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Plötzlicher Tod – Wie Trauerarbeit mit Kindern gelingt

Manchmal reißt ein Unfall einen geliebten Menschen plötzlich aus dem Leben, manchmal ist es eine unvorsehbare Erkrankung. Wie Eltern mit ihren Kindern über den Tod sprechen können

von Kira Brück, 08.09.2020

Hat das Leben gerade erst begonnen, sind Gedanken an sein Ende ganz weit weg. Und so neigen Erwachsene dazu, das Thema Tod mit ihren Kindern zu umschiffen. Wenn dann jemand stirbt, etwa die Oma oder ein Elternteil, fällt es schwer, die Worte zu finden für etwas, was man selbst kaum begreift. Wie kann das gelingen? "Ich schlage vor zu sagen: ‚Wir Erwachsene wissen es auch nicht genau, aber ich stelle mir vor, dass Tote in den Himmel kommen. Was denkst du darüber?‘ oder ‚Ich bin noch immer traurig, dass Papa nicht mehr da ist. Und ich denke oft an ihn, ganz besonders abends. Wie geht es dir damit?‘ Schon ist man mitten im Gespräch", sagt Diplom-Psychologin Dr. Franziska Röseberg aus Bonn. Es gehe weniger darum, eine sachliche Information ans Kind zu bringen, als darum, Worte anzubieten für das, wo Worte fehlen, gefühlsmäßig in Verbindung mit den Kindern zu bleiben und emotional verfügbar zu sein. Ob man nun in den Himmel kommt, wiedergeboren wird oder in den Kreislauf der Natur eingeht – Hauptsache, die Vorstellung ist für einen selbst stimmig.

Franziska Röseberg, Diplom-Psychologin am Malteser Krankenhaus Bonn

Trauer als Teil der Lebensgeschichte

Für die Diplom-Psychologin aus dem Malteser Krankenhaus Bonn steht fest, dass eine gute Kommunikation zwischen trauernden Kindern und ihren Bezugspersonen dazu führt, dass der Verlust keine bleibenden Schäden hinterlässt. Unabhängig vom Alter der Kinder und davon, ob der Tod plötzlich kam oder eine lange Krankheit ihn angekündigt hat, "die Trauerarbeit unterscheidet sich kaum. Wenn Kinder gut begleitet werden, können sie irgendwann die Erfahrungen als Teil ihrer Lebensgeschichte sehen und dennoch glückliche Erwachsene werden. Der Tod eines Elternteils führt nicht zwangsläufig in ein unglückliches, schweres Leben", sagt Franziska Röseberg, die lange im Bonner Kindertrauerprojekt "Trau dich trauern" gearbeitet hat.

Kindliche Fragen beantworten

Kinder sind neugierig. Wird der Tod in der Familie zum Thema, ploppt häufig ein ganzer Fragenkatalog auf: ‚Wo kommen Tote hin?‘, ‚Friert man im Sarg?‘, ‚Kann ich eine Leiter in den Himmel bauen, um Oma Erna zu besuchen?‘. Je jünger die Kinder sind, desto einfachere Erklärungen brauchen sie. Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper hat die Familientrauerarbeit in Deutschland maßgeblich beeinflusst. Mehrmals wöchentlich erhält die Expertin Nachrichten, in denen Eltern sie bitten, auf die Fragen ihrer Kinder zu antworten. Der 56-Jährigen ist es wichtig, dass Kinder beim Trauern nicht ausgeschlossen werden. "Wer Trauer in jungen Jahren nicht leben darf, wird später im Leben nicht in der Lage sein zu trauern, weil er es nicht gelernt hat." Schroeter-Rupieper plädiert dafür, auch kleinen Kindern den Umgang mit dem Tod zuzutrauen und sie beispielsweise mit zum Bestatter zu nehmen oder den Leichnam noch einmal ansehen zu lassen – sofern sie dies möchten. "Nimmt man sie dabei an die Hand und erklärt alles in Ruhe über das Abschiednehmen, entsteht kein Trauma", sagt die Expertin.

