Wenn der Ex keinen Unterhalt zahlt

Warum viele Väter keinen Unterhalt für ihre Kinder zahlen, ist kaum erforscht. Eine Spurensuche bei Vereinen für Väter und Alleinerziehende, einer Wissenschaftlerin und einer Anwältin
von Tina Haase, 27.06.2017

Kinder kosten Geld, doch Alleinerziehende erhalten oft keinen Unterhalt für sie

istock/Martin Prescott

Als vor ein paar Monaten die Studie "Alleinerziehende unter Druck" der Bertelsmann-Stiftung erschien, schockierten die Zahlen. Demnach bekommt nur ­etwa die Hälfte der Alleinerziehenden in Deutschland Unterhalt für die Kinder – und ein Viertel davon nicht genug. Vor allem Väter lassen ihre Kinder finanziell im Stich.

Die Studie bezieht sich auf ­eine vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) herausgegebene Berechnung, die sich wiederum auf den Datensatz "Familien in Deutschland" stützt. Dafür wurden 1282 alleinerzie­hende Frauen und Männer befragt, ob und wie viel Unterhalt sie für ­ihre Kinder vom Ex-Partner erhalten.

Warum zahlen die Väter keinen Unterhalt?

Da 92 Prozent der Kinder nach der Trennung bei der Mutter leben, sind es vor allem Väter, die keinen Unterhalt zahlen. Warum aber tun das so viele nicht für ihre Kinder? Wollen oder können sie nicht?

Es sind einfache Fragen. Die Antworten dagegen sind schwer zu finden. "Mir sind zu diesem ­Thema keine Forschungsarbeiten ­bekannt", sagt die Volkswirtin Dr. Esther Schröder, die bei der Arbeitnehmer­kammer Bremen für die Gleichstellungs- und Geschlechterpolitik zuständig ist und sich seit vielen Jahren mit den Problemen von Alleinerziehenden beschäftigt. "Um zu verstehen, warum so viele ­Männer nicht zahlen, müsste man auch mal Väter befragen", sagt sie.

Schröder kann nur ver­muten: "Manche können nicht, manche wollen nicht." Ihrer Erfahrung nach wird der Unterhalt oft als Druckmittel eingesetzt, nach dem Motto: "Wenn ich das Kind nicht sehen darf, zahle ich auch nicht." Oder der Vater will der Mutter zeigen, dass sie ohne den Unterhalt aufgeschmissen ist. Schließlich hilft der Unterhalt Ein-Eltern-Fami­lien, ihre Existenz zu sichern.

Viele Alleinerziehende auf Unter­stützung angewiesen

Von den alleinerziehenden Müttern, die unzureichend oder gar keinen Unterhalt für ihre ­Kinder bekommen, ist laut DIW-­Studie mehr als die Hälfte auf so­ziale Unter­stützung angewiesen. "In Bremen werden sogar 80 Prozent der Mütter mit zwei Kindern nach der Trennung Hartz-IV-Empfängerinnen", sagt Schröder. "Viele von ihnen arbeiten, aber das Geld reicht trotzdem nicht." Manche sind auf Wohngeld und Kinderzuschlag angewiesen.

Eine Sonderauswertung der Bundesagentur für Arbeit (BA), die mit Hartz IV einspringt, wenn Unter­haltspflichtige nicht ­zahlen, legt nahe, dass der Großteil der Unter­haltssünder nicht unter Geldnot leidet. Von ­etwa 510 000 Vätern und – wenigen – Müttern, für die die BA im August 2014 aufkam, war nur jeder Sechste nachweislich nicht zahlungsfähig. Oft sind ­diese Unterhaltspflichtigen selbst auf Hartz IV angewiesen.

"Möglich wäre jedoch auch", heißt es in der neueren Bertelsmann-Studie, "dass tatsächlich immer weniger Unterhaltspflich­tige in der Lage sind, ihr eigenes und darüber hinaus noch das Exis­tenzminimum eines oder mehrerer Kinder zu erwirtschaften." Schuld daran sind zum Beispiel Niedriglöhne. Gründen die Männer neue Familien, kann das ebenfalls zu Engpässen führen.

