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Wechselmodell: Gute Lösung für Trennungskinder?

Eine Woche Mama, eine Woche Papa? Warum dieser Weg nicht zwingend besser ist als alle andere Lösungen

von Christian Andrae, aktualisiert am 09.10.2019

Es gibt ganz einfache Regeln, die die Welt unserer Kinder zusammenhalten: An Geburtstagen gibt es Kuchen. Ein Pflaster heilt alle Wunden. Das Spielzeug von anderen ist interessanter. Und Mama und Papa bleiben für immer und immer zusammen. So einfach ist das. Eltern sind aus Sicht der Kinder unzertrennlich. "Und je jünger Kinder sind, desto stärker glauben sie das auch", sagt Dr. Stefan Rücker. Der Psychologe erforscht, wie sich die Trennung der Eltern auf das Wohl des Kindes auswirkt und was ihnen in einer solchen Situation guttut. Aber das klingt beschönigend. Für Kinder, sagt Stefan Rücker, sind die Folgen einer Trennung immer verheerend.

Die beste Trennung gibt es nicht

Dennoch. Eltern haben laut Rücker alle Möglichkeiten, dieses Ereignis für ihre Kinder weniger traumatisch zu gestalten. Die Diskussion jüngst um Wechsel- und Residenzmodell erweckte den Eindruck, als ob es eine Art Musterlösung oder eine in Anführungsstrichen gute oder bessere Trennung geben würde. Beim Wechselmodell bleibt das Kind zum Beispiel eine Woche bei Mama und dann auch exakt eine Woche bei Papa – die Betreuung ist also hälftig aufgeteilt. Beim Residenzmodell hat das Kind ein Zuhause bei Mama oder Papa und besucht den anderen Elternteil zum Beispiel alle zwei Wochen. Das Bundesfamilienministerium will mit einer Studie klären, wie sich diese Betreuungsmodelle auf das Wohl des Kindes auswirken. Die Studie an der Universität Bremen leitet Stefan Rücker, und die Ergebnisse werden wahrscheinlich im Herbst veröffentlicht. Zwei Dinge stehen aber bereits fest:

a) Die beste Trennung für das Kind gibt es nicht.
b) Was eine in Anführungsstrichen gute Trennung ausmacht, ist keine Modellfrage.

Was macht eine Trennung mit dem Kind?

Doch alles der Reihe nach. Was macht eine Trennung mit einem Kind? "Da gibt es keine pauschale Antwort. Kinder reagieren grundsätzlich ganz unterschiedlich",  sagt Stefan Rücker. Welchen Einschlag eine Trennung auf die Welt der Kinder hat, hängt auch von den Trennungsumständen und dem Alter ab. "Gerade jüngere Kinder zwischen zwei und sechs Jahren geben sich oft selbst die Schuld, weil das Erlebnis, das sie da haben, so groß ist, dass sie es psychisch nicht einordnen können – außer sie geben sich selbst die Schuld", sagt Rücker. "Eltern tun gut daran, wenn sie sagen: Wir trennen uns, aber es ist nicht deine Schuld. Wir trennen uns, aber wir bleiben in deinem Leben erhalten, liebes Kind.‘ Das ist ein Versprechen, das man auch einlösen muss – dann kann man die Folgen einer Trennung schon einmal abmildern", sagt der Psychologe.

Trotzdem werden die Kinder meist zunächst einmal auffallen – womöglich durch ein schreckhafteres Verhalten, durch Anklammern aus Angst, der zweite Elternteil kommt auch noch abhanden, oder durch Ein- und Durchschlafschwierigkeiten. Trennungskinder zeigen zudem laut Rücker oft weniger Antrieb, sich und die Welt um sich herum zu erkunden, zu erfahren und zu entdecken. Eine Eigenschaft, die maßgeblich für die kognitive Entwicklung des Kindes ist. Der Stress, den die Kinder bei einer Trennung durchleben, spiegelt sich auch mit einer erhöhten Kortisolkonzentration im Blut wieder – was auf Dauer wortwörtlich Gift für das Gehirn ist.

Teilweise Massive Folgen

Was das alles mit einem Menschen machen kann, hängt, so Rücker, auch von genetischen Faktoren, also der eigenen psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) ab. "Aber wir können sagen, dass etwa ein Drittel der Trennungskinder als Erwachsene massive Schwierigkeiten im Bindungsverhalten zeigen. Sie können häufig weder Beziehungen aufbauen noch halten", sagt der Psychologe. "Sie haben wenig Vertrauen in soziale Beziehungen, weil sie in der Erwartungshaltung verankert haben, dass sie sowieso enttäuscht und verlassen werden."

