Im Kreißsaal: Was passiert nach der Geburt?

Das Baby ist geboren, schreit, wird gewaschen und das war's? Nein – auch nach der Geburt gibt es im Kreißsaal noch einiges zu tun
von Daniela Frank, aktualisiert am 21.02.2017

So bald wie möglich darf das Baby nach der Geburt auf Mamas Brust

Getty Images/Design Pics/LJM Photos

Das letzte Mal pressen, die letzte Kraft sammeln, noch einmal die Schmerzen aushalten – und dann ist es soweit: Das Baby ist auf der Welt. Und jetzt können sich alle entspannen? Nein, im Gegenteil. Die Geburt ist der Startschuss für einen eng getakteten Zeitplan, den Geburtshelfer und Hebammen durchlaufen: "Sobald das Baby da ist, schauen wir auf die Uhr, um den Zeitpunkt der Geburt zu bestimmen", sagt Maria Champeimont, Hebamme an der Frauenklinik Maistraße der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Der erste Griff geht an die Nabelschnur des Kindes, dort ist sein Puls zu fühlen. Der erste Blick prüft gleichzeitig die Muskelspannung und die Hautfarbe des Babys. "Liegt der Puls bei etwa 100 und hat das Kind einen guten Muskeltonus, wird das Baby abgetrocknet und stimuliert", sagt die Hebamme. Dabei liegt es zwischen den Beinen der Mutter. Die Hebamme trocknet es mit einem Handtuch ab und reibt seinen Rücken und die Füße. Das regt die Atmung an. "Die meisten Babys stoßen beim ersten Atemzug einen Schrei aus", sagt Champeimont.

Der Papa darf die Nabelschnur durchschneiden

Hat das Kind begonnen zu atmen, kann die Nabelschnur durchtrennt werden. Das passiert in der Regel innerhalb der ersten Lebensminute. "Wenn der Puls zu niedrig ist, der Muskeltonus zu gering und die Atmung nicht einsetzt, muss das natürlich schon früher geschehen, damit das Baby adäquat versorgt werden kann", sagt Champeimont. Ansonsten klemmen Hebamme oder Geburtshelfer die Nabelschnur an zwei Stellen ab, dazwischen wird sie durchtrennt. Wenn er möchte, darf der Vater das übernehmen.

APGAR-Test: Das Baby wird engmaschig überwacht

Ebenfalls nach etwa einer Minute – also gleichzeitig – ist zum ersten Mal der sogenannte APGAR-Test fällig. Arzt und Hebamme führen ihn eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt durch. Sie prüfen Atmung, Puls, Muskeltonus, Aussehen der Hautfarbe und die Reflexe des Kindes. Für jeden Bereich vergeben sie null, einen oder zwei Punkte. Meist reicht es, wenn sie das Baby dazu genau betrachten, es kann dann bei der Mutter liegenbleiben. "Wurde zur Geburt ein Kinderarzt hinzugezogen, zum Beispiel, weil es Komplikationen gab, dann macht dieser den Test auf der Rea-Einheit, dem Kinderversorgungstisch", sagt Champeimont.

Bekommt das Baby zehn Punkte, ist es kerngesund. Allerdings ist ein etwas niedrigerer Wert noch kein Grund zur Besorgnis. Viele Babys erreichen erst beim dritten Test die volle Punktzahl, denn oft dauert es etwas, bis sie sich nach der Geburt an die neue Umgebung angepasst haben. Bei einer zu niedrigen Punktzahl leiten die Ärzte sofort entsprechende Maßnahmen ein.

Wichtig: Zeit für Bonding zwischen Mutter und Kind

Ist die Nabelschnur durchtrennt, kann das Baby zur Mutter auf die Brust. "Ich biete den Frauen an, ihr Kind selber hochzunehmen", sagt Champeimont. "Wollen oder schaffen sie das nicht, übernehme ich das natürlich." Das Baby früh auf die Brust der Mutter zu legen, unterstütze das sogenannte Bonding, also die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Währenddessen entnimmt die Hebamme aus der anderen Hälfte der Nabelschnur etwas Blut und bestimmt den pH-Wert und andere Parameter. "Diese Werte geben Aufschluss darüber, ob das Kind unter der Geburt ausreichend Sauerstoff bekommen hat", sagt Champeimont. Haben sich die Eltern entschieden, Nabelschnurblut zu spenden oder einzulagern, wird dieses ebenfalls jetzt entnommen.

Oxytocin beschleunigt die Nachgeburt

Gleichzeitig – also ebenfalls etwa in der zweiten Lebensminute des Kindes – spritzt der Arzt der Mutter Oxytocin. "Das fördert die Kontraktion der Gebärmutter, damit die Nachgeburt zügig und mit einem möglichst geringen Blutverlust kommt", erklärt die Hebamme. Die Nachgeburt sei in der Regel innerhalb einer Viertelstunde nach der Geburt da. Im Anschluss zeigt ein Griff auf den Bauch der Mutter den Geburtshelfern, ob sich die Gebärmutter ausreichend zusammengezogen hat. "Bevor das Kind geboren wird, befindet sich der obere Rand der Gebärmutter knapp unter dem Rippenbogen", sagt Champeimont. "Nach der Plazentageburt hat sie sich im Idealfall auf etwa die Hälfte zusammengezogen, sodass sie nur noch bis knapp unter den Bauchnabel reicht." Die Geburtshelfer prüfen die abgestoßene Plazenta auf Vollständigkeit. Anschließend kann der Arzt beginnen, eventuelle Geburtsverletzungen der Mutter zu nähen.

Stillen fördert Rückbildung und Milchfluss

Nach einer Weile ist das Kleine auf Mamas Brust meist bereit, zum ersten Mal zu trinken. Der Saugreiz regt die Milchbildung in den Brüsten an. Die richtige Milch schießt allerdings erst nach etwa zwei bis drei Tagen ein, vorher trinkt das Baby die wertvolle Vormilch. Außerdem fördert das Saugen die Kontraktion der Gebärmutter bei der Mutter. "Neugeborene, die fit sind, lassen wir vorerst auf der Brust der Mutter liegen und eventuell trinken, bevor wir sie weiter untersuchen", sagt Champeimont. Denn bereits kurz nach der Geburt ist es Zeit für die erste Vorsorgeuntersuchung, die U1.

Dabei prüfen Hebamme und Geburtshelfer Gesichtsmerkmale und Körperproportionen des Babys. Sie untersuchen Wirbelsäule, After, Finger und Zehen, zählen die Blutgefäße der Nabelschnur, messen und wiegen das Neugeborene. "Der Vater darf dabei gerne zuschauen", sagt Champeimont. Dann kommt das Baby wieder auf die Brust der Mutter. Beide bleiben noch etwa für zwei Stunden im Kreißsaal, die Hebamme überprüft in dieser Zeit immer wieder ihren Allgemeinzustand.


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