Diabetes: Ist mein Kind gefährdet?

Studien zeigen, dass bei Diabetes eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle spielen – nicht nur Ernährung, Gene und Bewegung

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 01.03.2016

Immer mehr Kinder erkranken an Diabetes. Woran liegt das?


Sein jüngster Patient mit Altersdiabetes war erst zehn Jahre alt. 100 Kilogramm brachte der Junge auf die Waage, als seine Eltern ihn in der Sprechstunde von Kinderarzt und Diabetologe Professor Hugo Segerer im Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg vorstellten. Der junge Diabetiker ist ein typisches Beispiel für Umstände, die Gesundheitspolitiker und Ärzte schon lange beklagen: Unsere Kinder sind zu dick. Sie bewegen sich zu wenig. Und laufen deshalb Gefahr, schon als Kleine einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln, also jene Zuckerkrankheit, die früher ältere Menschen getroffen hat. Aber halt. So einfach ist die Sache nicht.

Kinder werden immer dicker

Denn unsere Kinder werden zwar nachweislich immer dicker – und Übergewicht und mangelnde Bewegung gelten als Hauptrisikofaktoren für Typ-2-Diabetes. "Aber erstaunlicherweise erkranken junge Menschen nicht so häufig am sogenannten Altersdiabetes, wie Experten noch vor einigen Jahren befürchtet hatten", sagt Dr. med. Joaquina Mirza, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Allergologie und Diabetologie am Kinderkrankenhaus der Stadt Köln. Etwa 5000 Kinder und Jugendliche mit Typ-2-Diabetes werden derzeit in Deutschland behandelt. Das klingt auf den ersten Blick nicht so dramatisch. Aber: "Wir können überhaupt noch nicht abschätzen, wie groß die Gefahr für stark übergewichtige Kinder ist, als Erwachsene zu erkranken", sagt Joaquina Mirza.

Starker Anstieg des Typ-1-Diabetes

Momentan erhalten jährlich immerhin 270.000 Menschen in Deutschland erstmals die Diagnose Typ-2-Diabetes. Was Ärzte ebenfalls beunruhigt: "Wir verzeichnen einen starken Anstieg des eher seltenen Typ-1-Diabetes. Gerade er manifestiert sich aber häufig im Kindesalter", warnt Segerer. Erkrankten vor 20 Jahren noch zehn von 100.000 Menschen jährlich neu, liegt die Zahl heute bei deutschen Kindern und Jugendlichen bei 20. Und keiner weiß, warum. Wie gefährdet sind unsere Kinder also, irgendwann einmal in ihrem Leben eine der beiden Formen von Diabetes zu entwickeln? Und was können Eltern tun, um das Erkrankungsrisiko zu mindern?

Ursachen für Diabetes Typ 1 unklar

Die Krankheit zeigt sich binnen weniger Wochen und lässt sich kaum übersehen: Durst, extremer Gewichtsverlust, häufiger Harndrang, Heißhunger. Typ-1-Diabetes wird meist schnell erkannt, die Kinder erhalten dann lebenslang das Hormon Insulin, das ihr Körper nicht mehr herstellt.

Über die Ursache dieser Autoimmunerkrankung "können wir nur spekulieren", sagt Experte Segerer. So spielen "etwa 50 Gene eine Rolle. Wie sie wirken, wissen wir nicht." Sehr groß ist ihr Einfluss aber offenbar nicht. Hat der Vater Typ-1-Diabetes, liegt das Risiko, dass auch ein Kind daran erkrankt, bei nur etwa vier Prozent. Trifft es die Mutter, sinkt es auf zwei Prozent. "Man kann also wahrlich nicht von einer typischen Erbkrankheit sprechen", erklärt Segerer. Dafür fanden die Forscher im Lauf der letzten Jahre andere Faktoren für Typ-1-Diabetes. Auf die wenigsten haben Eltern allerdings einen Einfluss.

Diabetes Typ 1 und 2: Was ist der Unterschied?

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung. Dabei unterscheiden Ärzte im Wesentlichen zwei Formen:

 

Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung und macht etwa fünf Prozent der Diabetes-Erkrankungen in Deutschland aus. Der Körper produziert kein Insulin mehr, nachdem die insulinbildenden Zellen der Bauchspeicheldrüse weitgehend zerstört sind. Dies führt dazu, dass die Zellen im Körper keine Glukose mehr aufnehmen können. Das fehlende Insulin muss deshalb ersetzt werden.

 

Beim Typ-2-Diabetes kann der Körper zwar noch Insulin produzieren, aber das Hormon nicht mehr richtig nutzen. Die Körperzellen reagieren weniger empfindlich auf Insulin – Experten nennen dies eine "Insulinresistenz". Die Bauchspeicheldrüse produziert zunächst sehr viel Insulin, ist aber langfristig überfordert, kann den überhöhten Bedarf nicht decken, und dann steigen die Zuckerwerte.

Kaiserschnittgeburt erhöht Diabetes-Risiko

So zeigt sich, dass Kinder, die per Kaiserschnitt geboren werden, eher gefährdet sind, die Krankheit zu entwickeln. Eine mögliche Erklärung: "Die Kleinen haben eine andere Darmflora als Kinder, die im Zuge einer natürlichen Geburt dem Milieu der mütterlichen Scheide ausgesetzt waren", erklärt Diabetologin Mirza. Spannende Zusammenhänge zeigen womöglich auch Forschungsergebnisse zum Vitamin D, etwa aus Finnland. Über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren sammelten Forscher aus Helsinki die Zahlen der Diabetes-Typ-1-Neuerkrankungen. Einige Jahre waren sie stets angestiegen, um dann ab 2005 plötzlich abzufallen: dem Jahr, in dem in Finnland mit Vitamin D angereicherte Milch eingeführt wurde.

