Teilzeit für Väter: So klappt es

Viele Väter wollen mehr Zeit für die Familie. Aber nur wenige schaffen es. Auch, weil sie selbst oft nicht in Teilzeit gehen wollen. Woran das liegt, was sich ändern muss

von Marian Schäfer, 11.08.2016

Karriere und Zeit mit dem Baby: Für Väter ist das immer noch schwer zu vereinbaren


Als Max Rein seinen Chef auf Teilzeitmöglichkeiten ansprach, begann für den Vater eine Zeitreise. "Warum wollen Sie denn so etwas?", wurde er gefragt. "Haben Sie keine Frau zu Hause?" Rein, der eigentlich anders heißt, fühlte sich ins 19. Jahrhundert zurückversetzt. Dass die Firma gerne Vollzeitmitarbeiter hat – okay. Aber die Frage nach seiner Frau? Er bewarb sich auf andere­ Stellen im IT-Bereich – und hörte Ähnliches. Schließlich wechselte Rein zwar die Firma, arbeitete aber wieder Vollzeit. Mit seiner Frau verständigte er sich darauf, dass sie ihre Stunden reduziert. Zumindest vorerst.

Volker Baisch spricht von einer "Traditionalisierungsfalle", in die viele Paare tappen – und aus der sie sich nur schwer wieder befreien. Für den Geschäftsführer der Hamburger Unternehmensberatung "Väter gGmbH" ist Max Rein kein Einzel­fall. "Familienfreundlichkeit", so Baisch­, "wird noch immer vor allem aus Frauensicht definiert." Er hat nichts gegen Teilzeit- und Förderprogramme für Mütter. Wenn Gleiches aber nicht für Väter gelte­, zementiere dies traditionelle Rollenverteilungen. Verlierer sind dann nicht nur die Väter, die kaum Zeit für die Familie haben, sondern auch die Frauen, die im Job zurückstecken.

Gleichberechtigt Elternsein ist schwer zu realisieren

Die Soziologin Dr. Claudia Zerle-Elsäßer ist kommissarische Leiterin der Fachgruppe "Lebenslagen und Lebensführung in Familien" am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Sie spricht von "work-to-family"- und "family-to-work"-Konflikten, also davon, dass einerseits der Job zu stark ins Familienleben und andererseits die Familienarbeit zu stark in den Job eingreift. Wie die Forscherin zuletzt auf Grundlage des DJI-Surveys "Aufwachsen in Deutschland heute" feststellte, ist das für viele Väter und Mütter eine Tat­sache, mit der sie zunehmend unzufrieden sind. "Die Paare verfolgen ­eigentlich sehr aufgeschlossene, gleichberechtigte Elternkonzepte", sagt die Forscherin­. "Nur lassen diese sich anscheinend kaum umsetzen."

Die Realität sieht so aus: So­lange­ die Kinder unter drei sind, herrscht in den Familien das klassische Ernährermodell vor. Die Mutter bleibt zu Hause­, der Vater geht Vollzeit arbeiten. Danach steigen viele Frauen wieder ein – in Teilzeit, während der Vater weiter Vollzeit arbeitet. Zerle-­Elsäßer spricht vom "modernisierten Ernährermodell". Der in Teilzeit arbeitende Mann, der viel Zeit für seine Familie hat, ist die abso­lute Ausnahme – und das auch fast zehn Jahre nach Einführung des neuen Elternzeitgesetzes, das vor allem auch auf die Väter zielte.

Viele Männer wollen gar keine Teilzeit

In ihrer Erhebung, die gut 3000 Väter umfasste, fand Claudia Zerle-­Elsäßer heraus, dass 37 Prozent der Männer Vollzeit arbeiten. Mehr als die ­Hälfte der Befragten kommen sogar auf über 40 Stunden pro Woche,­ 13 Prozent von ihnen auf über 51 Stunden. Zwar beklagten die meisten Väter, zu wenig Zeit für ihre Kinder und ­ihre Partnerin zu haben. In Teilzeit arbeiten wollen aber interessanterweise nur die wenigsten. Lediglich ein Fünftel gab jeweils an zwischen 31 bis 35 oder 26 bis 30 Stunden arbeiten zu wollen.

Ist den Vätern die Familie­ ­also doch nicht so wichtig? Jutta­ ­Allmendinger, die als Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin in eigenen Studien­ zu ähnlichen Ergebnissen kam, deutete die Zahlen genauso: "Im Zweifelsfall", sagte sie der Wochenzeitung Die Zeit, "ist den Männern der Beruf, die Arbeit wichtiger als die Zeit mit der Familie." Falsch ist das nicht, aber sehr verkürzt. "Zum einen", sagt Claudia­ Zerle-Elsäßer, "zeigen die DJI-Zahlen, dass viele Männer schon froh wären, nicht mehr so viele Überstunden zu machen." Zum anderen verdeutlichen ­ihre Ergebnisse, dass Väter heute­ vor einem Vereinbarkeitsdilemma­ stehen, wie Mütter es seit Jahrzehnten erleben – und dass sie tatsächlich "im Zweifelsfall" eher den Weg der Arbeit wählen, als in die Familie zu streben.

Rollenbilder und Karriereknick schrecken Männer ab

Warum aber ist das so? ­Volker ­Baisch etwa spricht von gesellschaftlichen Erwartungen, die lange­ Bestand hatten und teils noch haben, weil zum Beispiel die eigenen Eltern, aber auch viele Chefs noch in alten Rollenbildern verhaftet sind: Während die Frau beim Kind zu sein hat, hat der Mann gefälligst Kar­riere zu machen. "Und die", so Volker Baisch, "macht in unserer Mehrarbeitsgesellschaft, die geprägt ist von Überstunden, kaum jemand in Teilzeit."

Was Teilzeit stattdessen häufig­ bedeutet, sehen Männer wiederum oft bei Kolleginnen: weniger Verantwortung, weniger spannende Projekte – und nie mehr Vollzeit. Es ist ein entscheidender Punkt, an dem Volker Baisch ansetzt. Ihm geht es um einen Kulturwandel­ – und darum, dass Väter ernst genommen werden. "Viele Firmen haben damit leben gelernt, dass ein Mann, der Vater wird, mal für zwei Monate aussetzt", sagt Baisch. "Aber er bleibt auch danach Vater und braucht zeitweise Flexibilisierungs- und Reduzierungsmöglichkeiten."

Flexibleres Arbeiten wird populärer – aus gutem Grund

Anfangs arbeitete Baisch vor allem mit großen Konzernen zusammen. Mittlerweile fragen vermehrt auch Mittelständler an, deren Führungskräfte­ und Personaler­ er dann schult. Oft ist der Einstieg pragmatisch: mehr Homeoffice und mobiles Arbeiten, mehr Ergebnis- und weniger Präsenzkultur. Oft geht es erst später um Reduzierung durch Teilzeit, Jobsharing oder Sabbaticals, also Auszeiten.

Studien zeigen, dass Unternehmen von Teilzeitregelungen profitieren können: Die Mitarbeiter sind oft motivierter, arbeiten effizienter, haben in Hochphasen Luft für Mehrarbeit – und ein besseres Familienklima, weil das Paar als Ganzes mit der Situation zufrieden ist: "Zukünftig", sagt Baisch, "werden auch immer weniger Mütter dazu bereit sein, zurückzustecken."


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