Feinstaubbelastung verringern: Was hilft?

Vor allem für Kinder ist zu viel Feinstaub schädlich. Wie Eltern belastete Gebiete meiden und ihre Feinstaublast reduzieren
von Daniela Frank, 29.08.2017

Der Straßenverkehr verursacht in Städten einen Großteil der Feinstaubbelastung

dpa Picture-Alliance GmbH/Stefan Gaerlich

Feinstaub ist gesundheitsschädlich: Je nach Partikelgröße kann er unterschiedlich weit in die Atemwege vordringen und teilweise sogar ins Blut übergehen. Laut Umweltbundesamt reichen die Folgen von Reizungen und Entzündungen der Atemwege bis zu Veränderungen der Blutgefäße und Beeinträchtigungen des Herz-Kreislauf-Systems. Somit fördert Feinstaub unter anderem Schlaganfälle, Asthma und Lungenkrebs. Sogar Frühgeburten kann eine übermäßige Belastung laut Studien auslösen.

Feinstaub für Kinder besonders gefährlich

Besonders betroffen sind Kinder, deren Organismus sich noch in der Entwicklung befindet: Stadt-Kinder haben oft per se eine leicht verschlechterte Lungenfunktion, wie Studien zeigen. Bei entsprechenden Vorerkrankungen – zum Beispiel Asthma oder Allergien – kann das die Symptome verstärken. Insgesamt sterben in Deutschland laut Umweltbundesamt jährlich 45.000 Menschen vorzeitig aufgrund von Feinstaub. In Städten ist der Straßenverkehr die Hauptquelle der Luftverschmutzung.

Was also tun? "Langfristig: Den Verkehr reduzieren", sagt Jan Lutz. "Bei 50 Prozent aller Fahrten in Städten beträgt die Entfernung weniger als fünf Kilometer – die ließen sich gut einsparen." Und natürlich könne die Industrie sauberere Antriebe entwickeln. Doch beides kann dauern. "Inzwischen können die Menschen versuchen, Gebiete mit hoher Feinstaubbelastung zu meiden", sagt Lutz. Der Designer leitet das OK Lab Stuttgart, das im Rahmen des Projekts luftdaten.info Feinstaubdaten von Privatpersonen sammelt und in einer großen Karte zusammenführt. Jeder kann bei dem Open-Data-Projekt mitmachen, jeder auf die Daten zugreifen.

Vor dem Joggen Feinstaubwerte checken

Zwar gibt es schon lange eine offizielle Karte mit den Daten des Umweltbundesamts. Sie werden von rund 450 Messstationen in Deutschland geliefert und sind jeweils für den vorangegangenen Tag und das komplette vorangegangene Jahr abrufbar. "Unser Projekt ist eine Ergänzung zum bestehenden Datenbestand", sagt Lutz. "Im Unterschied dazu liefert es die Daten in Echtzeit, mit maximal einer Minute Verzögerung." Aufgrund der Karte kann jeder spontan entscheiden: In welchen Park gehe ich jetzt am besten zum Joggen? Oder er kann schauen, wo gerade Rush-Hour ist und das entsprechende Gebiet meiden.

Feinstaubsensor selber bauen

Wer bei dem Projekt mitmachen will, kann sich anhand der Anleitung auf luftdaten.info einen Feinstaubsensor bauen. Er besteht aus wenigen, günstigen Teilen, die man im Internet bestellen kann. Dann gilt es, die entsprechende Software und den Treiber zu installieren und den Sensor mit dem Datennetz zu verknüpfen. "Ein heikler Punkt für manche Laien ist die Verknüpfung mit der Firmware", sagt Lutz. "Falls da jemand Probleme hat, kann er sich von dem OK Lab in seiner Nähe helfen lassen – mittlerweile gibt es 26 davon in ganz Deutschland." Im Anschluss den Sensor am besten am angegebenen Ort hängenlassen. "Weil wir kein GPS-Tracking haben, verfälscht es die Daten, wenn man damit rumläuft."

Ursprünglich war das Ziel des Projekts nicht, absolute Werte zu liefern, sondern nur die Feinstaubmenge im Verhältnis viel/wenig zu ermitteln. "Weil wir deutschlandweit inzwischen 1400 Sensoren im Einsatz haben, konnten wir zusammen mit der Uni Stuttgart aber zeigen, dass unsere Daten ziemlich exakt sind", sagt Lutz. "Der Kurvenverlauf gleicht dem hochwertiger Geräte." Nur bei hoher Luftfeuchtigkeit haben die günstigen Selbstbau-Sensoren noch ein Problem: Ab 70 Prozent werden die Wassertröpfchen in der Luft mitgemessen. "Das können wir demnächst aber rausrechnen", sagt Lutz. "Wir entwickeln gerade zusammen mit verschiedenen Akteuren ein entsprechendes Verfahren."

Partikelgröße ist entscheidend

Außerdem bestehe das Problem bei der Messung von Partikeln mit der Messeinheit PM 2,5 nicht – das sind Partikel mit einem maximalen Durchmesser von 2,5 Mikrometern. "Die WHO empfiehlt diesen Wert ohnehin als Standard, nur in der EU wird häufig noch PM 10 gemessen", erklärt Lutz. "Dabei sind Partikel der Größe PM 2,5 gefährlicher für die Gesundheit, weil sie kleiner sind und dadurch viel weiter in den Organismus vordringen können."

Seit etwa einem Jahr arbeitet das OK Lab Stuttgart intensiv mit Ärzten zusammen, die helfen, die Feinstaubdaten auszuwerten und mit Gesundheitsdaten in Zusammenhang zu bringen. "Im Januar 2016 hatten wir beispielsweise in Stuttgart eine Wetterlage, die den Feinstaub für einige Zeit am Boden gehalten hat", erzählt Lutz. "Es zeigte sich, dass zu dieser Zeit die Sterblichkeit im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15 Prozent angestiegen ist."

Feinstaub, CO2, Stickstoffoxide: Gefährliches Trio

Neben der Belastung mit Feinstaub gerät derzeit mehr und mehr die Belastung mit Stickstoffoxiden in den Fokus. "Stickstoffoxide sind richtiges Gift und haben in einer Stadt bei hoher Bevölkerungsdichte überhaupt nichts zu suchen", sagt Lutz. Laut Umweltbundesamt sind sie vor allem für Asthmatiker ein Problem, weil sie die Bronchien verengen. "Aber entscheidend ist trotzdem, dass man alle wichtigen Luftverschmutzer zusammen im Blick behält". Das gefährliche Trio: Feinstaub, CO2 und Stickstoffoxide – zum Beispiel Stickstoffdioxid (NO2). "Gegen CO2 geht man schon länger vor, dann ist Feinstaub in die öffentliche Diskussion geraten, Stickstoffoxide wurden lange vernachlässigt", sagt Lutz. "Wir haben das Crowdfunding erfolgreich beendet und werden jetzt in Stuttgart mit dem Messen von NO2 beginnen." Eine entsprechende Karte stehe bald zur Verfügung.

Will man alle Werte im Blick behalten, macht es laut Lutz keinen Sinn, eine bestimmte Technologie komplett zu verteufeln – zum Beispiel Diesel-Fahrzeuge. "Die kann man beispielsweise mit Katalysatoren nachrüsten", sagt Lutz. Dann stünden sie wegen ihrer vergleichsweise guten CO2-Werte eventuell sogar besser da, als Benziner oder Elektroautos. "Die beste Lösung wäre es aber, den Verkehr insgesamt zu reduzieren."


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