Wie riskant sind Schmerzmittel bei der Geburt?

PDA, Lachgas, Medikamente: Mit vielen Methoden lassen sich Wehen besser ertragen. Aber können sie dem Baby schaden?
von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 27.09.2017

Frauen, die sich gut betreut fühlen, leiden weniger unter Geburtsschmerzen

Corbis GmbH/Wavebreak Media

Die Wahrheit ist: Es tut einfach weh. "Manchmal sogar ziemlich weh", sagt die Bremer Hebamme Katharina Jeschke, "auch wenn es unvergesslich ist, ein Kind auf die Welt zu bringen, und die Schmerzen nach der Geburt oft schnell vergessen sind." Kein Wunder, dass viele Frauen das Angebot annehmen, sich mit Schmerzmitteln über die Wehen hinweghelfen zu lassen. Nur noch etwa 20 bis 30 Prozent der Frauen verzichten hierzulande auf schmerzstillende Medikamente während der Entbindung. Aber: Was machen die Mittel mit dem Baby? Wie riskant sind sie für die Mutter? Und wie wirken sie sich auf den Geburtsverlauf aus?

Prof. Dr. Klaus Vetter

W&B/Michael Hughes

Wirkung vieler Mittel nicht ausreichend erforscht

"Die Schmerzmittel, die heute in der Geburtshilfe eingesetzt werden, sind gut erprobt", sagt Professor Klaus Vetter, Gynäkologe aus Berlin und Präsident des Deutschen Kongresses für Perinatale Medizin. Medizinische Leitlinien zum Einsatz der Mittel existieren allerdings nicht, "das macht jede Klinik im Prinzip wie sie will", so Vetter. Und: "Es fehlt an Studien, welche Auswirkungen Medikamente auf das Baby, die Mutter und den Geburtsverlauf haben", sagt Dr. med. Rangmar Goelz, Leitender Oberarzt am Universitätsklinikum für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen.

Dr. med Rangmar Goelz

W&B/Privat

Beispiel Morphine. "Manche Neugeborene reagieren nach der Geburt müde und schlapp, tun sich mit der Atmung etwas schwerer als Kinder, deren Mütter diese Medikamente nicht erhalten haben", so Goelz. In den Kliniken werden betroffene Neugeborene deshalb über mehrere Stunden beobachtet. Weil diese sogenannte atemhemmende Wirkung bekannt ist, wurden solche Morphine in vielen Kliniken in den letzten Jahren nur noch zurückhaltend eingesetzt.

PDA kann Nebenwirkungen haben

Häufig wird auch eine PDA (Periduralanästhesie) eingesetzt. Die rückenmarksnahe Betäubung gilt seit mehr als drei Jahrzehnten als sehr sichere und effektive Weise, Schmerzen zu lindern.

Katharina Jeschke

W&B/Privat

Mithilfe einer sogenannten "Walking-PDA" können sich Frauen während der Geburt frei bewegen. Die Opiate, die dafür verwendet werden, wirken aber im Periduralraum lokal und beeinflussen damit das Kind kaum.

In Ländern wie Frank­reich oder Italien wird eine PDA bei fast ­allen Geburten eingesetzt. Dennoch kann sie Nebenwirkungen haben: "So bekommen mache Frauen mit PDA Kreislaufprobleme. Das kann einen Einfluss auf die Durchblutung der Plazenta haben", erklärt Kinderarzt Goelz.

Im schlimms­ten Fall verringert sich die Sauer­stoffversorgung des Babys, und es muss per Kaiserschnitt geholt werden. Fest steht jedoch: "Kinder, die unter einer PDA auf die Welt gekommen sind, sind genauso fit wie solche, deren Mütter ohne Schmerzmittel auskommen. Sie müssen von uns in aller Regel nach der Geburt nicht besonders überwacht werden", sagt Goelz.

So weit, so gut. Aber welchen Einfluss hat die Betäubung auf den Verlauf der Geburt? Auch hier fehlt es an ­Studien. Katharina ­Jeschke, die Beirätin für den freiberuflichen Bereich im Deutschen Hebammenverband ist, ist überzeugt: "Es kommt häufiger zu Zangen- oder Glockengeburten, weil die Frau nicht mehr so aktiv mitpressen kann."

Lachgas gilt als nebenwirkungsarm

Ein wahres Revival in der Geburtshilfe erlebt Gynäkologe Vetter zufolge derzeit das Lachgas. In Großbritannien kommt es schon lange routinemäßig zum Einsatz. Während Kreißsäle früher aufwendige Leitungen benötigten, um das Gas zur Verfügung zu haben, gibt es heute leicht zugängliche mobile Stationen, die sich von einem Kreißsaal in den nächsten rollen lassen. "Ein sehr effektives, sicheres Mittel", sagt Experte Vetter, "mit dem man vielen Frauen sehr gut über Schmerzen hinweghelfen kann." Der Vorteil ist, dass die Gebärende selbst steuern kann, wie viel Lachgas sie nehmen will. "Man geht davon aus, dass ­dies weder das Baby noch den Geburtsverlauf ungünstig beeinflusst."

"Bei der Abwägung für oder gegen Medikamente sollte immer das Erleben der Frau im Vordergrund stehen", sagt Klaus Vetter. "Unnötig leiden sollte keine." Bevor man Mittel einsetzt, plädiert Hebamme Katharina Jeschke aber erst mal für das effektivste aller Schmerzmittel: Zuwendung. "Frauen, die Angst haben, empfinden Schmerzen viel stärker", sagt sie. "Wenn sich die Frau während der Geburt wohlfühlt, braucht sie weniger oder gar keine Medikamente."

Das hilft sonst noch gegen die Schmerzen

  • Wer viel weiß, hat ­weniger Angst. Das ist die Erfahrung von ­Hebamme ­­Katharina Jeschke. "Deshalb sollte ­jede Mutter in einen ­­Geburtsvorbereitungskurs gehen." Wichtig: Der Partner sollte dabei sein, ­­damit auch er weiß, was während der Geburt auf die Frau (und auf ihn) zukommt.
  • Bewegung tut gut: Spazieren gehen, auf dem Pezziball wippen, häufige Positions­wechsel während der ­Wehen entspannen und mindern so die Schmerzen.
  • Auch alternative Methoden wie Aromaöle, Bach­blüten und Homöopathie ­­kommen bei der Geburt zum Einsatz. Sie gehören aber in die Hand einer Hebamme, die sich damit auskennt.
  • Akupunktur ­mehrere Wochen vor der ­Niederkunft "verkürzt nachweislich die Dauer der Geburt", so Jeschke. Während der Wehen können die Nadeln den Schmerz etwas nehmen. Diese Methode bedarf eines erfahrenen Therapeuten.

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