Was Kinder vor dem Ertrinken schützt

Wasser finden die meisten Kinder toll. Mit diesen Regeln wird Schwimmen, Planschen und Spielen im Wasser für Kinder sicherer
von Madlen Ottenschläger, Daniela Frank, aktualisiert am 04.07.2017

Auch in Planschbecken oder in Regentonnen können kleine Kinder ertrinken

Shutterstock/Ivan Sabo

Auf dem See fuchtelt jemand wild mit den Armen, das Wasser spritzt. Er ruft laut. Immer wieder taucht der Kopf unter Wasser. "So ertrinken Menschen nur in Filmen. In Wirklichkeit passiert das lautlos. Bei Kindern und auch bei Erwachsenen", sagt Dr. Burkhard Rodeck, ärztlicher Direktor des Christlichen Kinderhospitals Osnabrück. Das Risiko im Wasser wird oft unterschätzt. Dabei gilt Ertrinken als die zweithäufigste unfallbedingte Todesursache bei Kindern. Das statistische Bundesamt ermittelte für 2015, dass 20 Kinder im Alter zwischen null und fünf Jahren durch Ertrinken ums Leben kamen.

Der beste Schutz: Eltern lassen ihre kleinen Wasserratten, die noch nicht schwimmen können, keine Sekunde aus den Augen. Ob Nichtschwimmer-Becken oder Planschbecken – Sabine Lillmanntöns von der Deutschen Lebensrettungs-Gesellschaft appelliert: "Achten Sie darauf, dass Mund und Nase über dem Wasser sind. Lassen Sie sich nicht ablenken, ­etwa indem Sie sich mit dem Smartphone beschäftigen, lesen­ oder plaudern." Und: ­Eine Schwimmhilfe ist kein Garant dafür, dass nichts passiert. "Sie hält einen Kinderkopf nicht über Wasser", so die Schwimmlehrerin.

Die Stimmbänder werden unter Wasser blockiert

Doch wie kann es sein, dass der menschliche Körper nicht aufbegehrt? Beim Tauchen greift ein­ bestimmter Mechanismus, der eigentlich vor dem Ertrinken schützen soll. "Geraten Nase und Mund unter Wasser, kommt es zu einer reflex­artigen Schutzreaktion", erklärt Mediziner Rodeck. Die Stimmritzen schließen sich, das Wasser gelangt nicht in die Lunge. "Das ist natürlich gut. Aber der Reflex blockiert auch die Stimmbänder", so der Kinderarzt. Schreien? Unmöglich. Nach weniger als einer Minute werden Kinder bewusstlos. Kommt keine Hilfe, ersticken sie.

Und Vorsicht: "Kinder können auch in flachem Wasser leicht ertrinken", sagt Helmut Stöhr, Leiter Ausbildung im Präsidium der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). "Wenn sie hinfallen, fehlt ihnen oft die Orientierung, sodass sie nicht mehr aus eigener Kraft hochkommen." Hinzu kommen die beschriebene Schutzreaktion und ein übergroßer Kopf: Kleinkinder fallen schnell vornüber und richten sich nur schwer wieder auf. Deshalb sollten Eltern kleinere Kinder auch in der Nähe von flachen Becken oder Wasserspielplätzen nicht aus den Augen lassen. Im Haus, im Garten oder auf dem Balkon sollten Eltern mögliche Gefahrenquellen gut sichern.

Risiken vermeiden

Gartenteich: Den Teich umzäunen, auch im Garten der Großeltern. Gibt es
in Nachbars Garten einen Teich, blockieren Sie den Zugang, etwa mit einem Zaun. Tipp: Wollen Sie ein Gitter auf dem Wasser als Schutz anbringen, befestigen Sie es so, dass zwischen Wasseroberfläche und Gitter etwas Luft bleibt. Schwimmt es nur auf dem Wasser, bietet es keine ausreichende Sicherheit.

Badewanne: Kinder niemals alleine lassen! Auch nicht, wenn es klingelt oder um aus dem Kinderzimmer frische Wäsche zu holen.

Flache Gewässer: Am Bach- oder Seeufer gibt es viel zu entdecken – aber bitte gemeinsam. Behalten Sie Kinder permanent im Blick.

