Wechselmodell: Ein Konzept für Trennungskinder

Bisher ist es die Ausnahme, dass Kinder getrennter Eltern abwechselnd bei Mutter oder Vater leben. Dabei kann das Wechselmodell eine gute Lösung für alle sein
von Tina Haase, 09.10.2017

Bei Trennungen wohnen Kinder häufig abwechselnd bei Mama oder Papa

Getty Images/The Image Bank

Anfang des Jahres hat der Bundes­gerichtshof (BGH) entschieden, dass Richter das Wechselmodell auch anordnen dürfen, wenn es ein Elternteil nicht will. Vorausgesetzt, diese Regelung dient dem Kindeswohl. Viele Trennungsfamilien wenden das Modell bereits seit Jahren an, weil es für sie die beste Lösung ist. Eine Psychologin, eine Juristin und ein Richter erklären hier, welche Chancen und Risi­ken diese Art der Betreuung birgt.

Wie funktioniert das Wechselmodell?

Der Nachwuchs wohnt die ­Hälfte der Zeit bei der Mutter und die andere Hälfte beim Vater. Häufiger ist allerdings die asymmetrische Form: Also zum Beispiel eine Aufteilung von 40 zu 60 Prozent oder gar 30 zu 70. Wichtig ist, dass die Kinder Alltag und Freizeit mit ­jedem Elternteil verbringen. Das ist auch einer der Unterschiede zum Residenzmodell, bei dem Kinder den anderen Elternteil nur besuchen.

Beim Wechselmodell entwickelt das Kind enge Bindungen zu beiden, Vater und Mutter können arbeiten, beide haben Freiräume. Eine Sonder­form ist das Nestmodell, bei dem das Kind im Haus der Eltern bleibt und Mutter und Vater abwechselnd bei ihm wohnen.

Prof. Dr. Hilde­gund Sünderhauf-Kravets lehrt Familienrecht an der Evangelischen Hoch­schule Nürnberg

/A. Wunderlich / Köln

Wie oft wird das Wechsel-Modell ­angewendet?

"Die strenge Fifty-Fifty-­Variante wenden 15 Prozent der Trennungsfamilien an", sagt Professorin Hilde­gund Sünderhauf-Kravets, die an der Evangelischen Hoch­schule Nürnberg Familienrecht lehrt. Das asymmetrische Wechselmodell ist in mehr als der ­Hälfte der getrennt lebenden Familien Realität. In den ostdeutschen Bundesländern haben die Kinder häufiger zwei Zuhause als in den westlichen, in der Stadt öfter als auf dem Land.

Wie wird der ­Unterhalt ­geregelt?

Mutter und Vater müssen ­beide für den Barunterhalt ihrer ­Kinder aufkommen, wenn sie sich die Betreuung exakt hälftig teilen. Ist das Einkommensgefälle groß, zahlt der Mehrverdiener oft mehr. Auch wenn es unlogisch erscheint: Schon bei einer 60-zu-40-Aufteilung ist offiziell wieder allein ein Elternteil – meist der Vater – zahlungspflichtig. Natürlich können sich Eltern untereinander einigen, wie sie den Unterhalt anders regeln. Dabei kann das Jugendamt helfen.

Dr. Katharina Behrend ist Diplom-Psychologin und Sachverständige für Familienrecht

W&B/Privat

Geteilt erziehen statt ­allein: Wie ist das umsetzbar?

Die meisten Paare handeln den Umgang der Kinder unter sich aus. Sie erarbeiten (oft mithilfe des Jugendamtes) ­eine Vereinbarung, die gemeinsame Grundwerte in der Erziehung und Abläufe regelt. Ob der Nachwuchs dabei alle drei bis vier Tage, jede Woche oder ­alle zwei Wochen wechselt, hängt von den individuellen Bedürfnissen ab.

"Manchmal gibt es auch ungewöhnliche Lösungen", sagt Dr. Katharina Behrend. Die Diplom-Psychologin aus Lemgo ist Sachverständige für Familienrecht. Sie wird von deutschen Familien­gerichten hinzugezogen, wenn sich ein Paar nicht ­alleine einigen kann. Gemeinsam mit ihm und dem Kind findet sie ­eine Lösung, die die Familie­ eine ­Zeit lang tes­ten kann, bevor­ Behrend sie dem Gericht emp­­fiehlt. "Bei ­einer ­Familie funktionierte es gut, dass der Vierjährige abwechselnd eine Woche beim Vater – hundert Kilo­meter entfernt – und dann wieder zwei Wochen bei der ­Mutter wohnte", so die Expertin.

Zwei Zuhause – wie geht das?

