Zeitmanagement für Familien

Wir hetzen durch den Tag, haben keine Muße für uns selbst – und trotzdem reicht die Zeit nie. Das muss doch anders gehen!

von Marian Schäfer, aktualisiert am 03.08.2015

Als Lou gerade sechs ­Jahre alt war, wusste sie schon ganz genau, wo die Zeit wohnt. "Im Kopf, gleich neben den Träumen", sagte das Mädchen, wenn es danach gefragt wurde. Lou gab der Zeit jeden Tag auch eine Farbe. Mittwochs etwa war sie grün, freitags gelb und sonntags blau. Nur für den Montag wählte die Sechsjährige keine Farbe aus. "Montag ist keine Zeit", betonte sie.

Vor allem Eltern klagen über Zeitmangel

Jonas Geißler, Vater der heute Neunjährigen, erzählt gerne von den kindlichen Gedanken seiner Tochter. "Die Zeit-Vorstellungen von Kindern sind noch sehr unverdorben. Sie können für uns inspirierend sein und die eigenen Vorstellungen verändern", sagt der 35-Jährige. Er führt mit seinem Vater, dem renommierten Zeitforscher Prof. Dr. Karlheinz Geißler, das Institut für Zeitberatung in München. Und weiß: Sprechen Erwach­sene über Zeit, geht es oftmals um ­einen Mangel daran. ­Der betrifft vor allem Eltern, wie zuletzt das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit in einer Studie fest­­stellte. Die befragten Väter und Mütter nannten nicht etwa finanziellen, sondern zeitlichen Druck als Stressfaktor Nummer eins. Und sie erleben den Mangel an Zeit oft auf mehreren Ebenen: Sie fehlt ihnen für sich selbst, für die Familie, für Freunde und die Arbeit.

Wir setzen Zeit oft mit der Uhr gleich

Aber was ist Zeit? "Eine endgültige Antwort darauf gibt es nicht", meint Jonas Geißler. "Germanisten sagen, Zeit sei ein einsilbiges Wort. Ökonomen behaupten, Zeit sei Geld." Die meisten halten sie für das, was die Uhr anzeigt: Stunden, Minuten und Sekunden. So lernen es Kinder spätestens in der Grundschule. Aber ist Zeit nicht auch ein Gefühl? Eine Minute kann ganz schön lang oder kurz sein, je nachdem, ob man mit voller Blase vor einer besetzten Toilette steht oder einen interessanten Menschen trifft. Dominant in der Vorstellung von Zeit aber ist die Uhr. "Vielleicht auch deshalb, weil das kapitalistische Wirtschaftssys­tem, in dem wir leben, ohne Uhr nie entstanden ­wäre", sagt Jonas Geißler. Sie zerlegt den Tag in kleine, kleinste und abrechenbare Einheiten. Mit ­ihrer Erfindung gab sie dem Tag eine feste Struktur und sorgte für Verlässlichkeit. Damit ist es aber nicht mehr weit her: "Das Zeitalter der Uhr neigt sich dem Ende zu", meint der Zeitforscher.

Es wird immer mehr Flexibilität verlangt

Gefragt sei immer mehr Flexibilität, während Uhren in vielen Bereichen kaum noch eine ­Rolle spielten. "Die Abweichung vom Plan wird zum Normalzustand." Gerade für Familien wird das zum Problem. Oft erweisen sich Kinder als relativ unflexibel und obendrein als hartnäckig in ihren Zeitvorstellungen. Mehr noch: Die Kleinen brauchen feste und nicht flexible Strukturen und Rituale. Insbesondere, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, prallen deshalb oft zwei Welten aufeinander.

Zeit von Eltern oft fremdbestimmt

Wie können Eltern darauf reagieren? Fest steht: Frischgebackene Mütter und Väter müssen erst einmal damit leben, dass mit dem Baby ein Wesen einzieht, dessen zeitlicher Rhythmus selten zum ­eigenen passt. "Da hilft nur, sich nicht zu viel zu grämen", meint der Zeitberater. Auch können Eltern an Öffnungs-, Schließ- und Unterrichtszeiten von Kitas und Schulen wenig ändern. "Trotzdem ist der Zeitmangel, von dem wir oft sprechen, eigentlich eine Lüge", sagt Jonas Geißler. "Zeit ist immer gleich viel da und sehr gerecht verteilt." Was viele beklagen, ist eher ein Mangel an qualitativer, schöner Zeit: mit sich selbst, mit dem Partner, mit den Kindern. "Natürlich kann ich keinem, der sehr wenig verdient, etwas von Verzicht erzählen", sagt der Zeitberater. "Aber viele können darüber nachdenken, materiell etwas zurückzustecken und dafür mehr Zeit für sich und ihre Familie zu haben."

Paare sollten Zeitansprüche klären

Das setzt voraus, dass die Arbeit als stressig und die Familienzeit als schön empfunden wird. Nicht bei jedem ist das so. Jonas Geißler lässt deshalb in Übungen sogenannte Problem- und Ressourcen­zeiten beschreiben. "Wichtig ist ein bewusster Umgang mit der Zeit. Dafür muss ich wissen, welche Zeiten mir Probleme bereiten und welche mir guttun. Nur dann kann ich auch etwas verändern." Er selbst zum Beispiel habe ein starkes Bedürfnis nach Eigenzeit. Andere sähen eher in der Zeit mit ihren Kindern oder mit ihren Partnern die Phase, in der sie sich erholen und auftanken. "Paaren hilft es, offen Problem- und Ressourcenzeiten zu besprechen und Zeitansprüche zu klären", sagt Jonas Geißler. "Wann ist Arbeitszeit und Familienzeit, wann Elternzeit und Eigenzeit? Auch Kinder haben übrigens ein Recht auf Eigenzeit und sollten unbedingt lernen, sich selbst zu beschäftigen." Eltern müssten ihre Bedürfnisse kennen, mit ­ihnen balancieren – und sollten jeden Anspruch auf Perfek­tion am bes­ten vergessen. "Manchmal gibt es für Zeit keine Lösung", sagt Geißler. Dann gilt es, den Blick darauf zu ändern.

Zeit bewusst erleben

Vor allem sollten Familien die Zeit, die sie haben, bewusst nutzen – und wenn sie noch so kurz erscheint. "Wenn wir zum Beispiel mit den Kindern zu Abend essen, sollten wir das auch tun – und nicht mit unseren Gedanken woanders sein", sagt Jonas Geißler. In diesem Punkt könnten Eltern viel von Kindern lernen. Denn die Kleinen hätten noch eine Gabe, die Erwachsenen häufig abhandengekommen sei: im Hier und Jetzt voll aufzugehen. "Es sind die Momente, in denen wir nicht auf die Uhr schauen."


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