{{suggest}}


Optionszeitenmodell: Mehr Auszeit für die Familie

Statt der Elternzeit ein festes Zeitbudget für Auszeiten vom Job, über das jeder und jede – etwa für Kinderbetreuung – frei verfügen kann: Soziologin Karin Jurczyk spricht über ihr Optionszeitenmodell

von Marian Schäfer, 02.10.2020

Frau Dr. Jurczyk, stimmt es, dass Ihnen das Optionszeitenmodell bereits 1984 vorschwebte?

Jurczyk (lacht): Manchmal müssen gute Ideen etwas reifen. Im Ernst: Tatsächlich saß ich damals mit dem Arbeits- und Sozialrechtler Prof. Ulrich Mückenberger, mit dem ich das Modell nun auch entwickelt habe, in einer Arbeitsgruppe der GRÜNEN, die schon in diese Richtung gedacht hat. Nämlich, dass neben der Erwerbsarbeit Zeit bleiben muss für gesellschaftlich wichtige Dinge wie Kinderbetreuung oder die Pflege von Alten – und dass man darüber frei verfügen können sollte.

Warum war das wichtig?

Die Themen Geschlechtergerechtigkeit und die geschlechtergerechte Arbeitsteilung waren schon damals präsent. Die traditionelle Rollenverteilung stand zur Diskussion, da Frauen immer besser ausgebildet und öfter erwerbstätig waren. Es war absehbar, dass sich unser Lebens- und Arbeitsmodell ändern muss, weil die "Ressource Hausfrau" nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung stand.

Expertin Portrait

Hat sich denn etwas geändert?

Leider nicht, im Grunde leben wir heute noch das 50er-, 60er-Jahre- Arbeitsmodell. Mit dem Unterschied, dass es nicht mehr nur für den Mann, sondern auch für die Frau gilt – mit allen damit verbundenen Problemen. Was wir gerade erleben und immer mehr erleben werden, ist eine große Sorgekrise.

Was meinen Sie damit genau?

Dass bislang weder wohlfahrtsstaatliche Angebote noch eine partnerschaftliche Arbeitsteilung die entstandenen Lücken in der Sorgearbeit auffüllen konnten. Frauen sind dadurch besonders belastet, aber auch Männer.

Aber es gibt doch heute Kitas, Eltern- und Teilzeitmöglichkeiten. Das stimmt zwar, aber Unterbrechungen durch Elternzeiten oder auch Teilzeitphasen gelten nicht als Norm, sondern als Abweichung davon. Sie werden am Ende auch nicht anerkannt, sondern – durch weniger Einkommen, weniger Karrierechancen und weniger Rente – sogar bestraft. Die Norm ist die männliche, dreiphasige Erwerbsbiografie: Schule, Ausbildung/Studium und dann die möglichst durchgängige 40-Stunden-plus-Vollzeitarbeit bis zur Rente. Eltern betrifft das besonders.

Warum?

Weil sie sich in der berühmten Rushhour des Lebens wiederfinden, in der sie eine Familie gründen, beruflich vorankommen und das Einkommen sichern sollen. Sie arbeiten sich kaputt, weil sie alles in das Alter zwischen 30 und 45 hineinpressen müssen – was bei unserer steigenden Lebenserwartung absurd ist. Das müssen wir beenden, indem wir Lebensläufe entzerren. Aber nicht nur der Umfang der Erwerbsarbeit bereitet Eltern Probleme.

Sondern?

Die Arbeit an sich hat sich verändert. Sie ist räumlich und zeitlich entgrenzt, findet also (seit Corona ja in besonderem Maß) immer mehr zu Hause statt und längst nicht mehr nur nine to five. Ständige Erreichbarkeit gehört mitunter dazu, wenn man seinen Job gut machen will. Das wird von Eltern natürlich erwartet. Genauso wie die optimale Förderung der Kinder – am besten schon im Mutterleib – sowie eine gute, romantische Paarbeziehung. Die Anforderungen und Erwartungen an Mütter und Väter sind extrem gestiegen – während ihre Ressourcen eher abgenommen haben. Weil schlichtweg die Zeit fehlt. Oder auch Großeltern nicht mehr unbedingt vor Ort sind, die mal einspringen können.