Schwimmbad, See und Meer: Schwimmhilfen schützen nicht vor dem Ertrinken! Ins Wasser geht’s immer nur mit einem Erwachsenen.

Gefäße: Alles, worin sich Regenwasser sammeln könnte, gehört nicht auf den Balkon oder in den Garten (z. B. leere Eimer). Vogeltränken in sicherer Höhe aufstellen. Regentonnen ab­decken. Folienabdeckungen, etwa über dem Sandkasten, können sich mit Regenwasser füllen. Regelmäßig kontrollieren!


Keine Tauchgänge beim Babyschwimmen

Noch ein Phänomen sollten Eltern kennen, wenn es auch zum Glück selten vorkommt: das sogenannte sekundäre Ertrinken. Hier hat das Kind Wasser eingeatmet. Das gelangt in die Lunge und kann auch noch nach 24 Stunden zu schweren Atemstörungen bis hin zum Lungenversagen führen. "Aus diesem Grund sollten Babys nicht tauchen", warnt Rodeck. Die DLRG folgt dieser Empfehlung bereits. "Tauchübungen in unseren Babyschwimmkursen gibt es nicht mehr", bestätigt Lillmanntöns. Bei größeren Kindern kann das Phänomen etwa infolge eines Badeunfalls auftreten, aber auch wenn sie aus großer Höhe ins Wasser springen oder von ­einer Wasserrutsche sehr schnell ins Wasser katapultiert werden, so der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte. Alarmierende Warnzeichen für sekundäres Ertrinken können sein:

  • Husten, auch noch Stunden nach dem Vorfall
  • Unwohlsein
  • Müdigkeit bis hin zu Apathie.

In so einem Fall gilt: sofort zum Arzt oder die 112 rufen.

Nur mit Schwimmflügeln planschen

Trotzdem ist es sinnvoll, den Nachwuchs in Baby- oder Kleinkinderschwimmkursen so früh wie möglich ans Wasser zu gewöhnen. Das nimmt die Angst und vermittelt Spaß am Baden. Meiden Eltern dagegen Wasser ganz und gar, nehmen sie ihren Kindern die Freude daran. Die Gefahr wird nur verlagert. Beunruhigend: Nur jeder zweite Erstklässler kann schwimmen. Dabei ist sicheres Schwimmen ein wirksamer Schutz vor Ertrinken.

Im Becken sollte das Kind sonst immer sogenannte Auftriebshilfen tragen, im Volksmund Schwimmflügel genannt, und nur zusammen mit den Eltern planschen. "Geeignete Schwimmflügel erkennt man am GS-Prüfzeichen", sagt Stöhr. Außerdem ist wichtig, dass sie mindestens zwei Luftkammern haben und erst am Arm des Kindes aufgeblasen werden. "Alle anderen Hilfsmittel oder Wasserspielzeug wie aufblasbare Tiere sind ungeeignet und können das Kind zum Teil in Lebensgefahr bringen", warnt der Experte. Schwimmtiere oder Luftmatratzen treiben leicht ins tiefe Wasser ab. Wenn ein Kind in einem Schwimmring oder -sitz umkippt, ist es unter Wasser gefangen und läuft Gefahr zu ertrinken.

Wassersicher erst mit Freischwimmer

Je früher Kinder ans Wasser gewöhnt werden und schwimmen lernen, ­desto besser: "Mit etwa vier Jahren sind Kinder motorisch so fit, dass sie schwimmen lernen können", sagt Rodeck. Dann sind sie in der Lage, drei Dinge gleichzeitig zu koordinieren: Atmung, Arm- und Beinbewegungen. Ein sicherer Schwimmer schafft 15 Minuten im tiefen Wasser. "Kinder macht diese Leistung ungeheuer Stolz", so Lillmanntöns.

Eine zusätzliche Bestätigung kann zum Beispiel das Seepferdchen-Abzeichen sein. "Mit dem Abzeichen ist das Kind aber noch längst nicht wassersicher", sagt Stöhr. Es kann lediglich kurze Strecken schwimmen und ist möglicherweise überfordert, wenn es Wasser schluckt. "Im tieferen Wasser sollten Erwachsene daher immer nebenher schwimmen", so Stöhr. Für flaches Wasser eignen sich neben Schwimmflügeln sogenannte Poolnudeln, an denen sich das Kind festhalten kann. Trotzdem ist die Aufsicht der Eltern nötig.

