Papa-Kolumne: Digitale Kinder

Eine App soll Chefs zeigen, wie es ist, ­Familie zu haben. ­Unser ­Kolumnist ­­befürchtet, dass das erst der ­Anfang ist

von Marian Schäfer, 08.06.2018

Mal schnell via App zu Eltern werden? Das könnte einen neuen Trend auslösen, meint unser Kolumnist


Kürzlich las ich einen Text mit der Überschrift "Wenn das Kind im Handy schreit". Ich dachte zunächst, es ginge um Babyphone-Apps, die man ja allein deshalb loben muss, weil sie zumindest einen Elternteil dazu zwingen, sein Smartphone mal aus der Hand zu legen – außer natürlich, es gibt ein Handy im Haushalt, das allein dafür da ist, beim Baby zu bleiben.

Training für Führungskräfte

Jedenfalls lag ich mit meiner Vermutung falsch. Tatsächlich ging es um eine App, die für bis zu zwei Wochen die Betreuung von bis zu drei Kindern simuliert. Zielgruppe der App sind Führungskräfte, die mal erleben sollen, wie es ist, Familie zu haben. Zum Beispiel simuliert sie ein krankes Kita-Kind, zu dem die Führungskraft dann in einer vorgegebenen Zeit eilen muss. Die App überprüft ganz genau, ob sie das auch wirklich tut – und verteilt Plus- und Minuspunkte. Die Führungskraft soll auf diese Weise offen werden für die Probleme bei der ­Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Löst die App das Problem – oder ist sie es?

Natürlich könnte ich jetzt fragen, ob es nicht auch damit getan wäre, wenn einfach mehr Führungskräfte Familie hätten und sich auch darum kümmern würden. Aber das tue ich nicht, weil es altmodisch und naiv obendrein wäre. Schließlich weiß doch jeder, dass eine Frau, die Kinder hat, kaum in eine Führungsposition gelangt und dass Männer in Führungspositionen zwar durchaus Kinder, aber oft trotzdem keine Ahnung haben. Weil sie immer erst nach Hause kommen, wenn die Kleinen schon ­schlafen.

Also macht man halt ’ne App für dieses Problem, so wie man ja für alle Probleme zurzeit Apps macht. Von manchen Problemen weiß man sogar erst, seitdem es ’ne App dafür gibt. Oft schaffen Apps auch erst Probleme (zum Beispiel Konzentrationsprobleme), um sie dann zu lösen (zum Beispiel mit Tipps für eine bessere Konzen­tration. Tipp 1: Mal das Handy weglegen.)

Virtuelle Kinder – der neue Hype?

So gesehen ist die Familien-App ein Positivbeispiel. Sie beschäftigt sich zumindest mit einem wirklichen Problem. Die Frage ist nur, ob sie dieses lindert – oder sogar verschlimmert. Was, wenn um die App ein Hype entsteht wie damals um diese Tamagotchis? Nur dass es heute auch noch Virtual-­­Reality-Brillen gibt und Hologramm-Technik, die das Ganze so richtig erlebbar machen können.

Plötzlich wollen nicht nur Führungskräfte die App, sondern alle – und keiner mehr echte Kinder. Jeder ist zufrieden damit, Familie zu ­simulieren, zwei Wochen im Jahr und nur die schönen Seiten. Das wurmbefallene Kind wäre dann was für Fortgeschrittene, die es mal so richtig wissen wollen. Alle anderen schalten einfach ab und arbeiten weiter …


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