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Nachhaltig leben: Weltretter

Vor allem Familien interessieren sich für das Thema Nachhaltigkeit. Spätestens seit "Fridays for Future" sind auch viele Kinder besorgt um ihre Zukunft. Wie Eltern dem Problem Klimawandel begegnen können

von Marian Schäfer, 28.02.2020

Es ist ja nicht so, dass das, was Greta Thunberg und die anderen "Fridays for Future"-Aktivisten sagen, neu wäre. Im Grunde handelt es sich um Erkenntnisse über Klimawandel und Umweltzerstörung, die Wissenschaftler und Umwelt­initiativen seit Jahren oder gar Jahrzehnten verbreiten. Plötzlich aber ist das Interesse groß, und Nachhaltigkeit ein Riesenthema.

Das merken wir auch in der Redaktion. Immer wieder treffen Wünsche zu Nachhaltigkeitsthemen ein. Zuletzt hatten sie mitunter eine pessimistische Note: Als dieser Text gerade entsteht, bittet eine ­Leserin etwa um Artikel, die nicht nur sagen, was sich gegen Klimawandel und Umweltzerstörung tun lässt, sondern auch, wie man sich auf ein Leben in einer lebensfeindlichen Welt vorbereitet.

Letzteres wird es hoffentlich nicht brauchen. Ersterem kommen wir aber gerne nach: In dieser Serie erzählen Familien über ihre Umdenkmomente und was sie jetzt anders machen, Experten erklären Hintergründe. Im ersten Teil geht es darum, warum es wichtig ist, überhaupt anzufangen. In den kommenden Monaten steht dann jeweils ein Lebensbereich im Fokus. Weil wir finden, dass es sich lohnt, sein Verhalten auf Nachhaltigkeit abzuklopfen, und dass jeder Schritt zählt, sei er noch so klein.

Familien treiben Umweltdebatte an

Tatsächlich sind Familien entscheidend daran beteiligt, dass das Thema Nachhaltigkeit so groß geworden ist. "Sicherlich sind die Menschen dafür angesichts zahlreicher Umweltphänomene und Hiobsbotschaften inzwischen besonders sensibel", sagt Dr. Katharina Beyerl, Umweltpsychologin am Institut für trans­formative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. "Vor allem aber sind da nun Kinder und Jugendliche, die um ihre Zukunft fürchten. Das macht so etwas Abstraktes wie den Klimawandel konkret." Kein ­Wunder, dass die "Parents" und "Grandparents for Future" längst mitdemonstrieren.

Und doch fällt es oft schwer, im Alltag konkret zu handeln. Denn: Die Klimafolgen, denen ich heute mit meinem Flug den Weg ebne, zeigen sich wohl erst in Jahrzehnten so richtig. Und im Geschäft sehen wir die schöne Jeans und nicht die miese Situation vieler Näherinnen. "­Diese räum­liche und zeitliche Entkopplung macht es schwer, sein alltäg­liches Verhalten zu verändern", erklärt Beyerl.

Und es wird nicht einfacher dadurch, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmen, der Flug nach London beispielsweise nur einen Bruchteil der Bahnfahrt kostet. Oder dass in der Regel spart, wer zu Produkten mit viel Plastik greift. "Es profitiert oft nicht derjenige, der nachhaltig handelt, weil die wahren Kosten im Preis nicht abgebildet sind", kritisiert die Psychologin.

Was also tun? Mehr Verbote? Höhere Preise? "Das auch, aber neben geänderten Rahmenbedingungen wird der Schlüssel sein, dass Nachhaltigkeit zu einer sozialen Norm wird", meint Beyerl. "Im Prinzip sollte nachhaltiges Verhalten so selbstverständlich werden wie die Gutenachtgeschichte."

Eltern haben großen Einfluss

Womit wir wieder bei uns Familien wären. "Eltern haben einen großen Einfluss auf das Umweltverhalten ihrer Kinder, auf ihre Werte und Normen, weil sie Vorbilder sind", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Dr. Mandy Singer-Brodowski vom Institut Futur der Freien Universität Berlin. Es ist wie mit anderen Dingen auch: Essen wir selbst kaum Gemüse, können wir schlecht unsere Kinder dafür begeistern. "Neue Studien belegen zudem, was schon länger vermutet worden ist: Nämlich, dass die Meinung der Kinder zu Umweltfragen auch auf die Einstellung ihrer Eltern wirkt", erklärt Singer-Brodowski, die auch Projektkoordinatorin beim UNESCO-­Weltprogramm "Bildung für nachhaltige Entwicklung" in Deutschland ist.

Als solche untersuchte sie, welche Rolle das Thema schon in der Kita spielt. "Zwar sind Nachhaltigkeitsthemen dort eher spät angekommen", sagt sie. "Dann aber sind sie schnell und gut integriert worden – sowohl, was die frühpädagogischen Studiengänge in der Erzieherausbildung anbelangt, als auch, was die Bildungspläne für die Einrichtungen betrifft." Auch seien rasch Ini­tiativen entstanden, die für Fortbildungen und Projekte in Kitas gehen.

