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Nachhaltig leben: Reisen

Die Corona-Krise könnte einen bereits vorhandenen Trend verstärken: Urlaub vor der eigenen Haustür. Der ist nämlich nicht nur nachhaltig, sondern auch kurzfristig planbar

von Marian Schäfer, 29.05.2020

Der letzte Flug ist sechs Jahre her. Einen Tag nach ihrer Hochzeit ging es auf die Malediven, für eine knappe Woche. Gustav, heute sechs Jahre alt, war noch ein Säugling und blieb bei den Großeltern. Mit dem heute vierjährigen Ferdinand war Claudia Fröhling gerade schwanger. "Es sollte etwas Besonderes sein, und Nachhaltigkeit war noch kein so großes Thema", sagt Pierre Fröhling, der die Zeit damals genoss. "Wir bereuen die Reise nicht, auch wenn man heute anders darüber denkt."

Wunsch und Wirklichkeit

Dass es vielen so geht, zeigen regelmäßig Erhebungen des Bundesumweltministeriums (BMU). Zuletzt gab es 2019 eine Reiseanalyse in Auftrag. Demnach hält mehr als die Hälfte der Bevölkerung ökologische und soziale Nachhaltigkeit bei Urlaubsreisen für sehr wichtig. Wenn es aber konkret an die Buchung geht, achten weniger als zehn Prozent auf diese Faktoren. Fern- und Städtereisen boomen, Urlaubsflüge nehmen zu und werden selten klimakompensiert – laut BMU gerade einmal vier Prozent.

"Dass sich beim Thema Nachhaltigkeit Wunsch und Wirklichkeit oft nicht decken, sieht man in vielen Bereichen, aber beim Reisen ist es sicherlich ausgeprägter als etwa beim Einkauf von Lebensmitteln", sagt Professor Harald Zeiss. Er ist Vorsitzender des Ausschusses Nachhaltigkeit beim Deutschen Reiseverband und an der Hochschule Harz in Wernigerode für Nachhaltigkeit und internationalen Tourismus zuständig.

Auch wenn nachhaltiger, sanfter Tourismus noch ein Nischendasein friste, so steige dennoch die Zahl derjenigen, die darauf Wert legen. "Und auch die Massenveranstalter verändern etwas, zum Beispiel hinsichtlich ihres CO2-Ausstoßes", sagt Zeiss. Hotels würden etwa Buffets besser planen, Lebensmittel regionaler und saisonaler einkaufen, Solaranlagen installieren. "Vieles findet hinter den Kulissen statt", so der Experte.

Siegel zur Orientierung?

Licht ins Dunkel könnten Nachhaltigkeitssiegel bringen. "Das Problem ist, dass es eine unglaublich hohe Anzahl davon gibt", sagt Zeiss. Und selbst beim Versuch, diese nach seriös und unseriös zu ordnen, stößt man auf Wildwuchs.

Während zum Beispiel das Umweltprogramm der Vereinten Nationen mit dem GSTC-Siegel globale Kriterien schaffen will, gehen viele Veranstalter eigene Wege, orientieren sich etwa am "Green Travel Index" und kennzeichnen Hotels, die dort gelistet und bei ihnen im Programm sind, wiederum mit eigenen Siegeln wie dem "Grünen Blatt". "Und damit
ist ja auch nur die Unterkunft abgedeckt", betont Zeiss, der damit einen wichtigen Punkt anspricht: Kann ein Urlaub im Bio-Hotel nachhaltig sein, wenn man Tausende Kilometer dorthin fliegen muss?

Vor dieser Frage stehen interessanterweise besonders diejenigen, die bei ausgewiesenen, nachhaltigen Reiseanbietern buchen wollen, die man zum Beispiel am "TourCert"- oder "Travelife"-Siegel erkennt. "Mehrheitlich bieten diese Fernreisen an", so Zeiss. Auch beim "Forum anders reisen", in dem sich nachhaltige Veranstalter zusammengeschlossen haben, gehen die Reisen oft in die Ferne.

Je weiter weg, umso besser?

"Die Welt zu erleben und zu erkunden ist und bleibt auch ein großes Bedürfnis, das nur kleinreden kann, wer schon alles gesehen hat", meint Harald Zeiss. Dennoch fordert er ein Umdenken: "Wenn Fernreise, dann nicht jedes Jahr, sondern nur alle zwei, drei Jahre und dafür länger", gibt er ein Beispiel.

Zudem hält er es für fragwürdig, dass die Qualität eines Urlaubs häufig am Reiseziel gemessen werde, nach dem Motto: Je weiter weg, desto besser. "Wichtig sollte nur sein, was man möchte: Gemeinsam entspannen? Gut essen? Als Familie wandern?" Zeiss glaubt, dass aus den Malediven dann schnell mal Mallorca wird, aus dem Nordpol die Nordsee, aus den "Big Five" die "Small Five", also aus dem südafrikanischen Elefanten die Husumer Strandkrabbe. Am Ende würde der Umkreis, in dem geurlaubt wird, wohl deutlich kleiner.