Sie sagten, eine geschlechter­ gerechte Arbeitsteilung sei bereits 1984 Thema gewesen. Seitdem hat sich ja nicht so viel getan: Er ist oft Ernährer, sie Zuverdienerin.

Das ist das Problem. Und daran wird sich nur etwas ändern, wenn wir Zeit anders verteilen und wir wegkommen von starren Lebensläufen, hin zu einem entzerrten, "atmenden" Lebensphasenmodell. Das würde nicht nur Strukturen verändern, sondern auch unsere (Arbeits-)Kultur.

Was schwebt Ihnen also vor?

Unser Modell geht von einem Zeitbudget von neun Jahren aus, die jeder Mann und jede Frau frei und flexibel nehmen und – etwa durch Teilzeit – auch strecken kann. Diese Zahl ergibt sich aus aktuellen und vergangenen Zeitbudget-Erhebungen, ist aber nicht fix. Ungefähr sechs Jahre entfallen auf Care-Arbeit, also auf das Kümmern um Kinder oder kranke Angehörige, zwei weitere auf Weiterbildung und ein Jahr auf Selbstsorge. Je nachdem, wer profitiert – die Gesellschaft, Unternehmen oder die Privatperson –, wird dies durch Steuern, Beiträge, Unternehmens- oder Privatanteile finanziert.

Werden Lohn­ und Renten­ansprüche dann voll ersetzt?

Wir sehen schon eine Einkommensabhängigkeit und eine Deckelung bei sehr hohen Einkommen vor, aber am Ende sollen diejenigen, die gesellschaftlich relevante Aufgaben übernehmen, bessergestellt sein als heute.

Wie stellen Sie sicher, dass nicht wieder eher die Frau ihr Budget zur Kinderbetreuung nutzt?

Da gibt es viele Lösungen, bis hin zu "Care-Punkten" für Karriereschritte. Am wichtigsten ist aber, dass Väter sich normorientiert verhalten: Die "Väter-Monate" nimmt heute ein gutes Drittel. Wird diese Norm erweitert, erweitert sich eventuell auch die Inanspruchnahme. Den Wunsch haben Väter ja.

Würde es nicht reichen, Arbeits­zeiten generell zu verkürzen?

Das ist zu kurz gedacht. Es gibt Phasen im Leben, in denen man gut und gerne mehr arbeiten kann – und Phasen, in denen das anders ist. Eine lineare Arbeitszeitverkürzung wäre mir zu starr, auch weil vermutlich Dinge wie das Elterngeld bleiben würden, die zwar gut sind, aber auch den Eindruck erwecken, als würden Kinder ab dem 14. Monat keine Arbeit mehr machen. Alle, die Kinder haben, wissen, dass diese zu ganz unterschiedlichen Zeiten Probleme bereiten können. Menschen müssen das Recht haben, sich Zeit zu nehmen, wenn sie sie brauchen.

Ihre Arbeit wurde vom Bundes­ministerium für Arbeit und Sozia­les gefördert. Wie geht es weiter?

Tatsächlich stieß unsere Idee im Ministerium nur teilweise auf Verständnis. Dort liegt wegen des Geburtenrückgangs und des Fachkräftemangels die Priorität darauf, vor allem die Mütter möglichst schnell auf eine möglichst hohe Wochenarbeitszeit zu bringen. Die meisten Vorschläge für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf zielen darauf – und damit an der Realität vorbei. Wir sind von einer umfassend guten öffentlichen Sorgeinfrastruktur weit entfernt, ganz abgesehen davon, dass dies nur teilweise den Bedürfnissen der Familien entspricht.

Können Eltern etwas tun?

Ihren Arbeitgebern selbstbewusst gegenübertreten und sich in politische Prozesse einbringen. Oft fehlt Eltern dafür die Zeit, ich weiß. Aber Familien sollten laut werden – gerade jetzt, in Zeiten von Corona, in denen sie schon wieder unterzugehen drohen.


Wie lange hat Ihre letzte Geburt gedauert?
Zum Ergebnis
Können Sie sich vorstellen, Ihre Eizellen einfrieren zu lassen?
Zum Ergebnis