Stillen kann Kinder vor Diabetes schützen

Zufall? "Solange nicht noch weitere Studien auch aus anderen Ländern vorliegen, bleibt der Zusammenhang spekulativ", sagt Segerer. Eine Empfehlung, auch hierzulande Lebensmittel mit Vitamin D aufzupeppen, möchte er folglich nicht aussprechen. "Dazu wissen wir noch zu wenig über die Zusammenhänge." Wichtig sei aber für Eltern, die Vitamin-D-Prophylaxe ihrer Babys bis ins zweite Lebensjahr hinein gewissenhaft und in Absprache mit dem Kinderarzt durchzuführen.

Wenigstens eine Sache steht fest: Stillen schützt. Ein Rädchen, an dem Eltern unter Umständen drehen können. Am besten sollten Mütter deshalb ihrem Kind mindestens ein halbes Jahr lang die Brust geben, also auch, wenn sie schon Beikost geben.  

Diabetes Typ 2 wird zum Teil vererbt

Die erbliche Komponente schlägt bei Typ-2-Diabetes stärker durch als bei Typ-1. "Wenn Verwandte ersten oder zweiten Grades betroffen sind, steigt das Diabetes-Risiko deutlich", sagt Mirza. Laut einer Studie der Universität Ulm sind offenbar Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besonders oft von Typ-2-Diabetes betroffen. Ihr Anteil ist fast doppelt so hoch wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. "Vermutlich", so Segerer, "hängt dies mit anderen Lebensgewohnheiten zusammen." Die Kinder ernähren sich oft nicht gesund, seien überdurchschnittlich oft übergewichtig und bewegten sich weniger. Genaues ist auch hier nicht geklärt. Die Faktoren Übergewicht und wenig Bewegung steigern aber das Typ-2-Risiko erheblich.

Schwangerschaftsdiabetes erhöht Risiko fürs Kind

Ebenso haben Kinder, deren Mutter an Schwangerschaftsdiabetes erkrankt war, später ein deutlich erhöhtes Diabetes-Risiko, zeigen jüngste Forschungen. "Die Kinder sind im Mutterleib einer erhöhten Zuckerbelastung ausgesetzt, das steigert vermutlich ihre Insulinresistenz", erklärt Mirza. Auch wenn das Ungeborene auffällig klein ist, steigt die Diabetes-Gefahr. Das passiert etwa, wenn das Baby von der Plazenta nicht optimal versorgt wird, zum Beispiel, weil die Mutter raucht. Daher ist es wichtig, dass Schwangere regelmäßig zur Vorsorge gehen, um den sogenannten Gestationsdiabetes, also den Schwangerschaftsdiabetes, rechtzeitig zu erkennen. Werdenden Müttern zwischen der 24. und 28. Woche steht auch ein oraler Glukosetoleranztest zu, den die Krankenkasse bezahlt. Betroffene Frauen müssen nicht nur behandelt werden, sondern auch auf ihr Gewicht achten: "Bei adipösen, also sehr dicken Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes und bei Frauen mit schlecht eingestelltem Diabetes ist das Risiko deutlich erhöht, nach einigen Jahren an Typ-2-Diabetes zu erkranken", erklärt Ärztin Joaquina Mirza.

Risikofaktoren für Typ-2-Diabetes

Wenn einer oder mehrere dieser Punkte auf Ihr Kind zutreffen, könnte sein Risiko, im Lauf seines Lebens Typ-2-Diabetes zu entwickeln, erhöht sein:

 

– Ein Elternteil, Geschwister oder die Großeltern haben bereits Typ-2-Diabetes.

– Das Kind hat deutliches Übergewicht.

– Die Mutter litt in der Schwangerschaft unter sogenanntem Gestationsdiabetes.

Typ-2-Diabetes wird oft lange nicht erkannt

Das Problem bei Altersdiabetes: Er schleicht sich an. Die Symptome bleiben oft lange unbemerkt, häufig wird er gar nicht erkannt. Segerer vermutet daher "bei übergewichtigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine enorme Dunkelziffer". Zumal man bei ihnen nicht mit der Erkrankung rechnet. Wird Diabetes aber nicht behandelt, können dramatische Spätschäden an Augen, Nieren, Nerven oder Gefäßen die Folge sein. Was tun?

Ab der Pubertät steigt für Jugendliche das Risiko, die Krankheit zu entwickeln. Ärztin Mirza rät deshalb, schwer übergewichtige Mädchen ab zehn Jahre und sehr dicke Jungen ab zwölf Jahre mindestens alle zwei Jahre, am besten jedoch jährlich auf Diabetes zu untersuchen. "Dabei reicht ein reiner Nüchternblutzuckertest meist nicht aus", erklärt sie. Die Kinder müssten vielmehr einen oralen Glukosetoleranztest machen. Er misst, wie stark der Blutzucker nach dem Trinken einer definierten Zuckermenge ansteigt. Erst dieser Wert gibt Aufschluss über die wirkliche Gefahr. Immerhin: Typ-2-Diabetes lässt sich, wenn Betroffene abnehmen und sich regelmäßig bewegen, oft in den Griff bekommen – auch ohne die Gabe von Medikamenten.


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