Trauerbegleiterin Mechthild Schroeter-Rupieper aus Gelsenkirchen

Wie Kinder trauern

Kinder trauern anders als Erwachsene. "Ihre Gefühlslage ist viel wechselhafter. In einem Moment realisieren sie, dass ihre Mutter gestorben ist und weinen oder sind auch wütend, im nächsten Moment möchten sie wissen, wohin es in den Herbstferien geht. Mal sind sie traurig, dann spielen sie wieder, als wäre nichts gewesen", erklärt Franziska Röseberg. "Man könnte sagen, Kinder springen in Trauerpfützen, während Erwachsene durch Trauerseen waten." Es kann sich komisch anfühlen, wenn die Tochter oder der Sohn sagt: ‚Heute habe ich gar nicht an Papa gedacht.‘ Hier gilt es zu akzeptieren, dass gesundes Trauern ein Prozess ist. Kinder leben oft im Jetzt. Gerade ist der Verlust ganz intensiv zu spüren und gleich nicht mehr. Es kann helfen, wenn Erwachsene dies benennen und Kinder ermutigen, etwa so: ‚Es ist gut, dass wir auch fröhlich sind und dass du Spaß mit deinen Freunden beim Spielen hast.‘

Konkrete Hilfsangebote machen

Auch Freunde und Bekannte können einer trauernden Familie helfen. "Ich empfehle konkrete Angebote zu machen, wie ‚Soll ich Justus zum Fußball bringen?‘ oder ‚Kann ich am Wochenende für euch kochen?‘. Das gut gemeinte ‚Meldet euch, wenn ihr was braucht‘ ist manchmal für Trauernde schwierig, weil sie selber nicht wissen, was es etwas leichter machen würde. Gerade am Anfang ist das Gefühl stark, dass nichts helfen kann", sagt Franziska Röseberg. Dass Erwachsene eine Scheu davor haben, mit trauernden Kindern über den Verlust zu sprechen, sei nachvollziehbar, trotzdem: "Wer Kindern und deren Familien in einer solchen Situation begegnet, muss die Betroffenheit und den eigenen Schrecken erst einmal regulieren. Als Begleiter sollte man in eine Handlungsfähigkeit kommen. Und wenn ich mir erstmal mit dem Satz helfe: ‚Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.‘", rät die Psychologin.

Wann ist die Trauer vorbei?

Trauerbegleiter gehen davon aus, dass es nicht den einen Moment gibt, an dem der Verlust nicht mehr schmerzt. Sterben Mutter oder Vater, wird das die Biografie prägen und in manchen Momenten des Lebens auch nach längerer Zeit wieder präsenter sein im Alltag. "Das erste Jahr, früher ja auch Trauerjahr genannt, ist oft ein besonderes: Geburtstage, Weihnachten und Ferien, alles wird zum ersten Mal ohne den Verstorbenen erlebt. Manche Traditionen werden fortgesetzt, andere neu erfunden", sagt Franziska Röseberg. Irgendwann kommen Familien in einer neuen Normalität an, dann ist vielleicht die Zeit der akuten Trauer vorbei. Und trotzdem kann Trauer in manchen Momenten noch einmal sehr präsent sein. Es geht im Verlauf auch darum, dem Verstorbenen einen neuen Platz zu geben, eine Beziehung fortzuführen und Erinnerungen lebendig zu halten. Erwachsene helfen Kindern dabei, indem sie Worte dafür finden und über das sprechen, was sie empfinden. Das sind beispielsweise Sätze wie: ‚Deine Oma ist leider nicht mehr auf der Erde, wie wir sie gekannt haben. Aber wir können uns an sie erinnern, sie bleibt deine Oma. Ihre Kartoffelsuppe war die beste‘ Im Gespräch bleiben, Kinder integrieren und ihre Fragen beantworten – das ist eigentlich das, was Erwachsene für Kinder im Trauerprozess tun können.

Hilfsangebote für Trauernde

In den letzten Jahren entstanden zahlreiche Hilfsangebote für Trauernde. Hier können sich Erwachsene Hilfe holen, wenn sie selbst über ihre Trauer reden möchten oder sich Sorgen um ihr Kind machen. In fast jeder größeren Stadt gibt es auch Trauergruppen für Kinder und Jugendliche, teilweise auch von der Kirche organisiert. Über das Angebot im eigenen Wohnort informiert zum Beispiel das Internet. Ist ein Geschwisterkind gestorben, hilft deutschlandweit der Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V. (veid.de).


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