Postpartale Depression: Fehlende Muttergefühle

Ein Stimmungstief nach der Geburt erleben viele Frauen. Wenn es jedoch nicht von alleine wieder verschwindet, kann eine Wochenbettdepression dahinterstecken

von Barbara Weichs, aktualisiert am 12.04.2016

Postpartale Depression: Manche Mütter können sich nicht über ihr Baby freuen


Die Angst kam am zweiten Tag, nachdem Juliane Böhm (Name von der Redaktion geändert) mit ihrem neugeborenen Sohn Max (heute 2) aus der Klinik nach Hause gekommen war. Angst davor, dass der Kleine aufwacht. "Max hat viel geschrien, und ich konnte ihn nicht beruhigen", erzählt die 28-jährige Bürokauffrau für Kommunikation aus Hanau. Sie trug ihren Sohn ständig mit sich herum, legte sich sogar mit ihm zum Schlafen, den Kleinen im Tragetuch um den Bauch gebunden. Nur damit er ja nicht aufwachte. Tat er es doch, waren ihre Nerven zum Zerreißen gespannt. "Wenn mein Mann abends nach Hause kam, wusste er nicht, wen er zuerst trös­ten sollte: mich oder unseren Sohn", erzählt sie.

Postpartale Depression: Stimmungstief nach der Geburt

Zwei Wochen lang litt Juliane Böhm. Sie spürte, dass mit ihr etwas nicht stimmte, magerte ab, weil sie nicht zum Kochen und Essen kam. "Meine ­­Schwiegermutter drängte mich schließlich dazu, ­einen Arzt zu kontaktieren, damit er mir eine Haushaltshilfe verschreibt." Statt eines Rezepts gab ihr der Gynäkologe die Telefonnummer der Wochenbettdepression-Hotline in Frankfurt/Main. Sein Verdacht: Juliane Böhm litt an postpartaler Depression. So nennen Fachleute die psychische Erkrankung, die auch als Wochenbett­depression bekannt ist. "Der Begriff ist jedoch irreführend, denn die ­Depression kann nicht nur unmittelbar im Wochenbett auftreten, sondern bereits in der Schwangerschaft und bis zu einem Jahr nach der Geburt", sagt Prof. Dr. med. Kerstin Weidner, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik Dresden.

Baby-Blues ist viel häufiger

Der Baby-Blues hingegen, der 50 bis 80 Prozent der Wöchnerinnen trifft, konzentriert sich auf die ers­ten Tage nach der Geburt. Meist um den zehnten Tag herum verabschieden sich die Heultage wieder von selbst. Ist jedoch auch 14 Tage nach der Entbindung das seelische Gleichgewicht aus dem Lot, ist das ein Alarmzeichen. Fehlende Liebe zum Baby, Schuldgefühle, Schlafstörungen, Panik­attacken, Herzrasen, aber auch aggressive Zwangsgedanken dem Kind gegenüber – damit haben Betroffene zu kämpfen. Im schlimms­ten Fall denken sie daran, sich oder dem Kind etwas anzutun.

Hotline: Schnelle und kompetente Hilfe

Als Juliane Böhm die Nummer der Wochenbettdepression-Hotline wählte, meldete sich Dr. ­Silvia ­Oddo. Die Diplom-Psychologin aus Frankfurt/Main gründete das Beratungsangebot und führt stets das erste Gespräch mit den Anrufern. "Als ich 2006 im Bereich der Psychosomatik zu arbeiten begonnen habe, war ich erstaunt darüber, wie wenig Betreuungsmöglichkeiten es für Mütter mit Wochenbettdepressio­nen gibt", sagt Oddo. "Dabei sind etwa 10 bis 15 Prozent der Frauen davon betroffen." Mit der Hotline bietet die Therapeutin Müttern in seelischer Not eine Anlaufstelle. Unbürokratisch und schnell bekommen Anruferinnen darüber Kontakt zu spezialisierten Ärzten und Therapeuten. Mittlerweile wenden sich Frauen, aber auch ratsuchende Ärzte und Hebammen aus ganz Deutschland an die Hotline.

Wochenbettdepression: "Ich spürte keine Liebe"

Drei Wochen war Max alt, als Juliane Böhm die Psychologin das ers­te Mal traf. "Frau Oddo half mir, meine Probleme in Worte zu fassen. Das allein hat mir schon viel gebracht." Die junge Mutter erkannte, dass das Verantwortungsgefühl ihrem Sohn gegenüber sie schier erdrückte. "Ich spürte keine Liebe für ihn." Sie hatte das Gefühl, dass sie Max’ Anspruch, ihn zu trös­ten, wenn er weint, nicht erfüllen konnte. Sie litt darunter, dass ihr Leben auf einmal fremdbestimmt war: Sie konnte zum Beispiel nicht mehr selbst entscheiden, wann sie unter die Dusche geht, sondern musste immer einen passenden Moment abwarten. "Manchmal kam der den ganzen Tag nicht", erinnert sich die 28-Jährige.

Ursache: Meist mehrere Faktoren

Weshalb erdrückt das neue Verantwortungsbewusstsein aber nicht jede Mutter mit einem neugeborenen Baby? Weshalb führt die neu erlebte, mangelnde Selbstbestimmung nicht immer zu einer postpartalen Depression? "Es gibt nicht eine Ursache, es wirken immer mehrere Faktoren zusammen", erklärt Kerstin Weidner. Am häufigsten trifft es Frauen, die bereits früher einmal eine psychische Störung wie etwa eine Depression oder eine Angst- oder Zwangsstörung hatten. Auch die Persönlichkeit einer Frau spielt eine Rolle: Wer sehr ängstlich ist, ist gefährdet, genauso sind es perfektionistische Frauen. "Ihnen gelingt die Anpassung an ihre neue Rolle als Mutter nicht", sagt Silvia Oddo.