Das ist etwas, was bei vielen Familien sowieso schon passiert: Eltern, die zuvor als Paar um die Welt gereist sind, entscheiden sich dann doch für Österreich oder die Ostsee. Und in Zeiten, in denen das Coronavirus zumindest ein großes Fragezeichen hinter die meisten Reiseplanungen für den Sommer gesetzt hat, könnte es sogar zu einer Wiederentdeckung der eigenen Region kommen.

Ferien vor der Haustür

Das haben sich auch die Fröhlings vorgenommen – zwar bereits vor Corona, seit dem Ausbruch aber erst recht. Die Familie wohnt in der Nähe von Stade, direkt hinterm Elbdeich. Vor zweieinhalb Jahren zog sie von Berlin hierher. "Ein Argument war damals auch, dass man hier Urlaub vor der eigenen Haustür machen kann", sagt Pierre Fröhling.
So gesehen, war der Umzug das Ende einer Entwicklung: Auf den Malediven-Trip folgte kein weiterer Flug – nicht zwingend aus Nachhaltigkeitsgründen, sondern zunächst einmal, weil die Eltern das Fliegen mit Kindern als zu stressig empfanden. Stattdessen nutzten sie die zwei Elternzeiten für längere Reisen mit Camper und Wohnmobil.
Das ist eine Reiseform, die übrigens nachhaltiger ist, als man denkt: Wer so unterwegs ist, verbraucht in aller Regel sehr wenig Ressourcen wie Wasser und Strom. "Grundsätzlich schneidet auch das Auto als Reisemittel nicht viel schlechter ab als der Zug – wenn es voll besetzt ist", sagt Harald Zeiss.

Danach verreisten die Fröhlings meist zu den Großeltern. "Da waren wir dann in der Uckermark und in der Sächsischen Schweiz – das sind super Urlaubsgebiete mit vielen Seen und Möglichkeiten zum Wandern", erzählt Pierre Fröhling. Mal fuhren sie mit dem Auto dorthin, zuletzt öfter mit dem Zug. "Das kann schon ein entspanntes Fahren sein: spielen, herumlaufen, kein Stau. Wenn man rechtzeitig bucht, ist es auch günstiger als mit dem Auto, weil Kinder kostenlos mitfahren."

Weiter weg waren sie noch einmal im vergangenen Jahr – Campingurlaub in der Toskana. "Von Stade aus ist das natürlich eine Weltreise", meint Papa Fröhling. "Und am Ende haben wir uns gesagt, dass wir für einen Camping-Urlaub eigentlich nicht nach Italien müssen."

Was soll Urlaub leisten?

So kam die Idee mit dem Radurlaub in der eigenen Region. "Wir sind alle begeisterte Radfahrer, und mal ehrlich: Was will man im Urlaub? Neues sehen, Abstand zum Alltag bekommen, den Kopf frei kriegen, an der frischen Luft sein – dafür ist eine Radreise perfekt", ist Pierre Fröhling überzeugt.

Mit den Kindern sollte es ab Ende Juni mit dem Rad nach Cuxhaven gehen, immer den Elbdeich entlang. Auf dem Weg dorthin – es sind knapp 90 Kilometer, eine Distanz, die auch die Kinder in einer Woche gut schaffen – wollten sie mal zelten, mal in Gästehäusern unterkommen, um dann schließlich auf eine Nordseeinsel zu fahren.

"Das lässt sich jetzt natürlich gar nicht mehr planen. Aber wir denken, dass der Radurlaub schon klappen wird", erklärt der Vater. "Ein paar Taschen und das Zelt einpacken, das geht ja auch kurzfristig noch."

Nachhaltig Reisen

  1. Urlaubsziel. Es gilt: je näher, desto besser. Bei Fernweh lieber länger, dafür seltener verreisen. Mit Nachhaltigkeitssiegeln kritisch umgehen (einige sind auf www.label-online.de bewertet). Und selbst nachhaken: Was unternimmt das Hotel in Sachen Umweltschutz? Auch auf soziale Nachhaltigkeit achten: Wird nur mit Saisonkräften gearbeitet?
  2. Anreise. Flüge vermeiden/kompensieren. Am umweltfreundlichsten – abgesehen vom Fahrrad – fährt die Bahn. Kinder bis 15 Jahre reisen kostenlos, es gibt einen Gepäckservice. Auch Fahrten im voll besetzten Auto sind in Ordnung, zudem gelten Wohnmobilreisen als nachhaltig – insbesondere, wenn man auf Naturstellplätzen steht.
  3. Vor Ort. Die einheimische Wirtschaft stärken. Restaurants besuchen, vor Ort einkaufen, Kultur, Land und Leute kennenlernen, Reisen über lokale Büros buchen. Und: wandern statt Jetski fahren.
  4. Urlaub auf dem Bauernhof. Aus ökologischer und sozialer Sicht oft eine gute Sache: Eigenanreise meist kurz, Lebensmittel lokal/regional, trägt zum Überleben von Landwirten bei. Viel Natur und Kultur – wenig CO2.

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