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Nachhaltig leben: Unverpackt

Plastik wird zu einem immer größeren Problem. Aber was ist die Alternative? In unserer Serie sagt Familie Jörder: Die beste Einkaufsverpackung ist keine Verpackung

von Marian Schäfer, 28.02.2020

Um den Weg der Familie Jörder zu verstehen, ist es notwendig, sich einmal näher mit dem Thema Plastik und Verpackungen zu beschäftigen. Nur so bekommt man eine Ahnung davon, was Andrea Jörder damit meint, man komme vom Hundertsten ins Tausendste, höre von der einen Seite dies und der anderen Seite das. Bis man am Ende den vermeintlich komplizierteren Weg als den einfacheren sieht, nämlich möglichst unverpackt einzukaufen.

Europa – zweitgrößte Plastikproduzent

Europa ist der zweitgrößte Plastikproduzent der Welt, und Deutschland mit 14,4 Millionen Tonnen der größte in Europa. Laut Umweltbundesamt kamen 2017 davon hierzulande 11,8 Millionen Tonnen auf den Markt. Ein Viertel entfiel auf Verpackungen, der Rest auf Bauprodukte, Fahrzeuge und Elektrogeräte.

Der Plastikatlas der Heinrich-Böll- Stiftung und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz offenbart zudem: Wir sind der drittgrößte Exporteur von Plastikmüll. Und seit China den nicht mehr haben will, landet der Hauptteil davon in Malaysia – oft auf Deponien, nicht selten im Meer. Schätzungsweise 86 Millionen Tonnen Plastik treiben weltweit im Wasser.

Klare Sache? "Nein", sagt Katharina Istel, Referentin für nachhaltigen Konsum beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). "Wer so tut, als würde der Plastikjoghurtbecher, den der Verbraucher im Supermarkt kauft, in Malaysia landen, ist unseriös." Von dem Verpackungsmüll, der in Deutschland etwa im Gelben Sack stecke, würden nur rund zehn Prozent exportiert. Gut sieben Prozent davon gingen zum Recycling in die Niederlande und nach Österreich, der Rest vorrangig in andere europäische Länder. "Man geht davon aus, dass der Großteil der Exporte aus Gewerbe und Industrie stammt", sagt Istel. "Es gibt Bilder von Deponien aus Südostasien, die ganze Chargen entsorgter Verpackungen aus der Produktion zeigen."

Glas ist eine schwere Alternative

Nur: Würden die Hersteller nicht umschwenken, wenn niemand mehr Joghurt in Plastikbechern kauft? "Vielleicht, und was den Gewerbemüll betrifft, wäre das womöglich gut. Für die Ökobilanz – Stand heute – aber nicht." Die Alternative zum Joghurt im Plastikbecher oder der Milch im Karton ist nämlich Glas. Dieses muss nicht nur mit viel Energie (die großteils fossil gewonnen wird) produziert, sondern auch weit transportiert werden. Weil es nur wenige Glas-Abfüllstationen gibt, legt eine Milchflasche laut Institut für Energie- und Umweltforschung aus Heidelberg vom Erzeuger bis zum Händler im Schnitt 721 Kilometer zurück. Der deutlich leichtere Milchkarton 390 Kilometer. "Auch dass in Biosupermärkten soviel Einwegglas steht, hat nichts mit Umweltschutz zu tun", meint Istel. Selbst zu Papp- und Papierverpackungen kann die Expertin nicht zwingend raten: "Für Lebensmittel wird kein Recycling-Papier genutzt, sondern Papier aus frischem Holz – das trägt zur weltweiten Waldzerstörung bei."

Plastik wohl nicht so schlecht?

Nun doch zu Plastik zu greifen wäre aber auch wieder zu kurz gedacht. Zwar scheint die Ökobilanz erst einmal gar nicht so mies zu sein und, wie manch ein Befürworter argumentiert, die schlechte Recyclingquote von rund 36 Prozent dadurch aufgebessert zu werden, dass der große Rest noch als Brenngut für Wärme und Strom sorgt. Kritiker allerdings erwidern stets Folgendes: erstens, dass das billige Plastikverbrennen nachhaltigeren Energieformen Konkurrenz mache. Zweitens, dass es sich beim Recycling eher um ein Downcycling handle – und viel Plastik über Umwege doch in der Umwelt lande.