Und plötzlich, wer kennt das nicht, steht der Vierjährige in der Küche und kritisiert den Saft in der Plastikflasche oder das große Familienauto. "Kinder entwickeln sehr früh Empathie und ein Gefühl für Gerechtigkeit und hinterfragen auch unser Verhalten", erklärt Mandy Singer-Brodowski.

Was nicht ausschließt, dass sie es selbst mal nicht so genau nehmen – etwa, wenn es um den Quetschbeutel oder die geliebte Prinzessinnenflüssigseife geht. "Es hilft, Dinge nicht vorzuschreiben, sondern darüber zu reden und zum Beispiel gemeinsam zu schauen, warum Plastikmüll schlecht ist", erklärt die Expertin. "Es ist erstaunlich, wie schnell Kinder verstehen und Akzeptanz für etwas entwickeln, gerade wenn man ihr Mitgefühl anregt."

Macht, nicht Ohnmacht vermitteln

Doch überfordert man die Kleinen (und manchmal sich selbst) nicht schnell, macht Angst? "Die Gefahr besteht, und viele Eltern reagieren mit ­einem verständlichen Schutzreflex", sagt Singer-Brodowski. "Nur sollte man nicht glauben, die Kinder würden nichts merken: Sie bekommen Gespräche mit, vielleicht die Nachrichten. Ihnen fällt auch auf, wenn es in Büchern ständig schneit und draußen nie."

Entscheidend sei, Kindern zu vermitteln, nicht ohnmächtig zu sein, sondern selbst etwas tun zu können. Sie auch zu fragen: Was würdest du gerne ändern? Zu Hause. In der Kita. Auf Glasflaschen umstellen, auf Alufolie verzichten? Für den Geburtstag nach Alternativen zum bunten Pappbecher suchen? Woher kommt eigentlich unser Essen? Und sollen wir mal eine Pro- und ­Contra-Liste erstellen, um zu entscheiden, ob wir noch fliegen wollen? "Das stärkt das Gefühl der Selbstwirksamkeit, und es stärkt Kinder auch darin, ­ihre Entscheidung zu vertreten."

Natürlich kann es auch passieren, dass die Kleinen anders entscheiden, als man es gerne hätte. Zum Beispiel auf Flüssigseife bestehen, so wie auch der Papa vielleicht nicht zum Vegetarier werden will. "Beides muss man respektieren und weiter Angebote machen", so Singer-Brodowski. Womöglich findet sich ja ein rosa Seifenstück mit Prinzessinnenstempel? Und vielleicht schmeckt die Lasagne auch mit 300 statt 500 Gramm Hackfleisch, dafür aus besserer Haltung und vom Schwein statt vom klimaschädlicheren Rind?

Kleine Schritte, realistische Ziele

"Dogmatisch zu sein, hilft nicht", sagt auch Psychologin Katharina Beyerl. "Es mag angesichts der großen Probleme hilflos wirken, wenn jemand ­seine Plastik- gegen eine Holzzahnbürste tauscht oder statt dreimal nur noch einmal die Woche Fleisch isst: Es ist trotzdem richtig, sich realistische Ziele zu setzen und Schritt für Schritt vorzugehen." Ansonsten passiere nämlich oft: nichts.

"Auch ist gut belegt, dass jemand, der in ­einem Bereich etwas verändert, sich oftmals den nächsten vornimmt", erklärt Beyerl. Eine Familie, die Plastik bei Lebensmitteln reduziert, macht sich bald auch Gedanken über die in Plastik verpackte Flüssigseife. Und wer aufs Fliegen verzichtet, wird wohl keine Spritschleuder mehr kaufen.

Mit Freunden, Nachbarn, Kollegen

Oder tut man es gerade dann? "Tatsächlich neigen wir manchmal dazu, uns selbst auszutricksen", sagt Katharina Beyerl. Dann rechtfertigt plötzlich die Photovoltaikanlage das Weiterfliegen, und die neue, ­effiziente Spülmaschine läuft plötzlich doppelt so oft wie die alte. "Man muss sich diesen Effekt selbst bewusst machen, um nicht in die Falle zu tappen."

Und ja, Nachhaltigkeit braucht auch soziale Norm, geänderte Rahmenbedingungen. "Falsch ist es, alle Verantwortung auf den Einzelnen abzuladen. Wir sind nicht perfekt, es bedarf dringend poli­tischer und rechtlicher Regeln", so Beyerl. Damit sich da etwas ändere, müsse sich unten etwas tun. "Da sind wir alle Entscheider", sagt die Psychologin. "Am besten setzt man sich auch mit Freunden, Nachbarn, Kollegen gemeinsame Ziele."


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