Hinzu kommt am Ende nicht selten eine Neigung für Alkohol und Drogen, dissoziales Verhalten, Angststörungen und Depressionen sowie Essstörungen. "Bei jährlich 130 000 Scheidungs- und 70 000 Trennungskindern steht da einiges auf dem Spiel", sagt Rücker.

Doch welche Rolle spielt dabei das Betreuungsmodell? "Es hat sicherlich einen Einfluss, aber aus wissenschaftlicher Sicht nicht die ganz, ganz große Wirkung, die den Modellen gerne zugeschrieben wird. Das ist oft ideologisch unterlegt und wenig faktenbasiert", betont Rücker. "Zu sagen, das Kind lebt jetzt im Wechselmodell oder im Residenzmodell und damit ist alles gut – das ist so, als wenn man mit einem Knieschuss in die Arztpraxis geht  und erwartet, dass der Schmerz dann automatisch nachlässt. Es braucht ja auch jemanden, der mich fachgerecht versorgt und die Wunde behandelt. Jemanden mit Arzteigenschaften", sagt Rücker. Und ergänzt: "Bei einer Trennung braucht das Kind Eltern mit Elterneigenschaften: ein positiver Erziehungsstil, liebevolles, zugewandtes Dasein, Warmherzigkeit. Diese Dinge sind viel aussagekräftiger für das Kindeswohl als Betreuungsmodelle."

Bessere Aufteilung, mehr Freiheit

Noahs Vater hat zum Beispiel nie im Haushalt von seinem Sohn und dessen Mutter Melanie Klie* gewohnt. "Trotzdem sieht Noah in seinem Vater eine wichtige Bezugsperson, die für ihn auch immer greifbar ist", sagt Klie. Noah ist von Anfang an im sogenannten Residenzmodell aufgewachsen. Er hat seinen Vater anfangs alle 14 Tage für ein Wochenende gesehen, eben der gesetzliche Mindest­anspruch. "Wir haben es auch nicht besser gewusst und uns an den gesetzlichen Richtlinien orientiert. Mit zunehmendem Alter war das aber zu wenig, wie wir gemerkt haben", sagt Klie. Deshalb wurde das sogenannte Umgangsrecht mit der Zeit erweitert. Ohne viel Tamtam. Ohne Anwalt und ohne Gericht. Mehr Freiraum für die alleinerziehende Mutter, mehr Vater fürs Kind.
Damit haben Klie und ihr Ex-Partner schon sehr vieles richtig gemacht. "Wenn jemand vor der Trennung derjenige war, der das Kind überwiegend betreut hat, ist es gut, wenn er das zunächst auch weiterhin bleibt – gerade bei kleinen Kindern", sagt Sigrid Andersen, wissenschaftliche Referentin des Bundesverbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) in Berlin. "Wenn man das ändern möchte, sollte man das sehr langsam und vorsichtig machen und dabei vor allem flexibel bleiben und darauf achten, wie das Kind reagiert."

Die eine Lösung gibt’s nicht

"Die Kinder leiden ja nicht unter bestimmten Betreuungsmodellen. Sie leiden unter den Konflikten ihrer Eltern", sagt Andersen. "Menschen sind sehr individuell, Kinder sind sehr individuell, Umstände sind sehr individuell." Daher könne man nicht sagen, dies oder jenes solle man tun. Eltern sollten sich zusammensetzen und überlegen, wie sie die Zukunft so regeln können, dass das Kind die Trennung am leichtesten verkraftet.
Unterstützung finden Mütter und Väter hierbei zum Beispiel bei den jeweiligen Ortsverbänden des VAMV (siehe Infokasten). Oberstes Ziel sollte es laut Andersen sein, den Streit, den Stress und die Schuldzuweisungen von den Kindern fernzuhalten – was selbstredend leichter gesagt als getan ist.

