedürfnisse der Kinder achten.

Die verschiedenen Geräte: So hören Samira, Brandon Leroy und Ida

Samira (2) hört mithilfe von Cochlea-Implantaten. Hinter ihrem Ohr befindet sich der Prozessor. Über Mikrofone nimmt er Schallwellen aus der Umgebung auf, analysiert sie und gibt sie als digitalen Code an die Sendespule weiter. Sie überträgt ihn an das Implantat, das unter der Haut im Schädelknochen liegt. Es wandelt den Code in elektrische Signale um und sendet sie an die Elektroden, die in der Hörschnecke die Hörzellen ersetzen. Von dort gelangen die Signale über den Hörnerv ins Gehirn.

Brandon Leroy (9) fehlen auf beiden Seiten die Gehörgänge. Er hört mithilfe eines Knochenleitungshörgeräts: Ein Titanimplantat sitzt samt Magneten im Schädelknochen. Von außen dockt ein weiterer Magnet an, an dem wiederum ein Prozessor klemmt. Dieser nimmt Schallwellen aus der Umgebung auf, analysiert diese und übersetzt sie in Vibrationen. Diese gelangen über die Magneten zum Implantat und von dort über den Knochen ins Innenohr, wo sie die Hörzellen reizen und als elektrische Impulse ans Gehirn gehen.

Ida (2) hört mithilfe "klassischer" Hörgeräte – zumindest bislang. Wie bei Samira sitzt hinter ihrem Ohr ein Prozessor. Dieser nimmt Schallwellen aus der Umgebung auf, analysiert und verstärkt sie. Über einen kleinen Schallschlauch und ein Ohrpassstück gelangen sie über den Gehörgang ins Mittelohr und bringen dort das Trommelfell und die Gehörknöchelchen zum Schwingen. Aus akustischen Signalen entstehen so mechanische Reize, die später im Innenohr zu elektrischen werden. Wenn möglich, versuchen Ärzte heutzutage dieses natürliche Hören zu erhalten.


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