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Frühgeburt: Viele Mütter plagen Schuldgefühle

Endet eine Schwangerschaft zu früh, leiden viele ­Mütter unter Gewissensbissen. Was den Frauen hilft, erklärt Sozialpädagogin Nicola Zöllner vom FamilieNetz an der Dresdner Kinderklinik

von Barbara Weichs, 08.02.2019
Frühchen im Brutkasten

Eine Frühgeburt kommt meist sehr plötzlich


Frau Zöllner, wenn ein Baby extrem zu früh zur Welt kommt, ist das für die Eltern eine sehr hohe Belastung. Wie erleben Sie die Frauen? 

Viele sind von der Situation der Frühgeburt überrollt und können es gar nicht begreifen: Gerade trugen sie ihr Kind noch im Bauch, jetzt ist er leer, und im Inkubator liegt ein winziges Wesen, das ihr Kind sein soll. Das lang erwartete Muttergefühl fehlt.

Suchen viele die Ursache für die Früh­geburt bei sich?

Fast alle Frauen, die ein Kind zu früh geboren haben, kämpfen mit Schuldgefühlen. Warum ich? Habe ich zu viel gearbeitet? Bin ich unfähig, ein Kind auszutragen? Was habe ich falsch gemacht? Um diese Fragen kreisen ganz oft die Gedanken.

Was antworten Sie?

Zunächst mit einer Gegenfrage: Wie kommen Sie darauf? Woher kommt das Gefühl, dass Sie schuld sein könnten? Es geht darum, die Frauen zu entlasten. Deshalb erzählen wir ihnen auch, dass viele andere Mütter in dieser Situation dieses Gefühl haben. Das hilft ihnen gut – ebenso wie das Wissen darum, dass eine Früh­geburt oft nicht vermieden werden kann, wenn sich zum Beispiel der Gebär­mutterhals verkürzt hat oder wenn man eine Infek­tion bekommen hat. Am wichtigsten ist aber, dass eine Frau ihre Schuld­­gefühle erst mal ausspricht.

Warum ist dieses Aussprechen ­notwendig?

Es gibt der Frau die Chance, mit den Schuldgefühlen umzugehen. Der Gedanke "Eigentlich bin ich schuld" ist wie eine Barriere. Diese macht es sehr schwer, sich für das Kind zu öffnen und unbeschwert mit ihm in Kontakt zu gehen. Dies ist durch die zu frühe Geburt ja sowieso erschwert. Denn das mütterliche Kompetenz­gefühl ist durch die frühzeitige Beendigung der Schwangerschaft noch nicht vollständig ausgeprägt. Kommt das mit Schuldgefühlen zusammen, können Bindungsstörungen entstehen.

Was brauchen betroffene Frauen ­außerdem?

Jemanden, der sie darin bestärkt, wie wichtig die Bindung zu ihrem Kind und damit für deren Entwicklung ist. Natürlich braucht das Kind die Intensiv­medizin, aber Intensivmedizin ohne mütterliche Zuwendung, ohne Ver­lässlichkeit und Bindungsaufbau ist nur die eine Hälfte.

Wie gelingt es, sich zu kümmern und eine Bindung aufzubauen, wenn das Baby im Inkubator liegt?

Durch ganz viele Dinge wie etwa Berührungen, känguruhen, ein Lied vorsummen, vorlesen, kleine Versorgungshandlungen ausführen, aber auch durch ein Begrüßungsritual, sodass das Baby weiß, jetzt ist die Mama da. Je sinnhafter es für die Frauen ist, was ich ihnen vermitteln, und je besser sie merken, dass sie selbst etwas bewirken können, desto schneller stabilisieren sie sich. Sie müssen spüren, dass sie an der Bewältigung der Situation teilhaben.

Wie geht es dabei den Vätern? Sprechen Sie auch mit ihnen?

Wir bieten es an. Viele Männer neigen dazu, sich in pragmatische Dinge zu flüchten: Sie erledigen Behördengänge und kümmern sich um Geschwisterkinder. Fragt man sie, wie es ihnen geht, merkt man, dass sie Angst um Kind und Frau haben und selbst sehr verunsichert sind. Das versuchen wir aufzufangen.

Nun gibt es nicht in allen Kliniken mit Frühchenstation ein Angebot wie das FamilieNetz. Haben Sie einen Tipp für diese Frauen?

Sie sollten sich bewusst machen, dass sie als Mutter am engsten mit ihrem Kind verbunden und darum die Expertin seiner emotionalen Bedürfnisse sind. Die Ärzte sind spe­zialisiert in der medizinischen Ver­sorgung, aber eine Mutter ist ihrem Kind emotional nahe. Die meisten Frauen ­haben tiefe Instinkte. Es ist richtig, darauf zu vertrauen und selbst den Mut zu haben, auf das Kind zu­zugehen: es zu berühren, ihm vielleicht die Sensoren zu wechseln, ihm etwas zu erzählen, damit es merkt, die Mama ist da, langsam eine Versorgungshandlung zu übernehmen. Es geht darum, den Kontakt zu gestalten.

Das Dresdner FamilieNetz

Die Ängste um das Kind auf der einen Seite, die Organisation des Alltags, eventuell mit Geschwisterkindern, auf der anderen – bei diesem Spagat unterstützt das Fami­lieNetz an der Dresdner Kinderklinik die Eltern Frühgeborener seit fast zehn Jahren. Neben Psychologen und Pädagogen arbeiten auch Krankenschwestern, Musik- und Physiotherapeuten sowie Stillberaterinnen mit. Innerhalb der ersten 48 Stunden nach der Ge­burt nimmt eine der Beraterinnen des Familie­Netzes Kontakt mit den Eltern des frühgeborenen Kindes auf. Sie bietet ihre Unterstützung an, das zu verarbeiten, was passiert ist, oder ganz praktisch für das Ausfüllen von Anträgen. Manche Mütter und Väter nehmen das Gesprächsangebot sofort dankbar an. Andere lehnen es ab.


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