Auf den Grund kommt es an

"Es macht natürlich einen Riesenunterschied, ob Eltern im Alltag merken, dass die Liebe nachlässt, sich einvernehmlich trennen und sagen, wir machen jetzt das Beste aus unserer gemeinsamen Elternverantwortung. Oder ob ein Elternteil betrogen und verlassen worden ist, was eine ganz andere Qualität hat", erläutert Psychologe Stefan Rücker. Denn wenn man verletzt ist, fällt es gar nicht so leicht, seine Emotionen zu regulieren. Wie soll man auch bei Vernunft bleiben, wenn einem gerade die Perspektive zerplatzt, man nicht mehr weiß, wie es weiter geht, wenn es wirtschaftlich schwierig wird? "Da haben wir noch nicht genug Hilfe­stellung für die Eltern", kritisiert Rücker.

Hinzu kommt, ergänzt Sigrid Andersen, dass viele Mütter und Väter verunsichert sind: "Die Eltern wollen ja alles richtig machen für ihr Kind. Und dann hören sie, dass das paritätische Wechselmodell so verbreitet sei", sagt Andersen. Aber: "Wenn man sich empirische Studien anschaut, dann ist das gar nicht so. Und dass das Wechselmodell das Beste für alle Kinder sei, das stimmt auch nicht und trifft besonders für sehr junge Kinder oft nicht zu. Das zu wissen, kann die Eltern entlasten", betont Andersen.

Realität sieht anders aus

Die verbreitetste Konstellation in Paarfamilien ist laut der Expertin nach wie vor, dass der Vater in Vollzeit und die Mutter in Teilzeit arbeitet. Entsprechend kümmert sich die Mutter meist mehr um die Kinder. "Und natürlich sind Väter heute engagierter und wollen mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen. Aber ihre Erwerbstätigkeit schränken sie in der Regel nicht ein", kritisiert Andersen. Daher sollte man ein Betreuungsmodell wählen, das dem Kind möglichst viel Sicherheit gibt. "Das bedeutet, besonders kleinen Kindern die Hauptbezugsperson im gewohnten Umfang zu erhalten", sagt Sigrid Andersen.

"Das Richtige ist immer das, wo sich alle ein Stück weit abgebildet fühlen", ergänzt Stefan Rücker. Und wenn alles gut geht, die Eltern kommunizieren, zusammen arbeiten und nicht das Beste für sich, sondern tatsächlich für ihr Kind wollen, dann sind auch ganz andere Betreuungsmodelle möglich. "Zum Beispiel das Nestmodell, was uns in dieser Studie tatsächlich nur einmal begegnet ist. Im Prinzip handelt es sich um eine Sonderform des Wechsel­­modells – nur dass die Eltern eben ein- und ausfliegen. Das hat den Vorteil, dass sich am Alltag und Umfeld des Kindes zunächst wenig ändert", sagt Rücker.

Es gibt Einzelfälle, bei denen dieses anspruchsvolle Betreuungsmodell besonders gut klappt. "Ich kenne eine Familie, die hatte eine Mischung aus Nest- und Wechselmodell. Die Ex-Frau hat im Garten ihres Ex-Mannes mit dem neuen Partner ein Haus gebaut. Eine andere Familie hat ihr Haus in der Mitte geteilt. Die Kinder haben ihre Zimmer in der Mitte mit zwei Türen: links der Papa, rechts die Mama – und wenn der eine betreut, wird die andere Tür abgeschlossen – da gibt es die verrücktesten Erlebnisse und auch die fantasievollsten Betreuungsmodelle."

Hilfe bei Fragen zur Trennung

Ist die Entscheidung für eine Trennung erst einmal gefallen, stehen zwangsläufig viele Fragen im Raum:

  • Wie sieht die künftige Wohnsituation aus?
  • Wer betreut wie häufig das Kind? 
  • Wie geht es finanziell weiter? 
  • Wie geht man jetzt miteinander um? Dazu hat zum Beispiel der Bundesverband der alleinerziehenden Mütter und Väter (VAMV) zahlreiche Leit­fäden und Broschüren erstellt.

Der VAMV verfügt zudem bundesweit über 200 regionale Orts­verbände und Kontaktstellen. Sie dienen Allein­erziehenden zum Er­fahrungsaustausch und zur gegenseitigen Hilfe und Unter­stützung. Die Angebote der jeweiligen Orts­verbände unterscheiden sich je nach den Bedürfnissen der Mitglieder vor Ort – von Gesprächskreisen über Informations- und Beratungsangeboten bis hin zu politischen Aktionen. Informationen unter
www.vamv.de

Weitere Anlaufstellen im Internet sind zum Beispiel: www.profamilia.de, www.caritas.de


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