Angaben der Mütter werden nicht überprüft

Hans Bender weiß, wie es Trennungsvätern geht. Der dreifache Vater ist selbst ­einer. Er engagiert sich im Vorstand des Bremer Landes­verbandes des Vereins "Väter­aufbruch für Kinder". Der Verein setzt sich für Männer ein, ­­deren Kinder nach der Trennung bei der Mutter leben. Bender bezweifelt, dass wirklich die Hälfte aller Väter keinen Unterhalt zahlt, wie es in den Studien heißt: "Es gibt ­sicher Alleinerziehende, die sagen, dass der Unterhalt nicht genug ist, obwohl der Mann sie ausreichend unterstützt. Ihre Angaben aber werden nicht gegen­geprüft."

Bender überwies jahrelang Unter­halt für seine Ex-Frau und für seine beiden Söhne, die inzwischen erwachsen und berufs­tätig sind. Für seine jüngere Tochter zahlt er noch heute: "Jeder verantwortungsvolle Vater hat den tiefen Wunsch, sein Kind bestmöglich zu versorgen."

Vielen zahlenden Vätern bleibt vom Einkommen nicht mehr übrig,­ als ein Sozialhilfeemp­fänger inklusive Wohngeld bekommen ­würde", sagt Bender. Es gebe des­wegen Männer, die die Angaben der Düssel­dorfer Tabelle, an der sich der Unterhalt bemisst, als zu hoch empfinden. "Manche werden auch um ihre Vater­rolle betrogen, ein angemessener Kontakt zum Kind wird ihnen verwehrt – und sie müssen trotzdem zahlen." Das empfinden sie als ungerecht.

Ist das Wechselmodell fairer?

Bender kritisiert, dass die Umgangskosten, die der Vater hat, nicht berücksichtigt werden. Sein Verein befürwortet das Wechselmodell: "Das Kind lebt zu gleichen Teilen bei Mutter und Vater. Beide versorgen es mit Wohnung, Lebensmitteln und Kleidung und betreuen und erziehen es gleichberechtigt." So würde jeder zahlen, und das Kind könnte Mutter und Vater behalten und von beiden lernen. "In der heutigen Praxis verliert das Kind aber sehr oft ­einen Elternteil, fast immer den Vater", sagt Bender.

Viele Väter überweisen aus Frust nichts mehr

Manchmal führt der Frust der Väter dazu, dass sie kein Geld überweisen. "Manche können sich ­irgendwann nicht mal mehr vorstellen, an die ehemalige Ehefrau oder Lebensgefährtin zu zahlen", sagt Edith Schwab, Fachanwältin für Familienrecht in Speyer. "Dabei vergessen sie ganz, dass sie mit dem Geld ihr Kind unter­stützen." Schon dass die Mutter das Kindergeld vom Staat erhalte, sähen viele Männer nicht ein. "Den Vätern fehlt auch oft die wirklichkeitsnahe Einschätzung ihres Beitrags zum Leben des Kindes", hat Schwab beobachtet. Nach ihrem Zahlungsverhalten gefragt, würden die Männer angeben "Ich zahle regelmäßig", zahlen aber monatlich viel zu wenig.

"Um nicht zahlen zu müssen, gibt es auch Unterhaltspflichtige, die ihre finanzielle Situation bewusst schlechter darstellen, als sie ist", sagt Elena­ Fronk, ­Referentin vom Verband ­alleinerziehender Mütter und Väter des Landesverban­des Nordrhein-Westfalen. "Das ist Sozialbetrug." Die Frauen, die kein oder zu wenig Geld für ihre Kinder bekommen, können einen Unterhaltsvorschuss beantragen, den sich der Staat von den Vätern zurück­­holen kann. Seit ­einiger Zeit besteht die Möglichkeit, deren Konten zu überprüfen. Bis jetzt erhalten Bund und Länder nur selten ihr Geld zurück. Nun hat sich die Politik vorgenommen, konsequenter gegen Unterhaltssünder vorzugehen.