Mutter und Vater brauchen ­eine ausreichend große Wohnung, am ­besten mit jeweils einem eigenen Kinderzimmer. Vieles muss doppelt gekauft werden: Kleidung, Möbel, Spielzeug. Von Vorteil ist, wenn Kindergarten, Fußballverein oder Ballettunterricht von beiden Wohnungen aus erreichbar sind. Die Schule muss sich in der Nähe beider Zuhause befinden.

Welche Vorteile hat das Modell?

Schwedische Studien haben er­geben, dass Eltern und Kinder mit dem Wechselmodell zufriedener sind als mit dem Residenzmodell. "Ganz fundamental ist die enge Bindung, die Kinder zu beiden Eltern­teilen entwickeln", sagt Behrend. Die Kinder haben nach der Trennung seltener psychische Auffälligkeiten.

Weil internationale Studien zum Wechselmodell zu so positiven Ergebnissen kommen, hat der Europarat Ende 2015 eine Resolution verabschiedet. Sie fordert die Mitgliedsstaaten auf, das Wechsel­modell bei Trennungsfamilien als bevorzugte Art des Familienlebens im Gesetz zu verankern. Einige Länder haben das bereits getan. Deutschland noch nicht.

Woran muss man bei den Mini-Umzügen denken?

An die Krankenkassenkarte, an das Lieblingskuscheltier, das immer mitziehen sollte, und an die Schulsachen. Ein Umgangsbuch und ein Kalender können die Terminabstimmung und Absprachen zwischen den Eltern erleichtern.

In welchem Alter ist das Modell geeignet?

Statistisch wird das Modell am häufigs­ten für Kindergarten­kinder gewählt. Auch bei Jüngeren ist ein Wechselmodell möglich. "Bei ­Babys könnte man täglich wechseln. Nach einer Woche ist der ­Papa sonst der Einjährigen womöglich fremd geworden", so Behrend. Wenn Kinder in die Pubertät kommen, sind ihnen ihre Freunde oft wichtiger, und sie entscheiden sich meist für einen Elternteil, der praktischer wohnt oder mit dem sie in dieser Zeit besser auskommen.

Welche Nachteile gibt es?

Manche Kinder empfinden das Wechseln als anstrengend. Allerdings gilt das ebenso beim Residenzmodell. Das Leben an zwei Orten erfordert Organisation. "Wenn es gut läuft, bedeutet der Wechsel keinen Umzug, sondern ein Nachhausekommen in eine der beiden vertrauten Wohnungen", sagt Behrend. Manche Kinder vermissen auch stark den anderen Elternteil.

Wolfgang Keuter ist ­­Familienrichter und stellvertretender Direktor am Amts­gericht Bad Iburg

W&B/Privat

Ist das Wechselmodell eine Lösung für immer?

Es gibt Familien, die mit dem Wechselmodell glücklich sind, bis das Kind volljährig ist. Es gibt auch welche, die es aufgeben, wenn das Kind in die Schule kommt. Alle Familienmitglieder sollten mit dem Modell glücklich sein. Oft müssen sie das Betreuungsmodell nach­justieren oder ändern. Es kommt auch immer auf die aktuelle Lebenssituation an.

Ist das BGH-Urteil gut?

"Auf jeden Fall", sagt Familien­rechtlerin Sünderhauf-Kravets: "Die Karlsruher Richter ­stellten klar, dass sich die gesetzliche Regelung bislang am Residenz­­modell orientiere, doch dass auch ein Wechselmodell möglich sei." Wenn es dem Kindeswohl diene, müssten Familiengerichte die geteilte Betreuung jetzt anordnen, sogar gegen den Willen des anderen Elternteils.

Wolfgang Keuter, ­­Familienrichter am Amts­gericht Bad Iburg, sieht das Urteil kritisch: "Ich kann mir nicht vorstellen, wie Eltern, die schon in der Grund­frage uneins sind, sich so zusammen­raufen, dass sie das komplizierte und kostenintensive Wechselmodell gut bewältigen." Mutter und Vater müssten in der Lage sein, Absprachen zu treffen. Der BGH selbst stellte fest, dass das Modell meist nicht im Inter­esse des Kindes liegt, wenn die Exp­artner stark zerstritten sind. Das sieht auch Psycho­login Behrend so.

Sünderhauf-Kravets jedoch ist optimistisch: Gerade zerstrittene ­Eltern hätten nach der Trennung oft das Bedürfnis nach einer gleichberechtigten Lösung. "Oft verbessert sich das Miteinander durch das Wechselmodell", sagt sie, "weil die Eltern merken, dass es für alle besser läuft, wenn sie sich gegenseitig unterstützen."


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