Nach der Geburt eine Schönheits-OP?

Erste Falten, Bauchspeck, schlaffer Busen – viele Menschen schaffen es nicht, solche Makel an sich zu akzeptieren. Doch sind Schönheitsoperationen dann die Lösung?

von Katja Töpfer, 27.10.2016
Frau verzieht ihr Gesicht

Das war doch mal anders: Manche kommen mit körperlichen Makeln nicht klar


Bevor sie duscht, knipst Isabelle H. im Bad das Licht aus und lässt die Jalousien herunter. "Dann muss ich meinen Körper nicht sehen. Ich hasse meinen Hängebusen, die ausgebeulten Schenkel, den Fettlappen an meinem Bauch." Die 34-jährige Münchnerin spricht nahezu angewidert von ihrem eigenen Körper. Nur, weil die Reporterin verspricht, Isabelles vollen Namen nicht in dem Artikel zu erwähnen, ist sie bereit, offen über ­ihre Probleme zu sprechen. In ihrer zweiten Schwangerschaft vor drei Jahren habe sie stark zugenommen. Die Kilos seien inzwischen verschwunden, aber in Form sei ihr Körper nie mehr gekommen.

Fremd im eigenen Körper

Ihr "unperfekter" Körper wird für Isabelle zunehmend zum psychischen Problem. "Ich gehe nur selten aus, weil ich ständig das Gefühl habe, angestarrt zu werden. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wohl in meiner Haut." In Isabelles Wohnzimmer hängt ein Urlaubsfoto aus der Studentenzeit. Es zeigt eine große, ­schlanke Frau in Shorts am Strand, die braunen Locken fallen weich auf die Schultern. "Ich weiß, dass ich nie mehr so aussehen werde wie damals", sagt sie. "Aber das hier", Isabelle fasst sich an die Brust, "das bin ich nicht." Isabelles gro­ßer Wunsch sind zwei Schönheits­operationen – Silikonimplantate für den Busen und eine Straffung der Bauchdecke.

Zahl der Schönheitsoperationen steigt

Das eigene Aussehen mit­hilfe kleiner und größerer Korrekturen zu optimieren, ist schon ­lange kein Tabu mehr. Es gibt zwar ­keine zentralen Register für ästhetische Eingriffe, doch die Behandlungsstatistik der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen (VDÄPC) aus dem Jahr 2016 zeigt einen klaren Trend. So stiegen laut VDÄPC die Zahl der Eingriffe im Vergleich zum Vorjahr um rund zehn Prozent. Bei Frauen wird am häufigsten die Brust vergrößert, gefolgt von der Fettabsaugung und der Oberlidstraffung.

Die fünf häufigsten OPs

Um Schönheitsmakel beseitigen zu lassen, ist so manche Frau bereit, sich unters Messer zu legen. Am häufigsten wurden 2015 Brustvergrö­ße­run­­gen durchgeführt, auf Platz zwei und drei folgen Fettabsaugung und Oberlidstraffung.

15% Brustvergrößerung

13% Fettabsaugung

11% Oberlidstraffung

6% Nasenplastik

6% Bauchdeckenstraffung

Schönheits-OPs als Statussymbol

Schön ist nicht mehr nur, wer jung ist und gute Gene hat. Ein makelloser Körper ist eine Frage des finanziellen Budgets. Dank des medizinischen Fortschritts sind Schönheitsoperationen sicherer und billiger als noch vor zwanzig Jahren. Ein jugendliches, attraktives Aussehen gilt obendrein als Symbol für sozialen Erfolg. In den USA oder in Russland ist es längst gesellschaftsfähig, sich für die Schönheit unters Messer zu legen. Ein mimikfreies Botoxgesicht, ein auffallend praller Busen gelten als Statussymbol. Man zeigt, was man sich leisten kann.

Von jeder Litfaßsäule, von den Titelseiten der Frauenmagazine – überall lächeln uns schöne Menschen entgegen. Die scheinbar perfekten Körper gaukeln uns vor, dass Attraktivität und Jugend ­etwas ist, was jeder erreichen kann, notfalls mit dem Skalpell. Besonders junge Mütter können hierdurch unter Druck geraten, ist die Psychologin Ada Borkenhagen überzeugt. "Sie haben diese Norm im Kopf, dass sie möglichst schnell nach der Geburt wieder einen perfekten Körper haben müssen", so Borkenhagen. Doch auch Männer streben vermeintlichen Schönheitsidealen hinterher. Laut der VDÄPC-Statistik wurden 2015 zwölf Prozent der ästhe­tischen Operationen bei ihnen durchgeführt.