Wann der Staat zahlt

Wenn der unterhaltspflichtige Elternteil nicht oder zu wenig für das Kind zahlt, springt der Staat ein – mit dem sogenannten Unterhaltsvorschuss. Bisher griff die Leistung nur bis zum 12. Lebensjahr eines Kindes, maximal sechs Jahre lang. Ab dem 1. Juli 2017 entfällt die maximale Begrenzung, und Kinder bis zum 18. Lebensjahr können unterstützt werden. Es gibt:

  • für Kinder bis 5 Jahre 150 Euro monatlich,
  • für Kinder von 6 bis 11 Jahre 201 Euro monatlich,
  • für Kinder von 12 bis 17 Jahre 268 Euro monatlich.

Damit für Kinder ab 12 ­Jahren Unterhaltsvorschuss ­gezahlt wird, dürfen sie nicht auf Hartz IV angewiesen sein. ­Erhält der alleinerziehende Elternteil Sozialhilfe, muss er mindes­tens 600 Euro dazuverdienen. Den Antrag für den Vorschuss erhalten Alleinerziehende bei der zuständigen Unterhaltsvorschusskasse beim Jugendamt.


Interview: Was tun, wenn der Ex nicht fürs Kind zahlt?

Elena Fronk, Referentin des Verbands allein erziehender Mütter und Väter NRW e.V., erklärt im Interview, wie Alleinerziehende in Sachen Kindesunterhalt zu ihrem Recht ­kommen.

Warum lassen sich manche Allein­­er­ziehende gefallen, dass der andere ­­Elternteil nicht für das gemeinsame Kind zahlt?

Elena Fronk: Sie möchten sich mit ihm nicht ums Geld streiten. Auch um das Kind nicht zu belasten.

Was raten Sie dann den Alleinerziehenden – meist sind es ja die Mütter?

Sie müssen nicht gleich klagen. In einem ersten Schritt können sie zum Jugendamt gehen. Der Fachdienst Beistandschaft berät und unterstützt sie kostenlos, um den Unterhalt für das Kind zu bekommen.

Elena Fronk ist Referentin des Verbands allein erziehender Mütter und Väter NRW e.V.

/VAMV NRW

Was ist ein Beistand?

Ein Experte vom Jugendamt, der sich auf das komplizierte Unterhaltsrecht spezialisiert hat. Er ermittelt das Einkommen des Unterhaltspflichtigen, errechnet, was dem Kind zusteht, und versucht, durch Gespräche und Briefe eine außergerichtliche Einigung herbei­zu­führen. Gibt der Elternteil Auskunft über seine Ein­künfte, kann­ vom Jugendamt – ohne Richter – ­eine Unter­­haltsverpflichtung beurkundet werden. Es wird also verbindlich festgelegt, was er zahlen muss.

Und was, wenn der Unterhaltspflichtige keine ­Auskunft gibt oder dann doch nicht zahlt?

Ein Teil dieser Fälle landet irgendwann vor Gericht. Dann kommen neben dem Unterhalt auch noch Gerichts- und Anwaltskosten auf die Zahlungsunwilligen zu. Wenn sie nicht zahlen, kann zum Beispiel ihr Gehalt gepfändet werden.

Vor Gericht ziehen dauert. Was können die Allein­erziehenden in der Zwischenzeit machen?

Sie können beim Jugendamt einen Unterhalts­vorschuss beantragen (siehe oben). Er liegt ­allerdings unter dem niedrigsten Unterhalts­satz laut Düsseldorfer Tabelle.

Bekommen die Alleinerziehenden den Unterhalt auch rückwirkend?

Ja, von dem Zeitpunkt an, an dem der Unterhaltspflichtige belegbar zur Zahlung aufgefordert wurde.

Und falls ein Unterhaltsvorschuss gezahlt wurde?

Dann muss der unterhaltspflichtige Elternteil den Vorschuss zurückzahlen.

Der Vater kann nicht zahlen – was dann?

Das kommt natürlich auch vor. Aber das Gesetz gibt vor, dass Unterhaltspflichtige alles ­dafür tun müssen, den Unterhalt sicherzustellen. In so einem Fall muss der Vater sich eine Arbeit ­suchen und zur Not noch einen Nebenjob an­nehmen. Der Unterhalt für die Kinder geht vor.


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