Keine Angst vor der Sturzgeburt

Plötzlich muss alles ganz schnell gehen. Kein Wunder, dass Schwangere Angst vor einer überstürzten Geburt haben. Was Ärzte und Hebammen raten

von Larissa Gaub, aktualisiert am 08.10.2018
Schwangere Frau

Bei einer überstürzten Geburt setzen die Wehen sehr heftig ein


Als Anna R.’s Fruchtblase platzt, sitzt sie in einem Restaurant. Sie ist dort mit ihrer Freundin zum Mittagessen verabredet und will gerade zahlen. Viel Flüssigkeit fließt nicht, denn der Kopf ihres Babys liegt schon sehr weit unten im Becken und dichtet es ab. Sie verspürt keine Wehen. Es ist 14:30 Uhr. Kaum eine halbe Stunde später ist ihr Baby auf der Welt.

Keine Anzeichen während der Schwangerschaft

Verläuft eine Geburt derart rasant, bezeichnen das Mütter und Freunde gerne als Sturzgeburt. Ärzte und Hebammen benutzen dafür allerdings lieber den Begriff "überstürzte Geburt". Denn das umgangssprachlich verwendete Wort "Sturzgeburt" beschreibt genau genommen etwas anderes: Rechtsmediziner gebrauchen den Begriff, wenn das Kind direkt aus dem Geburtskanal der Mutter stürzt und sich dabei verletzt. Das passiert aber sehr selten.

Eine überstürzte Geburt ist ebenfalls sehr selten. Ärzte und Hebammen sprechen davon, wenn die Zeit von Wehenbeginn bis zur Nachgeburt weniger als zwei Stunden beträgt. "Unter 80 bis 100 Geburten, die ich begleite, sind in einem Jahr ein bis zwei überstürzte Geburten", sagt Dr. Jörg Angresius, Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Neunkirchen.

Während der Schwangerschaft gibt es keine Anzeichen für eine überstürzte Geburt oder eine Sturzgeburt. "Selbst wenn der Muttermund vorzeitig geöffnet ist oder der Gebärmutterhals verkürzt ist, deutet das nicht auf eine überstürzte Geburt hin", sagt Angresius. Eine überstürzte Geburt haben oftmals Mehrgebärende. Der Geburtskanal war schon mal geöffnet und ist daher ausgeweitet. Deswegen kann es bei der zweiten oder dritten Geburt sehr schnell gehen.

Nerven bewahren

Auch Anna R. war zum zweiten Mal schwanger. Beide Schwangerschaften verliefen ohne Probleme. Kurz nach dem ihre Fruchtblase im Restaurant geplatzt ist, ist sie mit ihrem Mann ins Krankenhaus gefahren. Im Auto wurden die Wehen immer schlimmer. "Mir war schlecht vor Schmerzen, ich wollte einfach nur noch ins Krankenhaus, alles andere war mir eigentlich egal." In den Kreißsaal schaffte sie es nicht mehr: Ihr Baby kam im Eingangsbereich der Klinik zu Welt. Vom Einsetzen der Wehen bis zur Geburt vergingen nur 28 Minuten.

Das ist typisch für eine schnelle Geburt. Meist sind die ersten Wehen so schwach, dass die Frauen sie gar nicht wahrnehmen. "Das Wichtigste ist, die Nerven zu bewahren", sagt Angresius. Daniela Deisenhofer, Hebamme aus Donauwörth, empfiehlt Frauen eine bequeme Position einzunehmen, sobald sie Wehen verspüren: "In die Hocke gehen, hinknien oder halbsitzend auf dem Bett oder Sofa." Danach möglichst schnell Notarzt und Hebamme informieren.

Was tun bei einer überstürzten Geburt

Trotzdem brauchen Frauen keine Angst vor einer überstürzten Geburt haben. "Denn wenn es so schnell geht, geht es meistens gut", sagt Angresius. Atemtechniken aus dem Geburtsvorbereitungskurs können dabei sehr hilfreich sein. "Der Körper sagt genau was man machen muss: bei der Wehe und wenn der Drang da ist, mitschieben und in den Pausen versuchen zu entspannen", sagt Deisenhofer.

Wichtig ist auch, dass der Partner Ruhe bewahrt und der Partnerin beisteht. Die Hebamme empfiehlt: "Kalter Waschlappen auf die Stirn, Kreuzbein massieren, die Frau daran erinnern das Becken zu lockern und zu kreisen."

Findet die überstürzte Geburt im Krankenhaus statt, begleiten sie Hebamme und Arzt. Sollte der Nachwuchs zu Hause oder im Auto auf die Welt kommen, rät Angresius: "Das Baby in Handtücher warm einpacken, der Mama geben und dann ins Krankenhaus fahren." Wer sich das nicht zutraut, ruft sicherheitshalber die Rettungsleitstelle an.

Nach dem Mutterkuchen die Nabelschnur abbinden

Nach einer sehr schnellen Geburt kann auch der Mutterkuchen rasch folgen. "Wenn die Eltern noch zu Hause oder auf dem Weg ins Krankenhaus sind, sollten sie die Nabelschnur irgendwo zwischen Kind und Mutterkuchen abbinden", sagt Angresius. Das Abbinden der Nabelschnur ist wichtig, damit der Rückfluss von Blut aus dem Kind über die Nabelschnur in den Mutterkuchen verhindert wird. Sonst kann das Kind einen Blutverlust erleiden. Womit die Nabelschnur abgebunden wird, ist laut Angresius egal. "Es tut auch eine Paketschnur."

Eine überstürzte Geburt ist für alle Beteiligten sehr aufregend. Nicht nur für das Neugeborene, auch für die Mutter. Anna R. war danach völlig erschöpft: "Ich habe total gezittert und konnte mein Baby erst gar nicht richtig festhalten." Obwohl Mutter und Kind die schnelle Geburt gut überstanden haben, blieb Anna R. mit ihrem Sohn noch ein paar Tage im Krankenhaus: "Es war einfach gemütlich, und wir hatten etwas Zeit und Ruhe für uns."


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