So fördert Bonding die Eltern-Kind-Beziehung

Baby und Mutter profitieren vom Bonding – dem ersten Kuscheln nach der Geburt. Warum dieser Moment so kostbar ist und wie Eltern ihn nach einem Kaiserschnitt nachholen

von Beatrice Sobeck, 20.03.2018

Bonding fördert beim Baby die Entwicklung von Urvertrauen


Magie füllt den Raum in der Sekunde, in der ein Baby auf die Welt kommt und seiner Mutter noch nass und nackt auf die Brust gelegt wird. Glücksgefühle überschwemmen die Mutter, wie eine warme Welle breiten sie sich in ihrem Körper aus – Mama ist verliebt. In diesen Minuten der ersten Stunde knüpft sich ein unsichtbares starkes Band, das Mutter und Kind für immer mitein­ander verbindet.

Der erste Hautkontakt: Vorteile für Eltern und Kind

Darf das Leben so innig, geborgen und liebevoll starten, sprechen Mediziner und Hebammen von Bonding. Der erste Hautkontakt zwischen Kind, Mutter und Vater fördert die Bindung der kleinen Familie erheblich: Die Eltern, vor allem die Mütter, können die Geburt leichter verarbeiten. Das Baby in ihrem Arm ist quasi die Belohnung für all die Anstrengung – das Belohnungszentrum im Gehirn flutet den Körper mit Glückshormonen, Schmerzen werden einfach weggeschwemmt. Bonding hilft den Frauen, stärker auf ihren Instinkt zu vertrauen, sie sind ausgeglichener und selbstbewusster.

So wirkt die enge Bindung auf das Baby

Neugeborene Erleben durch das Bonding ebenfalls eine positive Geburt. "Im Mutterleib erfährt ein Kind zwei Grundstimmungen: Geborgenheit und Wachstum", erklärt Johannes Klemm, Chefarzt der Abteilungen Frauenheilkunde und Geburtshilfe im Krankenhaus Winsen an der Luhe. Beim Bonding werden diese Grundstimmungen sofort befriedigt. Haut auf Haut kann das Baby seine Mutter riechen, ihre Wärme und ihren Atemrhythmus spüren sowie ihren Herzschlag hören. Es reagiert darauf, indem es aufhört zu weinen und weniger strampelt.

In dieser Ruhe sucht ein Baby dann instinktiv nach der Brust. Führt die ­Mutter es sanft dorthin, wird es von ganz allein anfangen zu saugen. "Schaffen Mutter und Baby das nicht selbst, helfen wir behutsam, bis es klappt", sagt Hebamme Lena Starke, die am Krankenhaus Winsen in der Geburtshilfe arbeitet.

Die WHO und Unicef bietet Standards

Bonding ist dem Geburtsteam im Winsener Krankenhaus eine Herzensangelegenheit. Die Klinik erfüllt seit 2013 die Standards der Initiative "babyfreundlich" von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Unicef. Somit ist der erste Hautkontakt für mindestens eine Stunde per Richtlinie verankert, ebenso sind es die Stillförderung, das 24-Stunden-Rooming-in und bindungsfördende Maßnahmen nach einem Kaiserschnitt oder einer Frühchengeburt. Die Geburten in Winsen werden von Hebammen durchgeführt. Zwar ist ein Arzt bei jeder Geburt dabei, doch der Mediziner greift nur ein, wenn es notwendig wird.

Bonding nach dem Kaiserschnitt

Ist der Start ins Leben holprig, muss das nicht gleichzeitig bedeuten, dass Mutter, Vater und Baby auf das Bonden verzichten müssen. "Bei Kaiserschnitten etwa wollen wir die Väter dabeihaben, solange es medizinisch vertretbar ist", so Klemm. Seiner Erfahrung nach wirkt sich das positiv auf die Frauen aus. "Im Idealfall legen wir das Neugeborene auch nach einem Kaiserschnitt nackt auf die Brust der Mutter, zugedeckt mit einer Wärmedecke. Der Vater hilft beim Halten", erklärt Johannes Klemm. Währenddessen versorgt das OP-Team die Wunde. "Ist die Mutter zu schwach, ermutigen wir den Vater, mit dem Baby zu kuscheln."

Eltern können das Bonding nachholen

Treten schwerere Komplikationen auf, die das erste Bonding gänzlich unmöglich machen, dürfen Eltern beruhigt aufatmen. Bonding kann Tage oder sogar Wochen später noch nachgeholt werden. Etwa mit einem Bondingbad. Die Idee dazu hatte die Schweizer Hebamme Brigitte Meissner, die so Müttern nach einer traumatischen Geburt helfen wollte. Mit diesem Bad wird die Zeit nach der Entbindung nachempfunden.

Das Baby wird in warmem Wasser gebadet und anschließend der Mutter nass auf die nackte Brust gelegt. Eingehüllt in vorgewärmte Decken können Mama und Baby das Ankommen nach der Geburt in Ruhe nachholen. "Das Bondingbad ist ein sehr emotionaler Moment. Viele Frauen weinen dabei, überwältigt von den eigenen Gefühlen. Der Partner oder eine Hebamme sollte deshalb dabei sein", sagt Lena Starke.

Bonding auch im Alltag

Bonding im Kreisssaal besiegelt den Beginn einer innigen Beziehung, die zu Hause unbedingt fortgesetzt werden sollte. Die Hebamme appelliert an alle frisch gebackenen Familien: "Macht die Türen zu, schaltet das Telefon aus, und kuschelt euch mit eurem Baby ins Bett, so oft es geht." Diese kostbaren Momente schenken den Kleinen ein unerschütterliches Urvertrauen, dass sie für die Zukunft stark macht. "So gerüstet ertragen Babys dann auch später problemlos das Gewusel im Einkaufszentrum", sagt Starke, die findet, dass Familien nicht sofort wieder alltagstauglich funktionieren müssen, sobald sie mit dem Baby das Krankenhaus verlassen haben.


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