Alleine sollte sich das Kind erst im Becken aufhalten, wenn es das Deutsche Jugendschwimmabzeichen (DJSA) in Bronze, den sogenannten Freischwimmer hat. Dann erfüllt es folgende Kriterien der DLRG:

Ein Kind ist erst wassersicher, wenn es

  • sich unter Wasser genauso gut zurecht findet, wie über Wasser.
  • nach einem Sprung vom Beckenrand mindestens 200 Meter im tiefen Wasser in höchstens 15 Minuten schwimmen kann.
  • auf dem Rücken genauso gut schwimmen kann wie auf dem Bauch.
  • mehrere Sprünge beherrscht, unter anderem einen Sprung aus einem Meter Höhe oder einen Startsprung.
  • zirka zwei Meter tief tauchen und dabei einen Gegenstand heraufholen kann.
  • beim Wasserschlucken nicht so aus dem Konzept gebracht wird, dass es nicht mehr weiter schwimmen kann.

Im See drohen Wellen und Strömungen

Noch mehr Vorsicht ist beim Baden im See geboten: "Dort können Wellen dazu führen, dass das Kind Wasser schluckt und sich – auch mit Schwimmflügeln – nicht mehr an der Oberfläche halten kann", sagt Stöhr. Deshalb gehören Kinder ohne Freischwimmer nie in Wassertiefen, in denen sie nicht mehr stehen können. Ist das Kind wassersicher, sollten die Eltern mit ihm trotzdem nicht zu weit hinausschwimmen. "In Seen gibt oft verschiedene kalte Strömungen, die Muskelkrämpfe hervorrufen können", sagt Stöhr. "Kinder und auch Erwachsene können da leicht untergehen." Viele überschätzen zudem ihre Kräfte.

Eltern sollten gute Schwimmer sein

Wichtig ist, dass Eltern, die ihr Kind im Wasser beaufsichtigen, selbst gut schwimmen und Erste Hilfe leisten können. Sie dürfen nicht selbst in "Seenot" geraten, wenn sich der Nachwuchs in Panik an ihnen festklammert. Außerdem sollten die Eltern auf die Wassertiefe hinuntertauchen können, in der sie gerade mit dem Kind schwimmen. Sind Mama oder Papa keine guten Schwimmer, sollten sie mit dem Nachwuchs lieber in Wassertiefen bleiben, in denen sie selbst stehen können.

Sicherheitstipps für Seen und Bäder

  1. Baden und Schwimmen Sie nur an ausgewiesenen Badezonen. Lassen Sie die Kinder nicht in unbekannten Gewässern schwimmen oder planschen.
  2. Bevor das Kind ins Wasser geht, sollte es sich abkühlen.
  3. Lassen Sie Ihr Kind nur ins Wasser, wenn es sich wohlfühlt.
  4. Holen Sie Ihr Kind aus dem Wasser, wenn es friert.
  5. Bei Gewitter ist Baden lebensgefährlich. Verlassen Sie das Wasser sofort. Holen Sie sofort Ihr Kind aus dem Wasser.
  6. Schifffahrtswege, Schleusen, Brückenpfeiler und Wehre sind keine Schwimm- oder Badezonen. Hier dürfen Sie nicht baden.
  7. Bewachsene und sumpfige Uferzonen sind gefährlich. Meiden Sie solche Gewässer.
  8. Kinder, die nicht schwimmen können, sollten Schwimmflügel tragen und nur bis zum Bauch ins Wasser gehen.
  9. Luftmatratze, Autoschlauch oder Gummitier bieten keine Sicherheit, sondern können sogar gefährlich werden.
  10. Achten Sie darauf, dass die Kinder nicht zu weit hinaus treiben. Beachten Sie die ausgewiesenen Badezonen.
  11. Lassen Sie die Kinder nur ins Wasser springen, wenn es tief genug und ist und keine anderen Badenden durch den Sprung gefährdet werden.

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