Wer es sich nicht leisten kann, hofft auf Kassenübernahme

Isabelle H. hat sich vor einem halben Jahr bei einem ästhetischen Chirurgen beraten lassen. "Aber die Operationen sind viel zu teuer für mich." Doch die Münchnerin empfindet einen so starken Leidensdruck, dass sie unbedingt ­­einen Weg finden will, ihre Schönheitsmakel zu beheben. ­Ihre Hoffnung: eine Kostenübernahme für die Operationen durch die gesetzliche Krankenkasse. Tatsächlich ist dies in Ausnahme­fällen möglich, aber nur, wenn eine Behandlung medizinisch notwendig ist. "Das ist der Fall, wenn der Versicherte in seinen Körperfunktionen beeinträchtigt ist oder an einer Abweichung vom Regelfall leidet, die entstellend wirkt", erklärt Ann ­Marini vom Spitzen­verband der Kranken­kassen (GKV) in Berlin. So tragen die Kassen ­etwa die Kos­ten für ­eine Brustrekonstruktion nach ­einer Krebserkrankung, oder sie bezahlen in manchen Fällen Korrekturen des Augenlids, wenn das Sichtfeld des Patienten eingeschränkt ist. Im Vorfeld muss ­immer ein Arzt die Notwendigkeit eines operativen Eingriffs schriftlich begründen.

Kommt es aufgrund eines Schönheitsmakels zu psychischen Problemen, ist eine Kostenübernahme schwieriger, so die Erfahrung von Ada Borkenhagen. Die Psychologin hat schon diverse Gutachten für Patienten geschrieben, die aufgrund von Schönheitsfehlern psychisch belastet waren.

Machen Schönheits-OPs glücklich?

Wenn die Krankenkasse die Ein­griffe nicht zahlt, will ­Isabelle H. notfalls einen Kredit aufnehmen und sich in Tschechien oder Polen operieren lassen. In diesen Ländern greifen Ärzte für wesentlich weniger Geld zum Skalpell. Isa­­belle ist fest davon überzeugt, dass sie mit einem flachen Bauch und einem erstrafften Busen glücklicher wäre.

Das mag oberflächlich klingen, tatsächlich weisen Studien auf diesen Effekt hin. Jürgen Margraf unter­suchte 2013 die psycho­logischen Auswirkungen von Schönheits­operationen. Dafür verglichen der Psychologe und sein Team 554 erstmals operierte Pa­tienten mit Menschen, die sich entweder nach anfänglicher Überlegung gegen ­eine OP entschieden oder sich nie dafür interessiert hatten. "Diejenigen, die einen Eingriff hatten durchführen lassen, fühlten sich gesünder, waren weniger ängstlich, entwickelten mehr Selbstwert und fanden sich insgesamt attraktiver als die Menschen aus den Vergleichsgruppen", fasst Jürgen Margraf die Ergebnisse zusammen.

Doch jede ästhetische Operation ist ein Eingriff, der auch mit Risiken verbunden ist. Und: Der Wunsch nach Schönheit kann aus dem Ruder laufen. Dann, wenn wir immer neue Makel an uns entdecken, die andere Menschen gar nicht wahrnehmen. In der Fachsprache heißt diese Störung Dysmorphophobie. ­Michael Jackson ist ein berühmtes Fallbeispiel. Er ließ sich Nase, Kinn und Augen korrigieren. Glück haben ihm die zahllosen Operationen nicht beschert.

Gut überlegt

Wer ernsthaft an ­eine Schönheits-OP denkt, sollte ­einiges beachten. Denn jeder Eingriff birgt auch Risiken. Deshalb: sich vorher gut informieren:

  • Welche Qualifikation hat der behandelnde Arzt? Er sollte die Facharztbezeichnung "plas­tische und ästhetische Chirurgie" oder die Zusatzausbildung "plastische Operationen" haben. Informationen hierzu bieten in der Regel die Ärztekammern.
  • Im Beratungsgespräch sollten ausführlich Fragen des Heilungsverlaufes, der Nachsorge und eventuelle Notfallmaß­nahmen besprochen werden. Nehmen Sie sich ­einen Zeugen mit zu dem Termin.

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