Tatsächlich wird nur ein Bruchteil der recycelten Plastikverpackungen zu neuen Verpackungen, die meisten hingegen zu minderwertigerem Material vor allem für die Textilindustrie. Das Verpackungsgesetz lässt es auch offiziell zu, zum Beispiel PET-Flaschen als recycelt zu zählen, die zur Herstellung eines Fleecepullovers ins Ausland gebracht werden. Wie dort mit dem Plastikmüll genau umgegangen wird, ist die eine Frage. Wie viele der Kunststofffasern – etwa durchs Waschen – in der Umwelt landen, die andere. Und ob das Plastik in unseren Körper gelangt und was es dort anrichtet, eine weitere. Ganz zu schweigen davon, was mit der Kleidung passiert, wenn sie nicht mehr getragen wird. Das Plastik ist ja immer noch da.

Also Frau Jörder: Ist man irgendwann nicht nur noch unzufrieden? "Nein, weil man bald merkt, dass es darum geht, Verpackungen grundsätzlich zu vermeiden, und dass das gar nicht so schwer ist", sagt Andrea Jörder und wirkt recht fröhlich. "Zudem macht es auch Spaß, weil man sich ganz anders mit den Produkten und auch mit den Menschen dahinter beschäftigt. Für uns ist es schon zu einer Art Leidenschaft geworden."

Eigene Behälter statt Verpackung

Die Jörders leben in Heidelberg und haben zwei Kinder, Leo (2) und Max (5). Als der Große auf die Welt kam, begannen die Eltern umzudenken. "Im ersten Schritt hörten wir auf, fünf Scheiben Käse oder Wurst einzeln  verpackt zu kaufen. Stattdessen nahmen wir ein größeres Stück Käse oder auch mal 15 Scheiben Wurst an der Frischetheke. Heute lassen wir gar nicht mehr einpacken, sondern bringen eigene Behälter mit", sagt Jörder.

Sie begannen, Obst und Gemüse auf dem Wochenmarkt zu kaufen, steckten es – ebenso wie Brot und Brötchen vom Bäcker – in mitgebrachte Beutel. Kauften sie Schokolade, mieden sie einzeln verpackte Mini-Portionen. Nudeln, Reis oder Mehl, besorgten sie in möglichst großen Packungen, und die Flüssigseife tauschten die Jörders gegen Hartseife ("Interessanterweise waschen sich die Kinder jetzt viel länger die Hände").

Trinkwasser nimmt die Familie aus dem Hahn, sprudelt es auf. Säfte kommen in Mehrwegflaschen von regionalen Herstellern: "Auch die Milch kaufen wir in Mehrwegflaschen, die nicht weit von uns entfernt abgefüllt werden, sodass es ökologisch sinnvoll ist."

Der nächste Schritt gelang ihnen, als um die Ecke ein Unverpackt-Laden eröffnete. "Wegen der Nähe gehen wir da gleich mit unseren Vorratsgläsern hin, ansonsten könnte man die Produkte auch erst in Beutel füllen", meint die Mutter. Zudem stieß sie dort nicht nur auf Hartseife, sondern auch auf festes Shampoo und Duschgel: "Heutzutage gibt es das längst auch in normalen Drogerien – und funktioniert prima." Die Eltern verwenden auch keine Zahnpasta mehr aus der Tube, sondern Zahnputztabletten, auf die man vor dem Putzen beißt (für Kinder hat sie noch keine mit der richtigen Fluorid-Dosierung gefunden).

Putzmittel selber herstellen

Mittlerweile stellt Andrea Jörder auch viele ihrer Putzmittel selbst her: "Die Rezepte gibt’s online, Hauptzutat ist immer Leitungswasser – da spart man Geld." Interessant ist auch, wie sich der Unverpackt-Trend ausbreitet. "Neben den speziellen Läden, die meist in Städten eröffnen, sind zunächst Stationen bei Biomärkten entstanden. Es eröffnen aber auch ‚normale‘ Supermärkte Unverpackt-Bereiche oder führen Angebote wie Tupper-Mehrwegsysteme an ihren Frischetheken ein", sagt Katharina Istel.

Die NABU-Expertin empfiehlt, Filialleitungen vor Ort auf solche Angebote aufmerksam
zu machen: "Viele Märkte, auch der großen Ketten, werden oft von eigenständigen Kaufleuten geführt, die auf Nachfrage reagieren."

Andrea Jörder würde sich wünschen, dass der Trend um sich greift. "Es ist aber auch so möglich, Verpackungen zu sparen. Einfach, indem man ein wenig mehr hinschaut."


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