Beckenendlage: Kaiserschnitt wirklich nötig?

Sitzt das Baby kurz vor der Geburt noch im Bauch, raten viele Ärzte zum Kaiserschnitt. Doch manchmal ist eine vaginale Geburt möglich
von Nadja Katzenberger, aktualisiert am 31.08.2016

Beckenendlage: Das Baby sitzt im Bauch

iStock/ultramarinfoto, W&B/Martina Ibelherr

Manche Babys machen es sich im Bauch bequem wie ­kleine Buddhas. Etwa fünf Prozent sitzen am Ende der Schwangerschaft in Beckenend­lage und drehen sich nicht mit dem Kopf nach unten in Richtung Geburtskanal. Warum das so ist, weiß man nicht. Nur in seltenen Fällen lässt zum Beispiel die Form der Gebärmutter ­keine an­dere Lage zu.

Für viele Gynäko­logen ist bei einer Beckenendlage völlig klar, wie das Kleine zur Welt kommen wird: per Kaiserschnitt. Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Spontangeburt aus Beckenendlage in deutschen Kreißsälen ganz normal. "Auch als ich vor 15 Jahren meine Ausbildung gemacht habe, kamen Geburten aus Beckenendlage noch häufiger vor", erzählt die Ber­liner Hebamme Jana Friedrich.

Jana Friedrich arbeitet als Hebamme in Berlin

W&B/Privat

Studie befand Kaiserschnitt als sicherer

Eine Studie hat dies entscheidend­ geändert: Im Jahr 2000 veröffentlichten kanadische Forscher den so­genannten "Term Breech­ ­Trial" (Hannah-Studie). Drei ­Jahre lang hatten sie mehr als 2000 ­Schwangere aus der ganzen Welt unter­sucht. ­Alle einte die Steißlage des Ungeborenen, eine ­Gruppe sollte das Kind möglichst normal zur Welt bringen, die an­dere im Operationssaal. Das Ergebnis war alarmierend: In der Gruppe der Spontan­geburten war die Zahl der Todesfälle und schweren Komplikationen deutlich höher als bei den Kaiserschnitt-­Babys. In den meisten Kliniken griff man daraufhin bei Becken­­endlage gleich zum Skalpell, Steißgeburten ­verschwanden fast vollständig aus den Kreißsälen.

Prof. Dr. med. Franz Kainer ist Teamchefarzt der Abteilung Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Klinik Hallerwiese in Nürnberg

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Ergebnisse wurden später angezweifelt

Doch die Ergebnisse aus Kanada hielten nicht stand – 2006 wurden der Studie eklatante methodische Mängel nachgewiesen. ­Todesfälle und Komplikationen ließen sich im Großteil der Fälle nicht auf die ­­Entbindungsmethode ­zurückführen. "Für das Kind macht es keinen Unter­­schied, ob es vaginal oder per Kaiserschnitt zur Welt kommt", fasst Professor Franz Kainer, Chefarzt der Abteilung Geburtshilfe und Pränatalmedizin an der Klinik Haller­wiese in Nürnberg, den heutigen Forschungsstand zusammen.

Ärzte raten oft noch von Spontangeburt ab

Die Hannah-Studie und ihre Ergebnisse sind jedoch immer noch präsent: Viele Frauenärzte raten ­ihren Patientinnen von einer Spontan­geburt bei Beckenendlage ab. Wenn das Baby sich durch spezielle Techniken nicht drehen lässt (siehe auch Kas­ten unten), scheint der Kaiserschnitt die einzige Geburtsmethode. Auch eine Reihe Kliniken plant bei Steißlage mit Verweis auf die Geburtsrisiken lieber eine Sectio. ­Arme oder Beine könnten sich im Geburtskanal verhaken; weil der Kopf nach der Nabelschnur geboren wird, droht eine kurze Unterdrückung der Sauerstoffzufuhr; ist der Kopf des Kindes zu groß für das Becken der Mutter, kann er sich nicht richtig in den Geburtskanal hineindrehen.

Franz Kainer sieht das etwas anders: "Wenn in einer Klinik kein Arzt Erfahrung mit Entbindungen aus Becken­endlage hat, dann sind die Risiken tatsächlich so groß, dass man besser einen Kaiserschnitt macht." Nach Veröffent­lichung der Hannah-Studie wurde kaum noch gelehrt, wie man mit den richtigen Griffen ein Kind aus Steißlage in die Welt holt. Heute ermöglichen vor allem größere Kliniken, etwa in München oder Frankfurt, wieder die Spontangeburt aus Becken­endlage und bilden Ärzte darin aus.

Bei 70 Prozent wäre eine normale Geburt möglich

Ihnen geben die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) recht. Die Becken­endlage gilt zwar als Geburtsrisiko, der Kaiserschnitt aber nicht als "allgemeingültiger Standard", sagt Franz Kainer, der die Leitlinien zur Geburt in Beckenendlage mit erarbeitet hat. Vielmehr kann in 70 Prozent der Fälle eine vaginale Geburt möglich sein, wenn die werdende Mutter ausführlich beraten wurde und die Geburtshelfer gut ausgebildet und erfahren sind. Unverzichtbar ist ein Ultraschall vor dem errechneten Termin. "So können wir sehr genau vorhersehen, ob die Geburt ohne Komplikationen verlaufen wird", sagt Kainer. Die wichtigste Rolle spielt der Kopf des Kindes: Ist er weder zu groß noch zu klein und passt er zum Becken der Mutter (dessen Größe im Mag­netresonanztomografen gemessen oder von einem Arzt getastet wird), "spricht nichts gegen eine Spontangeburt", erklärt der Mediziner, der zudem Ärzte in der Kunst der Beckenend-Geburt ausbildet. Ist das Kind zu klein oder hat es einen sehr großen Kopf, rät auch er in jedem Fall zum Kaiserschnitt.

Geburtsverlauf ähnlich wie bei Schädellage

Kommt es zur normalen Geburt, unterscheidet sich diese nicht stark von ­­einer Geburt aus Schädellage. "Die Eröffnungsphase kann sich hinziehen, da man hofft, dass die Fruchtblase lange­ erhalten bleibt und auf den Muttermund drückt", sagt Jana Friedrich. "Der Po des Kindes ist weicher und kleiner als der Kopf, deshalb kann es dauern, bis genügend Druck auf den Muttermund kommt." Auf jeden Fall muss ein Facharzt oder eine erfahrene Hebamme im Kreißsaal anwesend sein, die die richtigen Griffe kennen, um das ­Baby schnell und sicher auf die Welt zu holen. Auch eine Steißgeburt kann noch im Kaiserschnitt enden, etwa wenn die Fruchtblase platzt und ein Nabelschnurvorfall droht oder wenn sich die Herztöne des Kindes verschlechtern. Dann ist der Bauchschnitt die sicherste Methode für das Ungeborene.

Mit so manchen Tricks versuchen Hebammen und werdende Mütter ab der 32. Woche, das Baby aus der Beckenend­lage zur Drehung zu bewegen – manchmal funktioniert’s, wissenschaftlich belegt ist der Nutzen jedoch größtenteils nicht:


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