Wenn betroffene Frauen zu Silvia Oddo oder Kerstin Weidner kommen, ähneln sich die Erzählungen. Die jungen Mütter fühlen sich überfordert, weil das Kind zum Beispiel eine Regulationsstörung hat. Dann weint es viel, und es können Probleme beim Füttern und Schlafen auftreten. Verbunden mit dem neuen Verantwortungsgefühl, vielleicht einem perfektionistischen Zug und dem Gefühl der Fremdbestimmung entsteht ein Teufelskreis. "Die Frau ist traurig, erschöpft, unzufrieden, zieht sich vom Baby zurück. Das spürt dieses, und seine Regulationsstörung verstärkt sich", erklärt Weidner. Meist suchen Mütter dann Hilfe, wenn das Fass bereits am Überlaufen ist und sie merken, dass sie auf ihr ­Baby aggressiv reagieren.

Hier finden Betroffene Hilfe

Wenn Mütter den ­Verdacht haben, dass sie an ­einer postpartalen Depression ­leiden, sind dies die ­richtigen Ansprechpartner:

– Nachsorgehebamme, Gynä­kologe oder Hausarzt
– die Wochenbett­depression-Hotline in Frankfurt/Main, Tel.: 015 77/47 42 654
– der Verein "Schatten und Licht". Auf seiner Homepage (www.schatten-und-licht.de) gibt es eine Liste von Experten und Selbsthilfegruppe. Auf unseren Seiten finden Sie den Selbsttest des Vereins.

Bei postpartaler Depression individuelle Therapie

Juliane Böhm war über ihre Diagnose nicht sehr überrascht. Die 28-Jährige hatte bereits vor der Schwangerschaft mit Depressionen zu kämpfen. "Außerdem bin ich ein perfektionistischer Mensch", sagt sie.

Je nach Schwere der Erkrankung erfolgt eine Behandlung und Therapie ambulant oder auch stationär, wie zum Beispiel in der ­Tagesklinik der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik* in Dresden. 45 Müt­ter finden hier mit ihren Babys für einen sechswöchigen Aufenthalt Platz. "Wir suchen nach den Ursachen für die Depression. Inwiefern spielt etwa die Biografie der Frau eine Rolle? Wir klären, ob ein Medikament notwendig ist, und sehen uns vor allem das Bindungsverhalten zwischen Mutter und Kind an", erklärt Kerstin Weidner.

Ärzte und Therapeuten stellen die therapeutischen Maßnahmen individuell für ihre Patientinnen zusammen. Je nachdem, ob ­eine psychische Vorbelastung da ist oder die Frau eine Persönlichkeitsstörung hat, kann sich eine Therapie auch über einen längeren Zeitraum hinziehen. Juliane Böhm musste nicht stationär in die Klinik. Sie traf sich einmal die Woche mit Silvia Oddo zum Gespräch. Die Therapeutin ermutigte sie, sich Unterstützung von Freunden und Familie zu holen, um ein bisschen Freiraum für sich zu bekommen. Sie nahm ihr die Angst, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Sie half ihr aber auch, soziale Kontakte aufzubauen, denn die kleine Familie war erst kurz vor Max’ Geburt umgezogen.

Schreibaby: Hilfe bei Schreiambulanzen

Wichtig war auch: Silvia ­Oddo organisierte für Juliane Böhm und Max einen Besuch in einer Schrei­ambulanz. "Hier versicherte mir die Expertin, dass Max ein Schreibaby war und dass es für ein Kind wie ihn normal war, wenn es 45 Minuten zum Einschlafen braucht." Juliane Böhms Angst, ihr Kind schlafen zu legen, ver­schwand. Sie konnte Max’ ­Weinen jetzt besser aushalten und verstehen. Ihr Sohn wiederum spürte, dass seine Mutter weniger angespannt war und fand von da an leichter und schneller in den Schlaf.

Als ihr Sohn sechs Wochen alt war, hatte Juliane Böhm die Depression in den Griff bekommen: Sie fühlte sich als Mutter kompetent und hatte einen Zugang zu ihrem Baby gefunden. "Ein Vierteljahr nach der Geburt war ich total verliebt in meinen Max."

Expertin: "Thema immer noch schambesetzt"

Eines ist Silvia Oddo bei ihrer Arbeit mit Patientinnen ganz wichtig: die postpartale Depression zu enttabuisieren. "Das Thema ist immer noch sehr schambesetzt." Denn, so die Expertin, Schwanger- und Mutterschaft würden in Gesellschaft und Medien ausschließlich positiv dargestellt. "Empfindet ­­eine Frau nicht alles als rosarot, kann sie schnell Schuldgefühle entwickeln." Dabei sei es normal, dass es nicht immer sofort klappt, sich an die neue Rolle anzupassen. "Es ist richtig, dass sich eine Frau für diesen Prozess Hilfe holt. ­Darin bestärke ich sie", sagt die Psychologin.

Juliane Böhm geht sehr offen mit ihrer Erkrankung um. Sie erzählt ihren Freundinnen davon. Und sie ist immer wieder erstaunt, wie viele Mütter in der Anfangszeit Probleme mit ihrem Baby haben: "Ich glaube, das liegt daran, dass einem niemand erzählt, was einen als Mutter tatsächlich erwartet. Es erwischt einen total kalt." Die junge Frau hat vor Kurzem ­ihre zweijährige Psychotherapie bei Silvia Oddo abgeschlossen. Sie hat nun keine Angst mehr davor, bei einem weiteren Kind vielleicht wieder eine postpartale Depression zu entwickeln. "Falls es doch dazu kommt, weiß ich, was zu tun ist: mir schnell Hilfe holen."


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