Apgar-Test für Neugeborene erweitert

Kaum auf der Welt, steht der Apgar-Test für das Baby an. Frühchen oder kranke Kinder fallen häufig durchs Raster. Das soll sich ändern

von Peggy Elfmann, aktualisiert am 15.10.2015

Eine Minute Verschnaufpause von der Geburt bekommt das Baby – dann steht seine erste Prüfung an: der Apgar-Test. Dabei kontrolliert der Geburtshelfer, die Hebamme oder ein Kinderarzt anhand von fünf Punkten den Gesundheitszustand des Neugeborenen. Und es wird geprüft, falls Maßnahmen eingeleitet wurden (wie Sauerstoffgabe), wie effektiv diese sind. Entwickelt wurde der Test 1952 von der New Yorker Anästhesistin Virginia Apgar. Sie wollte mit einem einheitlichen Schema ermitteln, ob ein Kind gesund ist oder behandelt werden muss – und so die damals noch hohe Sterblichkeitsrate der Neugeborenen senken.

Heute wird weltweit fast jedes Baby eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt nach Virginia Apgars Schema untersucht. "Aber die Medizin hat sich geändert. Wir betreuen heute viele Kinder, die vor 63 Jahren gestorben wären. Zum Beispiel Frühchen, die besondere Therapien benötigen. Deshalb müssen wir auch den Apgar-Test anpassen", sagt Professor Mario Rüdiger, der den Bereich Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden leitet.

Null oder zwei Punkte: Uneinigkeit der Anwender

"Das Problem ist, dass unter den Anwendern keine Einigkeit besteht bei der Bewertung von Kindern, die behandelt werden", erklärt der Mediziner. Zum Beispiel bei der Frage nach dem Hautton: Für einen bläulichen Hautton erhält ein Neugeborenes eigentlich null Punkte. Falls ein Kind aber bläulich ist, bekommt es in der Regel meist sofort Sauerstoff, und die Haut wird rosig. "Manche Ärzte geben dann zwei Punkte, weil die Haut rosig aussieht. Andere bewerten den gleichen Zustand mit null Punkten, weil sie Sauerstoff geben mussten", sagt Experte Rüdiger.

Auch bei Frühgeborenen herrscht oft Uneinigkeit unter den Ärzten und Hebammen: Ein reduzierter Muskeltonus entspricht eigentlich einem Punkt. Für Kinder, die zu früh auf die Welt kommen, ist diese geringe Muskelspannung aber normal, weil es ihrem Alter und ihrer Entwicklung entspricht. Je nachdem, welchen Maßstab ein Arzt anwendet (den eines zu früh oder reif geborenen Kindes), erhält das Baby 0, 1 oder 2 Punkte.

Mario Rüdiger

Neuer Apgar-Test: Sieben Parameter mehr

Der neue Ansatz der Dresdener Forscher ist deshalb: Das Ergebnis zählt – und zusätzlich werden Interventionen abgefragt, also ob das Kind etwa eine Herzdruckmassage, Sauerstoff oder Medikamente bekommen hat. Basis ist der alte Test. Dazu kommen sieben Parameter, für die das Kind jeweils null oder einen Punkt erhält. So kommt es zu einem Maximalwert von 17 (10 reguläre Apgar-Werte und 7 erweiterte).

Und welche Konsequenz hat das für die Babys und ihre Eltern? "Auf gesunde und reif geborene Kinder hat es keine Auswirkung", sagt Rüdiger. "Kranke Kinder oder Frühgeborene, die wir behandeln oder wiederbeleben müssen, profitieren aber davon", ist der Experte überzeugt. So verbessere der erweiterte Test die Kommunikation unter den Medizinern und die Abwägung weiterer Therapien. "Der Apgar-Score dient hauptsächlich zur Überwachung. Er ist aber auch ein Entscheidungskriterium, ob ein Kind nach einem Sauerstoffmangel gekühlt werden muss", erklärt der Mediziner. "Wenn es da keine Einheitlichkeit gibt, kann es passieren, dass manche Kinder zu spät therapiert werden."

Neuer Apgar-Test noch kein Standard in Deutschland

Außerdem erhofft sich der Experte eine bessere Vergleichbarkeit zwischen den Kliniken, da der Apgar-Score ein Qualitätskriterum ist. Verschiedene Studien zeigen, dass die Bewertungen bei Frühgeborenen schwanken. Manche Kliniken verteilen generell eher niedrigere Apgar-Werte für ihre Frühgeborenen als andere Kliniken. "Das liegt aber nicht daran, dass die Frühgeborenen dort in einem schlechteren Zustand sind, sondern an der unterschiedlichen Bewertungsweise der Ärzte", sagt Rüdiger.

Portugal und Polen haben den erweiterten Apgar-Test bereits in ihre Leitlinien aufgenommen. In Deutschland wird er schon an einigen Kliniken angewendet, Standard ist er noch nicht. Momentan werden die deutschen Leitlinien überarbeitet. Ob der erweiterte Apgar-Test darin aufgenommen wird, diskutieren derzeit Experten. Manche halten es nicht für notwendig, da es andere Untersuchungen für Neugeborene gebe (etwa die Messung der Sauerstoffsättigung), die bedeutender für weitere Behandlungen seien als der simple Apgar-Test. "Fakt ist aber, dass der Apgar-Test weltweit an jeder Klinik gemacht wird", sagt Rüdiger. "Und wenn man ihn schon macht, dann sollte er auch dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen."


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